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Letzte Soldaten abgezogen USA beenden Einsatz in Afghanistan

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Eine Minute vor Mitternacht (Ortszeit) hat ein Militärflugzeug die letzten US-Soldaten aus Afghanistan ausgeflogen.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Der längste Krieg der USA ist vorüber: Fast 20 Jahre lang waren sie und ihre Verbündeten in Afghanistan. Nun ist die letzte Militärmaschine ausgeflogen - doch weiterhin befinden sich US-Amerikaner im Land. Während der US-Präsident eine Rede an die Nation ankündigt, jubeln die Taliban.

Mit dem Abzug der letzten US-Soldaten vom Flughafen Kabul haben die Vereinigten Staaten den Militäreinsatz in Afghanistan nach fast 20 Jahren beendet. Alle US-Truppen hätten das Land verlassen, verkündete General Kenneth McKenzie, der das US-Zentralkommando Centcom führt, am Montag Washingtoner Zeit im Pentagon. Damit endete auch die militärische Mission zur Evakuierung von US-Bürgern, Verbündeten und schutzbedürftigen Afghanen. US-Präsident Joe Biden und US-Außenminister Antony Blinken versprachen, die amerikanische Regierung werde weiter alles daran setzen, zurückgebliebene Amerikaner und andere Schutzsuchende aus dem Land zu holen - nun mit diplomatischen statt mit militärischen Mitteln.

Der letzte US-Militärflieger hob laut McKenzie eine Minute vor Mitternacht Kabuler Zeit vom Flughafen der afghanischen Hauptstadt ab. Biden hatte den heutigen Dienstag als Stichtag für den Abzug der amerikanischen Truppen gesetzt. Der US-Präsident äußerte sich zunächst nur in einer schriftlichen Stellungnahme zu dem historischen Moment und kündigte für diesen Dienstag (19.30 Uhr MEZ) eine Ansprache an die Nation an. Er verteidigte erneut seine umstrittene Entscheidung, alle US-Soldaten aus dem Land abzuziehen und verwies unter anderem auf die Sicherheit der amerikanischen Truppen.

Das US-Zentralkommando twitterte ein Bild, das durch ein Nachtsichtgerät aufgenommen worden ist und den letzten US-Soldaten zeigen soll, der Afghanistan verließ. Dabei handele es sich um Generalmajor Chris Donahue. Das Bild, so schreibt das US-Zentralkommando, zeige den Kommandeur der 82. Luftlandedivision der US-Armee auf dem Internationalen Flughafen in Kabul, wie dieser am späten Montagabend ein Transportflugzeug besteige.

Bis zu 200 Amerikaner sind noch im Land

Zuvor betonte auch McKenzie, es sei kein einziger US-Soldat mehr in Afghanistan. Er räumte aber ein, es sei nicht gelungen, alle Menschen auszufliegen, die man in Sicherheit habe bringen wollen. "Wir haben nicht alle rausgeholt, die wir rausholen wollten." Man habe bis zum letzten Moment die Möglichkeit gehabt, weitere US-Bürger zu evakuieren. Aber einige hätten es nicht zum Flughafen geschafft. Blinken sagte, nach Einschätzung seines Ministeriums seien noch zwischen 100 und 200 Amerikaner in Afghanistan, die das Land verlassen wollten. Biden hatte allen ausreisewilligen US-Bürgern versprochen, sie aus Afghanistan herauszuholen. Blinken versicherte: "Wir wollen unsere unnachgiebigen Bemühungen fortsetzen, Amerikanern, Ausländern und Afghanen zu helfen, Afghanistan zu verlassen, wenn sie sich dafür entscheiden." Das sagte auch Biden zu.

Nach der Machtübernahme der Taliban Mitte August hatten die USA und ihre internationalen Partner begonnen, ihre Staatsbürger sowie afghanische Helfer und andere Schutzbedürftige, die unter der Taliban-Herrschaft um ihr Leben fürchten, außer Landes zu bringen. McKenzie sagte, seit dem Start der militärischen Evakuierungsmission vor gut zwei Wochen habe allein das US-Militär mehr als 79.000 Zivilisten aus Kabul ausgeflogen, darunter rund 6000 Amerikaner. Die USA und ihre Verbündeten hätten gemeinsam mehr als 123.000 Menschen außer Landes gebracht. Biden sprach von der "größte Luftbrücke in der Geschichte der USA".

Die Bundeswehr hatte ihren Rettungseinsatz bereits am Donnerstag beendet, Frankreich, Spanien und Großbritannien folgten am Freitag und Samstag. Immer noch befinden sich aber Zehntausende Menschen in Afghanistan, die vor den Taliban fliehen wollen - bei den meisten davon handelt es sich um Afghanen.

Jubel aufseiten der Taliban

Die USA und die westlichen Partner haben wiederholt betont, dass es auch nach dem Ende der Militärmission die Möglichkeit geben soll, Menschen in Sicherheit zu bringen. Wie genau das geschehen soll, ist unklar. Der UN-Sicherheitsrat erhöhte am Montag den Druck auf die Taliban, die Menschenrechte zu wahren und Ausreisewillige ungehindert passieren zu lassen. In seltener Einigkeit verabschiedete das mächtigste UN-Gremium eine entsprechende Resolution. Die Entscheidung fiel mit 13 Ja-Stimmen, Russland und China enthielten sich. UN-Resolutionen sind völkerrechtlich bindend.

Blinken betonte: "Die Militärmission ist beendet. Ein neue diplomatische Mission hat begonnen." Diese wird jedoch aus der Ferne zu steuern sein. Denn mit dem Abzug der US-Truppen gaben die Amerikaner auch ihre diplomatische Präsenz in Afghanistan auf. An Bord der letzten Militärmaschine war Ross Wilson, der bisherige US-Botschafter in Afghanistan. Man habe die diplomatischen Aktivitäten in die katarische Hauptstadt Doha verlegt, sagte Blinken. Von dort aus wolle man konsularische Angelegenheiten regeln, aber auch humanitäre Hilfe verwalten und die Zusammenarbeiten mit den Verbündeten organisieren.

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Mit Blick auf die militant-islamistischen Taliban, die in Afghanistan die Macht übernommen haben, sagte Blinken, eine Regierung unter ihrer Führung müsse sich internationale Legitimität und Unterstützung verdienen. Sie müssten dafür ihre Zusagen zur Reisefreiheit einhalten, Grundrechte respektieren und eine inklusive Regierung bilden. Sie dürften außerdem Terroristen keine Zuflucht gewähren und keine Racheaktionen gegen ihre Kontrahenten ausüben.

Die Taliban reagierten auf den Abzug der Amerikaner mit Jubel. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid schrieb auf Twitter, das Land habe jetzt die völlige Unabhängigkeit erreicht. Das hochrangige Taliban-Mitglied Anas Hakkani twitterte: "Wir schreiben wieder Geschichte. Die 20-jährige Besetzung Afghanistans durch die USA und die Nato endete heute Abend. Gott ist groß."

Quelle: ntv.de, chf/mbe/dpa

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