Politik

Strafe statt Rehabilitierung US-Gefängnisse laufen über

Es ist ein amerikanisches Phänomen, kein anderes westliches Land würde sich hier die USA zum Vorbild nehmen, schreibt Rechtsprofessor James Whitman von der Yale-Universität. "Anstatt ein Musterbeispiel für die Welt zu sein, wird Amerika mit Schrecken betrachtet."

Tatsächlich: Die Zahlen sprechen für sich. Die USA sind die Weltmeister im Einsperren. Die Gefängnisse in den einzelnen Bundesstaaten platzen aus den Nähten; die Kosten, Menschen hinter Gittern zu halten, sind in den vergangenen 20 Jahren sechsmal so stark gestiegen wie die Ausgaben für Bildung, stellte das unabhängige Wissenschaftsinstitut PEW unlängst fest. Danach haben die USA einen neuen Rekord aufgestellt: 2,32 Millionen der etwa 300 Millionen US-Einwohner saßen in diesem Frühjahr hinter Gittern - etwa jeder hundertste Erwachsene im Land verbringt damit zurzeit seine Tage in Gefängniskleidung.

Zum Vergleich: Die asiatische Supermacht China, in der viermal so viele Menschen leben, hält schätzungsweise 1,6 Millionen Menschen hinter Gittern, wie das International Center for Prison Studies in London errechnet hat. Das schließe allerdings nicht die vermutlich Abertausenden ein, die sich außerhalb des Justizsystems zur "Umerziehung" in Gewahrsam befänden. Während in den USA von 100.000 Menschen 750 im Gefängnis sitzen, kommen dem Center zufolge in Russland auf 100.000 Einwohner 627 Inhaftierte, in England sind es demnach 151 und in Deutschland 88.

Öffentlichkeit für harte Bestrafung

Seit Jahren beschäftigen sich Experten mit der Frage, warum die US-Gefängnisse derart voll sind, der Gedanke der Strafe und Abschreckung so stark über dem der Rehabilitierung dominiert. Whitman führte dies kürzlich in der "New York Times" zum Teil darauf zurück, dass die USA generell ein unabhängiges Land seien, das sich auf sich selbst verlasse "und die individuelle Selbstverantwortung betont". Andere sehen noch einen anderen Grund: die Demokratie. Die meisten der staatlichen Richter und Ankläger seien gewählte Beamte - und folgten damit der öffentlichen Meinung, die für harte Bestrafung ist.

Bis 1975 lag die Häftlingszahl in den USA noch deutlich niedriger. Dann gewann eine Bewegung an Stärke, die wachsende Kriminalität im Land mit "Null-Toleranz" zu bekämpfen. Und das hieß: Mehr Freiheitsstrafen auch für gewaltlose Verbrechen und längere Haft.

Einbrecher in den USA sitzen durchschnittlich 16 Monate hinter Gittern, in England sind es 7 und in Kanada 5 Monate, betont zum Beispiel das "Sentencing Project", eine auf Strafjustiz spezialisierte Organisation in Washington. Demnach gibt es neben den USA auch kaum einen anderen Staat, der sogar kleinere Scheckbetrüger inhaftiert. Und allein in Texas sitzen PEW zufolge etwa 5500 Menschen wegen Alkohol am Steuer im Gefängnis - manche haben noch nicht einmal Schaden angerichtet.

500.000 wegen Drogen hinter Gittern

Eine größere Rolle spielt aber der verschärfte Kampf gegen die Drogenkriminalität: 1980 waren 40.000 Menschen wegen solcher Verbrechen eingesperrt, zurzeit sind es nahezu 500.000 - fast eine Gefängnisgesellschaft für sich. Die Amerikaner verfolgen den Krieg gegen Drogen mit einem "ignoranten Fanatismus", zitiert die "New York Times" Vivian Stern vom Center for Prison Studies.

Marie Gottschalk, Autorin eines Buches über die "Masseninhaftierung in Amerika", hält das Rezept des Einsperrens als Allheilmittel für eine "Schande". Sie beklagt vor allem, dass die Schwarzen gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung überproportional betroffen seien. Tatsächlich zeigt die PEW-Studie, dass jeder neunte Afroamerikaner zwischen 20 und 34 Jahren in den USA hinter Gefängnismauern sitzt, während die Rate bei den Weißen im selben Alter bei 30 liegt. Schwarze hätten es zudem besonders schwer, nach ihrer Entlassung Arbeit und insgesamt Anschluss zu finden.

Lange Haftdauer

Die "New York Times" zitiert indessen Experten, denen zufolge die besonders hohe Quote von inhaftierten Schwarzen nicht das ist, was die USA von anderen Ländern unterscheidet. Auch in Kanada, Großbritannien und Australien etwa seien Minderheiten besonders betroffen. Es sei hauptsächlich die Haftdauer, die zur Überfüllung der Gefängnisse führe und Amerika zu einem Außenseiterstaat mache, einem Land, das sie entschieden hat, "nicht den normalen westlichen Standards zu folgen", wie Stern sagt.

Rechtfertigt der Erfolg die Mittel? Darüber streiten sich die Experten. Dank der "Null-Toleranz" ist in den vergangenen 20 Jahren laut Statistiken die Zahl der Gewaltverbrechen um ein Viertel zurückgegangen. Aber zugleich ersticken die 50 Bundesstaaten an den Ausgaben für den Gefängnisunterhalt: Rund 50 Milliarden Dollar geben sie zusammen jährlich dafür aus. Das geht vor allem zu Lasten der Bildung. Angesichts leerer Haushaltskassen wollen nun mehrere Staaten Gefangene, die keine Gewaltverbrechen begangen haben, vorzeitig entlassen. Allein in Kalifornien sollen es 22.000 Häftlinge sein.

Von Gabriele Chwallek, dpa

Quelle: n-tv.de