Politik

Ring um Kabul wird enger Taliban erobern drittgrößte Stadt Herat

251798801.jpg

Die eroberte Stadt Ghasni ist für die Taliban ein strategisch wichtiger Knotenpunkt.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Die Taliban wollen die afghanische Hauptstadt Kabul unter ihre Kontrolle bringen. Diesem Ziel kommen sie in großen Schritten näher. In nur einem Tag nehmen sie zwei wichtige Städte ein: Ghasni und Herat. Damit befinden sich nun elf Provinzhauptstädte in den Händen der Islamisten.

Die radikalislamischen Taliban haben die drittgrößte Stadt Afghanistans erobert. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen der Regierung fiel die Stadt Herat nahe der Grenze zum Iran in die Hände der Extremisten. "Wir mussten die Stadt verlassen, um weitere Zerstörung zu verhindern", hieß es aus den Sicherheitskreisen, die damit entsprechende Angaben der Islamisten bestätigten.

Dem Fall der historischen Stadt Herat mit geschätzt 600.000 Einwohnern waren wochenlange Angriffe auf die Stadt vorausgegangen. Die Taliban konnten zunächst von den Sicherheitskräften und Milizen des dort heimischen Politikers und ehemaligen Kriegsfürsten Ismail Chan in Schach gehalten und teils auch wieder zurückgedrängt werden. Mit der Eroberung der Stadt fielen den Islamisten auch Dutzende Militärfahrzeuge und Waffen in die Hände, wie einer ihrer Sprecher mitteilte.

Herat ist die elfte Provinzhauptstadt, die innerhalb einer Woche von den Taliban erobert wurde. Die Regierung in Kabul kontrolliert neben der Hauptstadt lediglich noch eine Handvoll Gebiete und vielerorts belagerte Städte.

Auch Stadt Ghasni gefallen

Kurz zuvor war bereits die Eroberung der Stadt Ghasni, nur 150 Kilometer vor Kabul, gemeldet worden. Die Stadt hat etwa 180.000 Einwohner. Sie liegt an der wichtigen Ringstraße, die die größten Städte des Landes verbindet. Aufgrund ihrer Nähe zu Kabul hatten die Taliban bereits öfter versucht diese einzunehmen. Seit etwa Mitte Juli hielten sie bereits zwei Polizeibezirke der Stadt. Im Sommer 2018 hatten mehr als 1000 Taliban-Kämpfer bei einem Großangriff auf die Stadt mehr als 100 Polizisten und Soldaten und rund 20 Zivilisten getötet.

Zwei Provinzräte machten dem Gouverneur der gleichnamigen Provinz Vorwürfe. Er habe ein geheimes Abkommen mit den Taliban geschlossen und so die Stadt praktisch an die Islamisten ausgeliefert. Der Gouverneur habe Gasni-Stadt in Richtung Kabul verlassen, hieß es am Morgen. Wenig später teilte das Innenministerium mit, der Gouverneur und mehrere seiner Mitarbeiter seien in der Provinz Wardak, die zwischen Gasni und Kabul liegt, festgenommen worden.

Die Taliban seien überall in der Stadt, sagten die Provinzräte. Sie hätten das Gefängnis übernommen, den Sitz des Gouverneurs und das Polizeihauptquartier. Die Islamisten hätten kurz vor Mitternacht mit ihrem Angriff auf die Stadt begonnen und nach fünf Uhr morgens zwei Polizeibezirke überrannt. Daraufhin seien die Sicherheitskräfte auf einen Hügel rund 15 Kilometer von der Stadt entfernt geflohen. Seit dem frühen Nachmittag sei es in der Stadt ruhig, sagte ein Provinzrat weiter. Die Taliban hätten den Bewohnern gesagt, sie würden sich um ihre Sicherheit sorgen. Es seien kaum Menschen auf den Straßen und die allermeisten Geschäfte seien weiter geschlossen.

Fortschritte in anderen Landesteilen

Auch in anderen Landesteilen konnten die Taliban Fortschritte erzielen. In der bereits gefallenen Provinzhauptstadt Schiberghan im Norden nahmen sie den Flughafen ein. Yar Mohammad Chan, der Sohn des Ex-Warlords Abdul Raschid Dostum, der sich mit seinen Milizen und weiteren Sicherheitskräften dorthin zurückgezogen hatte, sei mit einem Flieger nach Masar-i-Scharif gebracht worden, sagten zwei Provinzräte. Was mit den anderen Soldaten und Polizisten geschah, war zunächst unklar.

Mit dem Fall des Flughafens gebe es kein Gebiet in der gesamten Provinz Dschausdschan mehr, das die Regierung halte. Provinzräte in der wichtigen Stadt Kandahar bestätigten, dass die Taliban das Gefängnis der Stadt erobert haben. Die Islamisten griffen zudem in der Nacht zu Donnerstag erneut die Provinzhauptstadt Kala-e Nau im Nordwesten sowie ein Gebiet etwas außerhalb von Masar-i-Scharif im Norden an.

Außenminister Heiko Maas warnte die Taliban davor, ein Kalifat in dem umkämpften Land zu errichten. Dann werde es "keinen Cent" an deutscher Entwicklungshilfe mehr geben, die derzeit bei rund 430 Millionen Euro pro Jahr liege, sagte der SPD-Politiker im ZDF. "Das wissen auch die Taliban." Er rechne damit, dass sich die Islamisten an der Regierung in Afghanistan beteiligen und sie dominieren wollen. Es sei dann entscheidend, wie die künftige Verfassung des Landes aussehen werde und welche Rechte es für die Menschen geben werde.

Deutsche Bürger sollen Afghanistan verlassen

Das Auswärtige Amt forderte deutsche Bürger zur zügigen Ausreise aus Afghanistan auf. Vor dem Hintergrund der deutlich verschlechterten Sicherheitslage im gesamten Staatsgebiet, inklusive der Hauptstadt Kabul, rate die Botschaft in Kabul allen deutschen Staatsangehörigen dringend zur schnellstmöglichen Ausreise per Linienflug, hieß es in der Nachricht. Die Botschaft wies ausdrücklich darauf hin, dass sie aufgrund ihrer eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten und begrenzten Kapazitäten keine Garantie dafür geben könne, dass auch bei einer weiteren Verschärfung der Sicherheitslage, die möglicherweise auch die Einstellung des kommerziellen Flugverkehrs nach sich ziehen könnte, die konsularische Betreuung gewährleistet werden könne.

Auch die USA, Großbritannien und andere Länder haben ihre Bürger in den vergangenen Wochen zur schnellstmöglichen Ausreise aufgerufen. Frankreich oder Indien haben bereits Rückkehrflüge durchgeführt. Dänemark erklärte, es wolle seine lokal ansässigen Mitarbeiter, die für die Botschaft und das Militär tätig sind und waren, außer Landes holen.

Die Caritas warnte vor einer Zuspitzung der humanitären Situation in Afghanistan. Es kämen verstärkt Binnenflüchtlinge aus den eroberten Gebieten nach Kabul, die dort teilweise unter freiem Himmel in den Parks der Stadt übernachteten. Die Organisation forderte, die humanitäre Hilfe trotz aller Risiken durch die aktuelle Entwicklung zu verstärken.

Quelle: ntv.de, chf/dpa/AFP

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen