Bolsonaro feiert ErfolgTrumps Favorit erteilt Brasiliens Präsidenten eine harte Lektion

In der ersten Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahl muss der regierende Lula eine schmerzhafte Niederlage hinnehmen. Stattdessen feiert der Sohn des inhaftierten Jair Bolsonaro einen überraschenden Erfolg. Doch jetzt muss eine Stichwahl die Entscheidung bringen.
Als Luiz Inácio Lula da Silva um 21.38 Uhr den Konferenzsaal in São Paulo betritt, brandet Jubel auf. Minutenlang hallt der Schlachtruf "Olé, olé, olá, Lula" durch den Saal. Dann ergreift der amtierende Präsident Brasiliens das Wort. "Wir haben heute eine Lektion in Sachen Demokratie erhalten."
Für Lula und seine Arbeiterpartei ist der Abend trotz aller Sprechchöre eine Niederlage. In den meisten Umfragen hatte er knapp vor Flávio Bolsonaro, Sohn des inhaftierten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, gelegen. Doch am Ende landete dieser knapp zwei Prozentpunkte vor dem Ex-Gewerkschafter mit der markanten Kratzstimme. Nun entscheidet eine Stichwahl am 25. Oktober über die brasilianische Präsidentschaft.
Die Arbeiterpartei hatte sich am Sonntagnachmittag in einem Hotel im gehobenen Viertel Jardins versammelt. Geladen waren Pressevertreter aus aller Welt sowie zahlreiche Gäste der Partei. Umringt von führenden Vertretern der brasilianischen Linken scherzte Lula auf der Bühne, er möge Stichwahlen eigentlich. "Die Bolsonaristen müssen sich warm anziehen", versprach er.
Etwas ratlos steht ein Mann nach Lulas Rede in der Hotel-Lobby. Er trägt ein knallrotes Lula-Shirt, auf seiner Kappe steht: "Brasilien gehört den Brasilianern." Es ist der 70-jährige Luiz Turco, Mitgründer der Arbeiterpartei PT. Er habe ein anderes Ergebnis erwartet, sagt er ntv.de. Das Ergebnis sei "eine Überraschung" für ihn. Er glaubt aber, die Parteibasis habe die Fähigkeit, das Blatt noch zu wenden. "Schon morgen geht der Wahlkampf weiter."
Erfreulicher Ausgang für Trump
Am Sonntag waren knapp 160 Millionen Wahlberechtigte in Brasilien aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. In São Paulo und vielen anderen Städten gingen Anhänger Lulas in Rot gekleidet zur Wahl. Viele Anhänger*innen Bolsonaros gaben ihre Stimme in gelber gekleidet ab. Bis auf wenige Ausnahmen blieb es an den Wahllokalen ruhig.
Mit besonderer Sorge blickten viele Lula-Anhänger in Richtung Washington. US-Präsident Donald Trump hatte einen Zollkonflikt mit Brasilien vom Zaun gebrochen und wiederholt deutlich gemacht, dass er sich einen Machtwechsel in Brasilien wünscht. Am Sonntag erklärte der Generaldirektor der brasilianischen Bundespolizei, Andrei Rodrigues, seine Behörde prüfe Hinweise auf eine mögliche ausländische Einflussnahme. Hintergrund ist eine Recherche des "Guardian". Demnach soll die Trump-Regierung rund eine Million US-Dollar für Projekte bereitgestellt haben, die sich gegen den Obersten Gerichtshof richten, ein Feindbild der extremen Rechten.
In einem CNN-Interview hatte Lula zuvor erklärt, "sehr besorgt" über eine mögliche Einflussnahme durch den US-Außenminister Marco Rubio zu sein. Zugleich betonte er, die Wahl müsse von den Brasilianern selbst entschieden werden. Die US-Regierung wies den Vorwurf einer Einmischung zurück. Der Präsident des Wahlgerichts, Kassio Nunes Marques, erklärte, es habe keine Anzeichen für eine ausländische Einflussnahme gegeben.
Für US-Präsident Trump dürfte der Ausgang des ersten Wahlgangs dennoch erfreulich sein: Sein politischer Verbündeter Flávio Bolsonaro geht als Favorit in die Stichwahl. Der Wahlausgang fügt sich in einen breiteren Rechtsruck in Lateinamerika ein.
Rechte feiern etliche Wahlsiege
Viele Lula-Anhänger üben sich - typisch brasilianisch - in Zweckoptimismus. Doch selbst für den erfahrenen Wahlkämpfer Lula dürfte es schwer werden, den Vorsprung aufzuholen. Seine Partei spekuliert nun darauf, die Nichtwähler zu mobilisieren. Rund 20 Prozent der Brasilianer gingen - trotz Wahlpflicht - nicht zur Wahl. Was gegen eine Aufholjagd spricht: Die drei bestplatzierten Kandidaten hinter Bolsonaro und Lula sind allesamt konservativ. Sie werden aller Voraussicht keine Wahlempfehlung für Lula abgeben.
Und auch sonst sieht es nicht gut aus für die Linke. Neben dem Präsidenten wurden auch das Abgeordnetenhaus, Teile des Senats, die Gouverneure und die Landesparlamente gewählt. In São Paulo, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaates, setzte sich der Bolsonaro-nahe Amtsinhaber Tarcísio de Freitas bereits in der ersten Wahlrunde durch. In Rio de Janeiro lag der ultrarechte Kandidat Douglas Ruas klar vor Amtsinhaber Eduardo Paes, verfehlte jedoch die absolute Mehrheit. Die beiden müssen deshalb in einer Stichwahl gegeneinander antreten.
Auch bei den Parlamentswahlen zeichnet sich ein weiterer Rechtstrend ab. Sowohl in den Senat als auch in die Abgeordnetenkammer ziehen viele ultrarechte Kandidaten ein. Besonders auffällig: Viele von ihnen machten zunächst in den sozialen Medien auf sich aufmerksam. Es gibt etliche Polit-Influencer, die dort ein Millionenpublikum erreichen und die traditionelle Kommunikation auf den Kopf gestellt haben. Gerade die extreme Rechte punktet im Netz, auch weil ihre ständigen Provokationen von den Algorithmen der großen Plattformen belohnt zu werden scheinen.
Flávio Bolsonaro ist nicht das einzige Familienmitglied, das aus der Wahl gestärkt hervorgeht. Zwei seiner Brüder und seine Stiefmutter errangen Sitze im Parlament. Außerdem hat Flávio Bolsonaro angekündigt, seinen Vater im Falle eines Wahlsiegs begnadigen zu wollen. Dieser verbüßt derzeit eine Haftstrafe wegen des versuchten Staatsstreichs. Der Familien-Clan steht kurz vor einer Rückkehr an die Macht.
