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Ungeklärte Brände in Russland Steckt Ukraine hinter Angriffen auf russisches Gebiet?

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Russland beschuldigt die Ukraine Anfang April von zwei Hubschraubern aus einen Luftschlag auf ein Öllager in Belgorod verübt zu haben.

(Foto: picture alliance/dpa/Russian Emergency Ministry Press Service/AP)

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Seit Wochen häufen sich Berichte über mysteriöse Brände von russischen Öl- und Munitionslagern. Dass es sich um Unfälle handeln könnte, ist unwahrscheinlich. Stattdessen gibt es Hinweise, die auf Angriffe ukrainischer Truppen hindeuten.

Eine Reihe von Angriffen auf russisches Territorium sorgt seit einigen Wochen für Rätselraten. In der russischen Region Belgorod an der ukrainischen Grenze brach laut russischen Behörden vergangene Nacht in einem Munitionsdepot ein Feuer aus. Menschen wurden keine verletzt, meldet die russische Agentur Interfax. Mittlerweile ist das Feuer wieder gelöscht, doch die Ursache ist bislang unklar. Es ist nicht der erste Zwischenfall dieser Art. Seit Wochen gerät die Region immer wieder unter Beschuss. Zuletzt wurden dabei mindestens zwei Menschen in dem Dorf Schurawlewka verletzt, schreibt der Gouverneur des Gebietes Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, in seinem Telegram-Kanal.

Wer hinter den Angriffen steckt, ist unklar. Russland macht jedoch die Ukraine verantwortlich. Anfang April sollen demnach zwei ukrainische Kampfhubschrauber im Gebiet Belgorod auch ein Öllager beschossen und in Brand gesetzt haben. Die Ukraine hat die Vorfälle weder bestätigt noch dementiert. Das "Conflict Intelligence Team", eine Gruppe russischer Investigativ-Blogger, hingegen behauptet, dass die Rakete von Russland abgeschossen wurde.

Ob es sich wirklich um gezielte ukrainische Angriffe auf russische Öl- und Munitionsdepots handelt, lasse sich nicht so einfach beantworten, sagt Verteidigungsexperte Wolfgang Richter ntv.de. Es stehe Aussage gegen Aussage: "Der ukrainische Generalstab glaubt, es könne sich auch um Provokationen auf eigenem Territorium handeln, um dann die Entscheidung zu rechtfertigen, einen langen, zermürbenden Krieg fortzusetzen", so Richter. Allerdings ergebe das in seinen Augen nicht viel Sinn, denn für einen langen Krieg brauche Russland Treibstoff. Die eigenen Vorräte anzuzünden, würde daher die eigenen militärischen Ziele gefährden.

Videoaufnahmen sollen ukrainische Kampfdrohne zeigen

Doch auch Hinweise, die gegen einen Angriff von ukrainischer Seite sprechen, gibt es. Erst vor zwei Tagen kam es zu einem Inferno in einem russischen Öldepot in Brjansk. Die Stadt liegt rund 150 Kilometer nördlich der russisch-ukrainischen Grenze. Nach Einschätzung des Militärexperten ist die Strecke für einen ukrainischen Kampfhubschrauber zu weit entfernt. Weniger Probleme mit der Entfernung hätten ukrainische Kampfjets. "Allerdings wäre es sehr befremdlich, wenn ukrainische Kampfflugzeuge so einen langen Weg zurücklegen, ohne dass die russische Luftabwehr dies bemerkt und reagiert, und auch noch unbeschadet wieder zurückkommen", erklärt Richter.

Der Verdacht, dass es sich trotzdem um einen ukrainischen Angriff gehandelt haben könnte, zeigen neue Videoaufnahmen. Nahe Brjansk soll eine abgeschossene Drohne vom Typ "Bayaraktar" gefunden worden sein, schreibt die "Bild"-Zeitung und bezieht sich dabei auf Aufnahmen, die in Russland veröffentlicht wurden. Kampfdrohnen des Typs "Bayaraktar TB2" hatte die Ukraine Anfang März aus der Türkei erhalten. Russland deutet das als Beleg für ukrainische Angriffe auf russischem Gebiet.

Dass die Ukraine die Kampfdrohne für so einen Zweck einsetzen, ergebe für Militärexperte Richter nicht viel Sinn. "Die 'Bayaraktar'-Kampfdrohnen sind die wichtigsten Waffen, die sie haben, um gepanzerte Angriffe abzuwehren oder die Artillerie-Unterstützung für gepanzerte Angriffe zu zerstören." Trotzdem sei ein Angriff durch ukrainische Drohnen nicht ausgeschlossen.

"Fraglich, wie sinnvoll Angriffe auf russisches Territorium sind"

Eine Erklärung, die Richter jedoch für möglich hält, sei eine Serie von Sabotageakten. "Das ist meine Vermutung, denn die Häufung der Angriffe spricht nicht für Zufälle oder Unfälle." Doch auch Sabotageakte müssen nicht unbedingt nur im Interesse einer Seite sein, erläutert Richter. "Zwar nützt das unmittelbare militärische Ergebnis der ukrainischen Seite mehr als der russischen." Andererseits könnte es sich auch um eine "false flag"-Operation (zu Deutsch: Operation unter falscher Flagge) handeln, um Gründe für eine Eskalation zu produzieren. Momentan handele es sich bei Antworten auf die Frage nach einem Urheber aber noch um pure Spekulation, betont Richter.

Für Russland stellt sich die Frage nach einem Schuldigen nicht mehr: Sie macht die Ukraine für die Angriffe verantwortlich und droht bereits mit Vergeltungsschlägen. In der Hauptstadt Kiew sollen deshalb wieder verstärkt Kommandostellen für Raketenangriffe ins Visier genommen werden. Auch wenn sich dort "westliche Berater" befänden, wäre deren Anwesenheit "nicht unbedingt" ein Problem, heißt es aus Moskau.

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Der britische Verteidigungsstaatssekretär James Heappey hingegen erklärte, es sei "vollkommen legitim für die Ukraine", Ziele in Russland anzugreifen. "Völkerrechtlich ist das richtig", stimmt Richter zu. Die Ukraine dürfe sich auch jenseits der eigenen Grenzen gegen den Angriff Russlands wehren. "Politisch ist es jedoch fraglich, wie sinnvoll ein Angriff auf russisches Territorium ist", denn das könne dazu führen, dass sich Russland in seiner Existenz bedroht fühlt, so Richter. Davon sei man allerdings noch weit entfernt. Denn nur, wenn das geschehe, rücke die Gefahr einer nuklearen Eskalation näher. "Es darf nicht zu einer Existenzgefährdung Russlands kommen."

Ob die Ukraine wirklich für die Explosionen in den russischen Provinzen verantwortlich ist, kann aufgrund der Informationskampagnen beider Länder nicht sicher geklärt werden. Der ukrainische Präsidentenberater Mykhailo Podolyak gab in einem Kommentar auf Telegram nicht zu, dass die Ukraine für die Vorfälle verantwortlich ist, heißt es im britischen "Guardian". Die Angriffe bezeichnete er jedoch als "Karma" und Rache für den Krieg in der Ukraine. "Die Gründe für die Zerstörung der militärischen Infrastruktur in den Grenzgebieten können sehr unterschiedlich sein", schrieb er laut Reuters und fügte hinzu, dass "früher oder später die Schulden zurückgezahlt werden müssen", wenn ein Land beschließt, ein anderes Land anzugreifen.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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