Politik

Viel Beschuss, kaum Bewegung Ukraine-Fronten mutieren zum Stellungskrieg

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Archivbild: Ukrainische Soldaten suchen im Donbass Schutz vor Artilleriebeschuss.

(Foto: picture alliance / AA)

Im Abwehrkrieg der Ukraine gegen Russland gibt es immer weniger Bewegung im Frontverlauf. Befürchtungen vor einem sich verstetigenden Grabenkrieg scheinen wahr zu werden. Welcher Seite das eher nützt, ist offen.

145 Tage tobt der Krieg in der Ukraine schon, und die Frage lautet zunehmend, ob Tod und Zerstörung noch Monate oder eher Jahre andauern werden? Auf einen Waffenstillstand oder gar Frieden in einem Zeitraum von Wochen ist nicht zu hoffen, wie auch die Entwicklungen an den diversen Fronten zeigen: Es gibt kaum noch Bewegung, aber eben auch kaum Zeichen eines Nachlassens der Entschlossenheit auf einer der beiden Seiten. Groß angekündigte Gegenoffensiven der Ukraine zeigen bisher keinerlei Wirkung, während es ihr aber gelingt, mit dem Einsatz moderner Waffen aus dem Westen den russischen Vormarsch im Donbass empfindlich zu stören.

Für die Ukraine haben aber selbst eigene militärische Erfolge verheerende Folgen. Seit Wochen kämpft Russland mit der gleichen Strategie, um die Verluste unter den eigenen Kämpfern zu minimieren: Jedem Vorrücken geht ein massiver Einsatz von Luftangriffen, Raketenbeschuss und Artilleriefeuer voraus. Die Schäden für Städte, Siedlungen und Infrastruktur sind immens. Der einst vergleichsweise wohlhabende Osten des Landes, mit seinen Minen und der verarbeitenden Industrie, wird um Jahrzehnte zurückgebombt.

Zumal auch die ukrainischen Streitkräfte nicht darum herumkommen, das eigene Land in Schutt und Asche zu legen. Die Ukrainer feuern mit ihren westlichen Gerätschaften mit großer Reichweite tief in das von Russland gehaltene Territorium, um militärische Infrastruktur und Depots zu zerstören. Dabei werden nach - unabhängig nicht überprüfbaren - Angaben der vom Kreml gesteuerten Separatisten immer wieder auch Zivilisten verletzt und getötet. Die russische staatliche Nachrichtenagentur Tass verbreitet Bilder und Berichte aus den selbsternannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk über zivile Opfer durch ukrainische Angriffe.

Befestigung Kramatorsk als nächste russische Etappe

Im Osten droht als Nächstes eine Schlacht um die letzte Großstadt in ukrainischer Hand: Kramatorsk. Vor dem Krieg lebten rund 160.000 Menschen in der Stadt, rund 500.000 in den umliegenden Siedlungen. Schon lange vor dem Krieg hatte Kiew den Ballungsraum zur Festung ausgebaut. Dessen Verteidigung wäre wohl die letzte Haltelinie, damit nicht auch der Oblast Donezk wie der Oblast Luhansk unter russische Kontrolle gerät. Es ist anzunehmen, dass die vollständige Kontrolle über die beiden Donbass-Regionen weiter zu den primären Kriegszielen von Wladimir Putin zählt.

Möglich ist, dass die behauptete Notwendigkeit, die russischsprachige Donbass-Bevölkerung vor ukrainischen Faschisten zu schützen, einen über den Donbass hinausgehenden Vormarsch auf ukrainisches Territorium begründet: Der Chef der Möchtegern-Republik Luhansk, Leonid Passetschnik, sprach laut Tass von einer Bedrohung der Sicherheit Luhansks durch das US-Raketensystem HIMARS. Eine Befriedung und Konsolidierung der Kontrolle über den Donbass könnte aus russischer Sicht Grund genug sein, die Front noch weiter in Richtung Westen zu verschieben. Das könnte die Eroberung aller Gebiete östlich des Fluss Dnepr mit einschließen, inklusive der Großstädte Charkiw und Poltawa.

Westliches Gerät schafft Patt mit russischer Masse

Von der Front bis Kramatorsk, wo in dieser Woche Artillerie einschlug, sind es nur noch wenige Kilometer. Britische Geheimdienste und das US-amerikanische Institute for the Study of War erwarten, dass sich die russischen Kräfte zunächst von Osten nähern und Siwersk zu erobern versuchen. Dort will die russische Armee nach eigenen Angaben bereits in Vororte vorgedrungen sein. Dann könnte demnach Bachmut im Südosten von Kramatorsk folgen und schließlich die Stadt Slowjansk. Ob und wie schnell das gelingt, hängt davon ab, in welchem Umfang die Ukraine die westliche Artillerie- und Raketensysteme wie HIMARS oder auch die von Deutschland und den Niederlanden gelieferte Panzerhaubitze 2000 die russischen Operationen stören kann.

Vereinzelte Hoffnungen, dass die westlichen Systeme gar das Blatt wenden könnten, haben sich bislang nicht erfüllt. "Sie entsprechen lediglich den russischen Systemen mit hoher Reichweite, gleichen aber nicht deren zahlenmäßige Überlegenheit aus. Daraus ergibt sich zwar eine Verbesserung, aber noch kein entscheidender Vorteil, sondern bestenfalls eine Patt-Situation", sagte am Dienstag Militärexperte Wolfgang Richter im Gespräch mit ntv.de. Vor diesem Hintergrund bleibt auch die einstige Millionenstadt Charkiw im Nordosten bedroht. Die ukrainische Armee hat die russische zwar mehrere Kilometer nach Osten zurückgedrängt, doch immer wieder - und zuletzt besonders intensiv - wird die Stadt aus der Luft beschossen. Sogar die russischen Artilleriesysteme sind offenbar wieder in Reichweite Charkiws gelangt.

Wo bleibt die Gegenoffensive?

Zudem muss die Ukraine das westliche Kriegsmaterial weiter strecken: Russische Streitkräfte kontrollieren den größten Teil der südlich gelegenen Regionen Cherson und Saporischschja und bedrohen von dort aus sowohl die Stadt Odessa und den verbliebenen ukrainischen Küstenstreifen bis nach Transnistrien als auch die nördlich gelegenen Städte Saporischschja und Dnipro. Einen weiteren Vormarsch Russlands will die Regierung um Präsident Wolodymyr Selenskyj in jedem Fall verhindern, weshalb Selenskyj eine Gegenoffensive im Süden ankündigte - solange große Teile der russischen Kräfte im Osten gebunden sind.

Doch die von Selenskyj angekündigte Operation mit einer Million ukrainischer Soldaten ist bislang nicht zu erkennen. "Zwischen Cherson und Mykolajiw verläuft im Moment die Frontlinie und dort werden wir vermutlich einige taktische Veränderungen sehen: Man wird lokale Erfolge und Misserfolge verbuchen, hier wird mal ein Stück Land genommen und dort wieder eins aufgegeben", erwartet Richter. Die Gesamtlage werde sich aber nicht ändern. Die Ukraine verfüge zwar über genügend Personal, für eine Offensive, brauche aber mehr Kriegsmaterial aus dem Westen.

Auf der Suche nach Soldaten

Mit Russland scheint es sich eher andersherum zu verhalten. Waffen und Munition aus Sowjetzeiten mögen zwar veraltet sein, dafür sind die Bestände nach einhelliger Meinung geradezu "unerschöpflich". Umso mehr bemüht sich der Kreml, Personal an die Front zu bringen. In der laufenden Woche wurden die 85 Regionalregierungen des Riesenreichs aufgefordert, Freiwilligenbataillone zu organisieren. Rund 34.000 Soldaten könnten so nach Zählung des Institute for the Study of War zusammenkommen. Hinzukommen die Hunderttausenden Reservisten, die Moskau im Fall einer Mobilmachung einberufen kann.

Nach Einschätzung vieler westlicher Beobachter scheut Putin diesen Schritt, weil es einem Eingeständnis gleichkäme, dass in der Ukraine keine "militärische Spezialoperation" abläuft, sondern ein Krieg mit vielen Toten auf der eigenen Seite. Allerdings warf am Donnerstag das russische Außenministerium der NATO vor, in der Ukraine einen "hybriden Krieg" gegen Russland zu führen. Gegen einen vom Westen aufgezwungenen Krieg könnte Moskau sehr wohl mobilmachen.

Warten auf russischen Wirtschaftseinbruch

So zeichnet sich nach 20 Wochen des Krieges kein Einlenken Russlands, kein Nachgeben der Ukraine ab. Während der Kreml zunehmend gereizt auf die schmerzlichen Verluste durch westliche Waffensysteme reagiert, sieht sich die Ukraine in einem existenziellen Kampf gegen das Böse: Allein in dieser Woche beschoss Russland zwei zivile Gebäudekomplexe im östlichen Tschassiw Jar und der zentral gelegenen Stadt Winnyzja, wobei jeweils Dutzende Menschen starben, darunter mehrere Kinder. Berichte über Vergewaltigungen, Verschleppungen und Folter in den von Russland besetzten Gebieten reißen nicht ab.

Unklar ist, wie lange beide Seiten diesen Abnutzungskrieg fortführen können. Die Ukraine ist wirtschaftlich wie militärisch vollkommen von der westlichen Unterstützung abhängig. So hat die Bundesregierung zwar weitere Waffenlieferungen in Aussicht gestellt, auch für die Rückeroberung ukrainischen Territoriums. Nur, wo das Material herkommen soll, wenn nicht aus den dünnen Beständen der Bundeswehr, ist unklar. "Wir dürfen in den nächsten Wochen und Monaten nicht nachlassen", mahnte Michael Roth, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, bei ntv.de.

Russlands Wirtschaft zeigt sich bislang überraschend resilient gegen westliche Sanktionen, auch weil der Rohstoffexport weiter Milliarden Euro in Putins Kriegskasse spült. "Wir erwarten einen starken Einbruch des russischen Bruttoinlandsprodukts und einen massiven Anstieg der Inflation", sagte Wirtschaftsstaatssekretärin Franziska Brantner im Gespräch mit ntv.de. Doch auch im europäischen Wirtschaftsraum bleiben die Inflation hoch und das Wirtschaftswachstum bescheiden. Ohne russisches Gas droht gar eine Rezession. Am Ende scheitert die Ukraine also womöglich nicht an der eigenen Standhaftigkeit, sondern an der seiner westlichen Partner. Das Land kämpft weiter, bis sich Russland oder der Westen für ein Ende entscheiden.

Quelle: ntv.de

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