Politik

Umfragen, Manipulation, Aufruhr Trump kann 2016er Wahlschock wiederholen

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Will mit allen Mitteln im Weißen Haus bleiben: Donald Trump könnte nach 2016 auch 2020 trotz schlechter Umfragewerte gewählt werden.

(Foto: REUTERS)

2016 liegt Hillary Clinton wie jetzt Joe Biden in fast allen Umfragen vor Donald Trump - trotzdem gewinnt damals der Republikaner die US-Wahl. Auch diesmal kann Trump die Überraschung durchaus gelingen, seine Mittel dafür sind aber radikaler geworden.

Kann Donald Trump das US-Präsidentschaftsrennen trotz äußerst schlechter Umfragezahlen noch zu seinen Gunsten entscheiden? CNN-Anchorman John King wendet sich mit dieser Frage an seine Zuschauer, um dann selber zu antworten: "Ja, aber es wird außerordentlich schwer." Es ist ein Clip des Nachrichtensenders vom 23. Oktober 2016, der fast deckungsgleich ist mit einem vom 18. Oktober 2020. Damals glaubten beinahe alle Experten, Hillary Clinton würde Trump locker besiegen. Heute liegt der diesjährige Kandidat der Demokraten, Joe Biden, in den Umfragen weit vorn.

King zeigt in beiden CNN-Videos eine Landkarte der USA mit den Bundesstaaten, die angeblich alle für Clinton respektive Biden abstimmen werden. 270 Wahlleute aus den jeweiligen Staaten benötigt ein Kandidat, um vom Electoral College zum Präsident gewählt zu werden. Die CNN-Prognose zählt, einige wichtige unentschlossene Swing-States noch nicht mitgerechnet, 307 zu 179 Wahlmänner und -frauen für Clinton gegenüber Trump in dem Clip von vor vier Jahren. In diesem Wahlkampf sind es 290 zu 163 Wahlleute für Biden. Viele Experten halten ein Déjà-vu trotzdem für unwahrscheinlich. Denn vieles ist anders als 2016.

"Biden begeistert so gut wie niemanden"

Schließlich ist Bidens Vorsprung weitaus größer als der Clintons vor vier Jahren. Mit durchschnittlich zehn Prozentpunkten führt der Kandidat der Demokraten vor dem US-Präsidenten in landesweiten Umfragen. Dieser Vorsprung zog sich konstant durch den Wahlkampf und im Gegensatz zu Clintons Führung brach er in den Wochen vor der Wahl auch nicht bemerkbar ein. Die Demokratin führte damals mit sieben Punkten rund drei Wochen vor der Abstimmung, knapp 14 Tage später hatte sich ihr Vorsprung fast halbiert. Die Mehrheit der Wählerstimmen erhielt sie am Ende trotzdem. Das Problem für Biden ist trotz des anhaltenden Polsters: Es gewinnt in den USA eben nicht der mit den meisten Stimmen, sondern der mit den meisten Wahlleuten aus den einzelnen Bundesstaaten.

"Joe Biden wird einen überwältigenden Sieg in Sachen Wählerstimmen erringen, mit einem größeren Abstand, als ihn Hillary Clinton hatte", ist sich auch Thomas Greven sicher. Aber der Experte für das Parteiensystem und den Wahlkampf in den USA am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin warnt im Gespräch mit ntv.de: "Die 270 Stimmen im Electoral College kann Trump nach wie vor erreichen." Clintons damaliges Mobilisierungsproblem habe diesmal auch Biden: "Er begeistert so gut wie niemanden." Auch den Gegenwind gegen "Mainstream-Demokraten", der 2016 vorherrschte, spüre Biden, weil er nicht für wirklichen Wandel, sondern nur für die Rückkehr zur Normalität stehe. Aus genau diesem Grund führt Trump den Wahlkampf als Underdog und könnte erneut Stimmen als Anti-Establishment-Kandidat sammeln.

Außerdem, so Greven, könnten hohe Umfragewerte für den eigenen Kandidaten bei demokratischen Wählern einen demoralisierenden Effekt in Bezug auf den Gang zur Wahlurne haben - und einen gegenteiligen Effekt beim Gegner, der sehe, dass er unbedingt abstimmen müsse, um das Ruder noch rumzureißen. Dieser Effekt falle aber diesmal geringer aus, denn "die vierjährige Präsidentschaft Trumps und das Versagen der Regierung in der Pandemie mobilisiert von alleine", sagt der US-Experte, und das sei ein relevanter Unterschied zu 2016: "In dieser Wahl wird der Amtsinhaber für seine Performance bewertet." Diesmal könnte also demokratische Wähler vermehrt an die Urne treiben, dass sie Trump abwählen wollen - eher als dass sie für Biden stimmen möchten. Dafür spricht, dass schon knapp eine Woche vor dem eigentlichen Wahltag mehr als die Hälfte aller Wähler 2016 ihre Stimme per Briefwahl oder persönlich abgegeben haben - so viele wie nie.

"Die Leute werden schockiert sein"

Wegen des Systems des Electoral College führen die Wahl-Experten Arie Kapteyn vom Center für Economic and Social Research der University of Southern California und Robert Cahaly vom republikanischen Meinungs- und Umfrageunternehmen Trafalgar nationale Umfragen gar nicht erst durch. "Das ist eine irrelevante Statistik", sagten sie dem US-Magazin "Politico". Ihre Umfragen prophezeiten 2016 als einige wenige den Sieg Trumps im Electoral College. Auch dieses Jahr zeigen ihre Auswertungen, dass es in den wichtigen Battleground-States, den umkämpften Staaten, in denen beide Kandidaten eine realistische Siegchance haben, verdammt knapp zugeht. "Die Leute werden schockiert sein", glauben sie.

Clinton verlor vor vier Jahren die Battleground-States Michigan, Pennsylvania und Wisconsin - und hätte dort insgesamt nur 80.000 Stimmen mehr benötigt (0,06 Prozent aller abgegeben Stimmen), um in diesen drei Staaten und damit auch insgesamt zu gewinnen. Aber: Auch dort führt dieses Jahr in den meisten Umfragen Biden vor Trump. Allerdings zeichnen sich leichte Veränderungen ab: In Iowa führt Trump bei einer Umfrage jetzt mit sieben Prozentpunkten, nachdem dieselbe Umfrage im September dort noch einen Gleichstand angezeigt hatte. In Florida und Pennsylvania gibt es mittlerweile Vorhersagen in beide Richtungen und in Michigan zeigen alle Umfragen Bidens Sieg an - bis auf die von Cahalys Trafalgar Group, die schon 2016 richtig lag. "Es ist in vielen dieser Staaten noch eng genug, dass Trump dort gewinnen kann", sagt Wahl-Experte Greven.

Trump-Wähler lügen in Umfragen

Dass Trumps Chancen durchaus nicht so schlecht stehen, wie manche Vorhersage vorhersagt, führen die Umfrage-Fachmänner Kapteyn und Cahaly auf das Phänomen der "shy voters" zurück: der schüchternen Wähler, die sich öffentlich nicht zu Trump bekennen möchten und die Statistiken verzerren. 2016 fanden Kapteyn und Cahaly heraus, dass US-Bürger in Telefonumfragen - auf diese Art werden die meisten immer noch durchgeführt - seltener angaben, für Trump zu stimmen, als wenn sie online oder per Brief befragt wurden. Dieses Jahr seien viele Menschen aufgrund der aufgeheizten Stimmung im Land "noch zögerlicher", ihre Trump-Unterstützung kundzutun, um nicht mit den extremen und lauten Fans des Präsidenten in einen Topf gesteckt zu werden. In Kapteyns und Cahalys Fokusgruppen fiel der Vorsprung Trumps um etwa die Hälfte, wenn sie die Teilnehmer fragten, für wen ihre Freunde und Nachbarn stimmen, und nicht, wen sie selbst wählen würden.

