Viele erreichen 45 BeitragsjahreSo wirkt das Erbe der DDR bei den Renten nach

Gerade in Ostdeutschland regt sich der Unmut über das geplante Aus für die "Rente mit 63". Das ist nicht so verwunderlich. Schließlich gab es im Arbeitsleben einige bedeutende Unterschiede zwischen Ost und West - mit Folgen bis heute.
Die abschlagsfreie Frührente für besonders langjährig Versicherte erfreut sich großer Beliebtheit, seit sie im Juli 2014 eingeführt wurde. Im Jahr 2024 gab es in Deutschland mehr als 2,6 Millionen Rentnerinnen und Rentner, die auf diesem Weg schon vor Erreichen des eigentlichen Renteneintrittsalters ihren Ruhestand angetreten haben. Im Zuge der Rentenreform soll diese "Rente mit 63" abgeschafft werden. Die drei ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten lehnen dies ab, mit dem Argument, dass eine solche Abschaffung die Menschen mit ostdeutschen Erwerbsbiografien besonders hart treffen würde - dazu einige Zahlen und Fakten:
Was macht die Besonderheit der Erwerbsbiografien im Osten aus?
Die Rente stellt die Bilanz des gesamten Arbeitslebens dar: Wer in seinem Leben lange gearbeitet und regelmäßig Beiträge gezahlt hat, kann mit einer höheren Rente rechnen. Die Erwerbsbiografien der Rentner in Ostdeutschland sind immer noch stark von den besonderen Bedingungen der DDR geprägt - wobei sich zwei sehr gegensätzliche Entwicklungen auf die Rente auswirken.
Zum einen trugen die Erfahrungen von Massenarbeitslosigkeit und der Trend zu Teilzeitbeschäftigungen nach dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft dazu bei, dass die Ost-Renten im Schnitt niedriger sind als die im Westen. Zum anderen aber führten insbesondere der frühere Arbeitsbeginn in der DDR und die stärkere Beschäftigung von Frauen dazu, dass es im Osten auch viele fast lückenlose Vollzeit-Erwerbsbiografien gibt - und Ostdeutsche deutlich häufiger jene 45 Beitragsjahre erreichen, die für den vorzeitigen abschlagsfreien Renteneintritt erforderlich sind.
Was genau sagt die Statistik?
Im Jahr 2024, für das die aktuellsten Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV) vorliegen, sind bundesweit rund 1,1 Millionen Menschen in Rente gegangen. Von diesen Neu-Rentnern konnten knapp 270.000 - oder 24,2 Prozent - vom vorzeitigen Renteneintritt nach 45 Beitragsjahren profitieren. Im Osten waren es mit 27,4 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt, im Westen mit 23,5 Prozent weniger. Dies geht aus den jährlich aktualisierten Zeitreihen der DRV hervor.
Der Anteil der Menschen im Osten, die von der abschlagsfreien Frührente profitieren, geht allerdings seit Jahren kontinuierlich zurück. Im Jahr 2019 profitierte davon noch jeder dritte Neu-Rentner (34,4 Prozent), im Jahr 2022 waren es noch 29,8 Prozent. In der Entwicklung spiegelt sich die Angleichung der Erwerbsbiografien zwischen Ost und West wider.
Wer nach 45 Beitragsjahren vorzeitig in Rente geht, bekommt aufgrund der durch Einzahlungen erworbenen Ansprüche deutlich mehr Geld als der Durchschnitt der Rentner - 1630 Euro im Monat waren es im Bundesschnitt für die Neurentner im Jahr 2024. Die Durchschnittsrente für alle, die in diesem Jahr mit gesetzlicher Altersrente in den Ruhestand gingen, lag bei 1137 Euro. Diese Tendenz zeigte sich in Ost- wie Westdeutschland.
Welche Unterschiede gibt es sonst noch bei der "Rente mit 63"?
Bundesweit gilt: Von der abschlagsfreien Frührente profitieren Männer viel stärker als Frauen - weil Männer häufiger eine lückenlose Erwerbsbiografie vorweisen können. Der Mann-Frau-Gegensatz ist bei der "Rente mit 63" deutlicher ausgeprägt als der Ost-West-Gegensatz.
Die aktuellsten Zahlen: Von den Männern, die 2024 in Rente gingen, machten bundesweit 28,1 Prozent von der abschlagsfreien Frührente Gebrauch; bei den Frauen waren es bundesweit nur 20,8 Prozent. Am stärksten profitierten Männer in Ostdeutschland von dieser Möglichkeit (30,3 Prozent), am wenigsten Frauen in Westdeutschland (19,8 Prozent).
Welche Rolle spielen weitere Altersbezüge neben der gesetzlichen Rente?
Die gesetzliche Rente ist im Osten viel wichtiger als im Westen, weswegen Menschen im Osten von der geplanten Reform stärker betroffen sind. Im Osten stammen 90 Prozent aller Leistungen, die aus den Alterssicherungssystemen an Rentner ausgezahlt werden, aus der gesetzlichen Rente, im Westen sind es nur 64 Prozent: Dies geht aus dem 2024 veröffentlichten Alterssicherungsbericht der Bundesregierung hervor.
Im Osten beziehen demnach 74 Prozent der Menschen ab 65 Jahren ihre eigene Alterssicherungsleistung ausschließlich aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Im Westen sind es 47 Prozent. Dort spielen Betriebsrenten, Beamtenversorgung und andere Sicherungssysteme eine viel größere Rolle.
Was ist über die Beziehenden der "Rente mit 63" bekannt?
Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge profitierten vor allem Bezieher mittlerer Einkommen: Im Jahr 2021 konnten demnach 36 Prozent im mittleren Einkommensfünftel vorzeitig abschlagsfrei in Rente gehen; im untersten Einkommensfünftel waren es nur fünf Prozent.
In der Debatte über die "Rente mit 63" geht es häufig um stark belastete Beschäftigte wie Krankenschwestern oder Bauarbeiter - die aber laut DIW-Studie oft gar nicht auf 45 Versicherungsjahre kommen. Profiteure seien eher Menschen wie Bankangestellte oder Führungskräfte im öffentlichen Dienst.
Von denjenigen, die abschlagsfrei in Rente gehen können, waren laut DIW weniger als ein Drittel während des Berufslebens im Durchschnitt sehr hoch belastet - dazu zählt das Institut neben körperlicher Anstrengung auch sogenannte psychosoziale Belastungen wie Stress. Demgegenüber seien fast 40 Prozent leicht bis mäßig belastet gewesen.