Politik

"Geschaffenes nicht gefährden" US-Truppenabzug sorgt Bundesregierung

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Bis 15. Januar sollen laut US-Präsident Donald Trump 2000 der 4500 US-Soldaten aus Afghanistan heimkehren.

(Foto: picture alliance / dpa)

Trumps Ankündigung, US-Truppen aus Afghanistan abzuziehen, hat großes Unverständnis ausgelöst. Für die Bundeswehr gilt eine Fortsetzung des Einsatzes damit als schwierig bis unmöglich. Das Auswärtige Amt ist mit den USA im Gespräch. Aus Afghanistan kommen derweil unterschiedliche Reaktionen.

Die Bundesregierung ist besorgt, dass der angekündigte raschere Abzug von US-Truppen aus Afghanistan die Stabilität des Landes gefährden könnte. Es sei wichtig, das in dem Land Geschaffene nicht durch voreilige Schritte zu gefährden, sagte Außenminister Heiko Maas in Berlin. "Ohne Not sollten wir nicht noch zusätzliche Hürden aufbauen, die ein überstürzter Abzug aus Afghanistan ganz sicherlich zur Folge haben würde."

Die Bundesregierung sei vor allem besorgt darüber, welche Folgen die Ankündigung der USA für die eingeleiteten Friedensgespräche zwischen der afghanischen Regierung und den radikalislamischen Taliban habe. Die Gespräche seien schwierig genug und sollten nicht mit weiteren Hürden behindert werden.

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte, die Bundesregierung sei mit den USA in Gesprächen. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums fügte hinzu, dass man abwarten müsse, ob und in welchem Umfang tatsächlich US-Soldaten abgezogen würden. Wenn die USA aber etwa nur 2500 Sanitätssoldaten in Afghanistan lassen sollten, lasse sich auch der Auftrag der Bundeswehr nicht mehr erfüllen.

Deutsche seit 19 Jahren in Afghanistan

Die US-Regierung hat angekündigt, dass die Truppenstärke in Afghanistan bis zum 15. Januar von 4500 Soldaten auf 2500 fallen solle. Die USA stellen mit Abstand den größten Teil der Nato-Truppe in Afghanistan, die vor allem die afghanischen Streitkräfte ausbildet. Die Bundeswehr ist mit gut 1200 Soldaten beteiligt und hat im Norden des Landes die Führungsrolle.

Ohne die Amerikaner gilt eine Fortsetzung des Einsatzes als schwierig bis unmöglich. Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan dauert schon 19 Jahre und ist der verlustreichste in der Geschichte der Truppe. 59 deutsche Soldaten kamen in Afghanistan ums Leben, der größte Teil davon wurde bei Anschlägen oder in Gefechten getötet.

Welche Folgen der Wahlsieg von Trumps Herausforderer Joe Biden für den außerdem von Trump angekündigten Abzug von US-Truppen aus Deutschland habe, sei noch nicht abzusehen, sagte Maas. "Das werden wir sicherlich sehr, sehr schnell mit der neuen Administration besprechen." Ohnehin seien die bisherigen Abzugspläne "nicht so schnell umsetzbar".

Auch die Bewohner der afghanischen Hauptstadt Kabul zeigten sich besorgt. "Der Abzug ausländischer Soldaten wird dazu führen, dass die Taliban die Gewalt eskalieren werden", sagte Fatima Safari. Ein Sprecher des afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani erklärte zunächst lediglich, der Staatschef habe mit Pentagon-Chef Miller über eine "fortgesetzte bedeutungsvolle US-Militärunterstützung" für die afghanischen Sicherheitskräfte gesprochen.

Erfreut zeigten sich hingegen die Taliban. Ein Taliban-Sprecher bezeichnete die US-Ankündigung als "guten Schritt und im Interesse der Menschen in beiden Ländern": "Je früher die ausländischen Kräfte abziehen, desto mehr wird der Krieg verhindert."

Nato: Errungenschaften bewahren

Nach Angaben der Nato bedeutet der Truppenabzug nicht das Aus für den Bündniseinsatz in dem Land. "Auch mit den angekündigten weiteren US-Reduzierungen wird die Nato ihren Einsatz zur Ausbildung, Beratung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte fortsetzen", bekräftigte Bündnissprecherin Oana Lungescu in Brüssel. Es gelte, die Errungenschaften zu bewahren, die man im Kampf gegen den internationalen Terrorismus erzielt habe. Die Nato solle Afghanistan erst dann verlassen, wenn die Zeit dafür reif sei.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte bereits am Dienstag vor den möglichen Folgen eines überhasteten Abzugs von Truppen aus Afghanistan gewarnt. Der Preis für ein zu schnelles oder unkoordiniertes Verlassen des Landes könne sehr hoch sein, sagte der Norweger. Afghanistan drohe wieder ein Rückzugsort für internationale Terroristen zu werden, die Angriffe auf Nato-Länder planten.

Trump zeigte sich von dieser Warnung allerdings unbeeindruckt. Bereits im Oktober hatte er sich auf Twitter für einen kompletten Abzug aller Truppen aus Afghanistan bis Weihnachten ausgesprochen. Vergangene Woche entließ er Verteidigungsminister Mark Esper und ernannte an dessen Stelle Christopher Miller. Dieser schrieb am Wochenende an die US-Soldaten, es sei "Zeit, nach Hause zu kommen".

Die Ankündigungen stießen in den USA auf geteiltes Echo. Der demokratische Senator Jack Reed warf Trump eine "zynische, chaotische Herangehensweise" vor, die zu "mehr Chaos und Gewalt in Afghanistan führen" könnte. Der demokratische Abgeordnete Adam Smith sprach dagegen von einer "richtigen Entscheidung". Letztlich müssten die Afghanen selbst einen Weg zum Frieden finden.

Quelle: ntv.de, chf/dpa/rts/AFP