Dagegen hat Biden andere Asse im Ärmel: Einerseits dürften aufgrund der ethnischen Polarisierung US-Bürger of Color vermehrt Trump abwählen wollen. Außerdem gibt es da noch die unentschlossenen Wähler. Beziehungsweise ihre geringe Anzahl in diesem Jahr. 2016 siegte Trump über Clinton mit acht Prozentpunkten bei den Wählern, die sich erst im letzten Monat vor der Wahl für einen der Kandidaten entschieden hatten. Viele kann er jetzt nicht mehr abgreifen; die Erfahrung mit vier Jahren Trump als Präsident hat diese Zahl stark reduziert. Aber, sagt Greven, das Phänomen des "undecided voter" werde generell überschätzt, denn selbst unabhängige Wähler hätten meist deutliche Tendenzen in die demokratische oder republikanische Richtung.

Trump profitiert von der Spaltung

Vielmehr erkennt der Wahl-Experte weitere Faktoren, die Trump dieses Mal in die Hände spielen: den Celebrity-Faktor Trumps zum Beispiel, der in den vergangenen vier Jahren nicht nur unangetastet blieb, sondern durch eine 24/7-Aufmerksamkeit für den Präsidenten stetig anstieg. Beinahe kultisch wird Trump von seinen Anhängern verehrt. Egal, was er tut oder sagt. Aufgrund der extremen Polarisierung und der Spaltung der Gesellschaft würde in den USA eben nicht mehr bewertet, was jemand sagt oder tut, sondern nur noch, wer das macht, so Greven: "Wir haben es fast mit einer Tribalisierung zu tun. Die Bürger gehören quasi unterschiedlichen Stämmen an, die nicht mehr miteinander kommunizieren, und sie haben keine gemeinsame Wissens-, Fakten- und Wertebasis mehr." Trump befeuert dieses Phänomen, zieht genau daraus seine Stärke und kann auf eine treue Wählerschaft bauen.

Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Das sollte man aus 2016 gelernt haben. Obwohl Biden fast überall vorne liegt, kann Trump die Präsidentschaftswahl also genauso gewinnen wie 2016 gegen Clinton. Die Umfrage-Experten Kapteyn und Cahaly erklären das auch damit, dass Menschen einfach gerne und überall lügen. Also auch in Umfragen. Greven von der FU Berlin warnt ebenfalls: "Umfragen müssen mit Vorsicht genossen werden und können sehr trügerisch sein." Außerdem darf angenommen werden, dass Trump den Wahl-Schock von 2016 diesmal auf illegale Weise wiederholen will.

Gewalt und Manipulation?

Deshalb wäre eine Vorhersage, was passiert, sollte Trump nicht auf genügend Wahlmänner kommen, die Wahl also verlieren, ohnehin noch wichtiger. Die Republikaner versuchen bereits mit illegitimen Mitteln die Wahl zu entscheiden, indem sie die Briefwahl diskreditieren und Demokraten von der Stimmabgabe abhalten. Allein in Texas versuchten sie (wenn auch vergebens), 100.000 Stimmen, die in einem Drive-through-Wahllokal abgegeben wurden, für ungültig erklären zu lassen.

Dass Trump eine Niederlage möglicherweise nicht akzeptieren würde, hat er mehrfach deutlich gemacht. Je länger die Ergebnisse in einem oder mehreren Staaten überprüft würden, umso wahrscheinlicher ist es, dass Gerichte die Wahl entscheiden - bis rauf zum Supreme Court, wo konservative Richterinnen und Richter mittlerweile eine klare Mehrheit bilden.

Selbst Aufruhr und gewalttätige Auseinandersetzungen auf der Straße sind nicht auszuschließen, sondern sogar wahrscheinlich. Läden in US-Großstädten verbarrikadierten sich dieser Tage bereits. "Da muss man Schlimmstes befürchten", warnt Greven: Die Polizei und die Nationalgarde wären eher auf der Seite Trumps, das Justizministerium sowieso. Wenn der Wahlausgang umstritten ist, hätten außerdem die Einzelstaatsparlamente - die Republikaner regieren in vielen dieser Staaten - das Recht, die Sache an sich reißen und von ihnen selbst bestimmte Wahlleute nach Washington zu schicken, sagt der US-Experte: "Das kann noch sehr hässlich werden." Alle Umfragen wären dann ohnehin für die Tonne.

Quelle: ntv.de