Politik

"Sollen wir Brieftauben nutzen?"Russische Soldaten verzweifeln an Telegram-Politik des Kreml

11.02.2026, 21:52 Uhr
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Um die Bevölkerung auf eine Staats-App zu zwingen, schränkt Moskau den Messenger Telegram ein. Die Drosselung behindert aber offenbar die eigene Armee. Ein Oppositionspolitiker wirft den Verantwortlichen vor, den Tod von Soldaten zu riskieren.

Die russische Armee scheint derzeit mit Kommunikationsproblemen zu kämpfen. Seit einigen Tagen schon ist der Zugriff auf die US-amerikanischen Starlink-Satelliten eingeschränkt, jetzt kommt offenbar ein hausgemachtes Hemmnis hinzu: Der Kreml drosselt den in Russland weit verbreiteten Messengerdienst Telegram. Der russische Unternehmer und Blogger Iwan Utenkow schrieb dazu: "An der Front herrscht das totale Chaos! Die Starlinks sind ausgefallen, und jetzt stören sie sogar Telegram! Wie sollen wir denn kämpfen? Mit Brieftauben?"

Die staatliche Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor hatte am Dienstag mitgeteilt, sie werde "schrittweise Beschränkungen" gegen Telegram verhängen. Nutzer berichteten von teils erheblichen Einschränkungen. Telegram ist in Russland nicht nur der beliebteste Messenger, sondern auch ein wichtiges Online-Netzwerk. Prominente und Politiker unterhalten dort eigene Kanäle. Moskau hält die Bevölkerung aber an, die staatliche Konkurrenzplattform Max zu nutzen.

Die Maßnahmen gegen Telegram treffen offenbar an der Ukraine-Front wie im russischen Parlament auf Widerstand. Der Abgeordnete und Vorsitzende der Oppositionspartei "Gerechtes Russland", Sergej Mironow, schrieb in seinem Telegram-Kanal, er erhalte unzählige Hilferufe russischer Soldaten. "Diese Männer vergießen Blut, sie brauchen eine funktionierende Kommunikation, und außer Telegram haben sie oft nichts", so Mironow. Auch der Kreml-treue Kanal "Dva Majora" schrieb, Telegram sei das einzig verbliebene Mittel der Abstimmung zwischen verschiedenen Einheiten. Die Einschränkung könne zu Problemen bei der Drohnenabwehr führen.

Kremlsprecher Dimitri Peskow widersprach laut der Nachrichtenagentur Tass dieser Auffassung: Er sei kein Experte, aber er glaube nicht, "dass die Kommunikation an vorderster Front über Telegram oder einen anderen Messenger erfolgt". Es sei schwer, "sich so etwas vorzustellen".

Dafür erntete Peskow von Militärbloggern Hohn und Spott. "Peskow kann es nicht glauben. Und er hat nicht einmal jemanden, den er fragen kann", lästerte der den Ukraine-Krieg befürwortende russische Journalist Sergej Mardan auf seinem Telegram-Kanal.

Das russische Gesetz verpflichtet Plattformen wie Telegram, Daten über Nutzer innerhalb Russlands zu speichern und deren Nutzung für "kriminelle und terroristische Zwecke" zu unterbinden. Telegram-Gründer Pawel Durow kommentierte die aktuellen Maßnahmen gegen seine Plattform so: "Russland schränkt den Zugang zu Telegram ein, um seine Bürger zum Wechsel zu einer staatlich kontrollierten App zu zwingen, die für Überwachung und politische Zensur entwickelt wurde."

Der Oppositionspolitiker Mironow rief dazu auf, die Risiken "realistisch" abzuwägen: Weder die Verteidigungsfähigkeit noch die Wirtschaft Russlands dürften leiden, der russischen Bevölkerung dürfe nicht die Kommunikation erschwert werden, selbst, wenn Telegram russisches Gesetz verletzt habe. Er schrieb: "Der Tod jedes Soldaten, der wegen dieser 'Verlangsamung' stirbt, wird auf eurem Gewissen lasten!"

Auch der Gouverneur der grenznahen Region Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, äußerte die Befürchtung, Telegrams Verlangsamung könne Gefahren für die russische Bevölkerung bedeuten. Er knüpfte daran folgende Aufforderung: "Um Informationen zu Ihrer Sicherheit und der Ihrer Angehörigen zu erhalten, müssen Sie sich selbstverständlich beim Messenger Max registrieren."

Quelle: ntv.de, lwe

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