Politik

Corona-Krise als Nährboden "Verschwörungstheorien bieten Sicherheit"

imago0100321424h.jpg

Die Abstandsgebote werden auf den Demos gegen die Corona-Beschränkungen meist nicht eingehalten.

(Foto: imago images/7aktuell)

Das Coronavirus existiere gar nicht und wenn doch, dann sei die Pandemie bewusst herbeigeführt worden und Bill Gates oder andere finstere Mächte sind die Strippenzieher, heißt es da: In der Welt der Verschwörungstheoretiker, Impfgegner und sonstigen Extremisten haben Fakten keinen Wert. Im Gespräch mit ntv.de erklärt Michael Butter, warum diese Menschen auf die wildesten Theorien abfahren und das Unheil dieser Welt in Bill Gates suchen. Butter ist an der Uni Tübingen Professor für Amerikanistik und Experte für Verschwörungstheorien.

ntv.de: Warum erleben Verschwörungstheorien während der Corona-Krise einen solchen Boom?

Michael Butter: Ich glaube, wir erleben gar nicht so einen großen Boom. Es ist sicherlich so, dass Verschwörungstheorien aktuell etwas mehr Zulauf haben, als sie das in den vergangenen Jahren ohnehin schon hatten. Der Unterschied ist aber, dass wir die Verschwörungstheorien momentan deutlich mehr wahrnehmen.

Aber warum sind die Verschwörungstheoretiker und deren Feindbilder auf den Corona-Demos - ob in Berlin, München oder Stuttgart - derart präsent?

Verschwörungstheorien sind eine Antwort auf Unsicherheit. Menschen, die Probleme haben, mit Ambivalenz oder Unsicherheit umzugehen, sind besonders empfänglich für Verschwörungstheorien. Das wissen wir aus der psychologischen Forschung. Corona-Verschwörungstheorien bieten in zweifacher Hinsicht Sicherheit. Sie erklären, was angeblich vor sich geht. Man versteht dann, warum das passiert, wer dahintersteckt und wo es hinführen soll. Und für manche Menschen ist es offensichtlich leichter, zu akzeptieren, dass eine Gruppe Bösewichter im Hintergrund die Strippen zieht, als zu akzeptieren, dass man keine Ahnung hat, was vor sich geht. Corona-Verschwörungstheorien bieten aber noch eine andere Art von Sicherheit, und zwar die Sicherheit, dass man sich keine Sorgen um das eigene und das Wohlbefinden von Familie und Freunden machen muss. Praktisch alle Verschwörungstheorien zu Corona, die im Umlauf sind, behaupten entweder, dass das Virus gar nicht existiert oder dass es völlig ungefährlich ist.

Warum ist Bill Gates das große Feindbild der Corona-Verschwörungstheoretiker?

Verschwörungstheoretiker fragen immer: Wem nützt das Ganze? Bill Gates wird unterstellt, dass er von der Krise profitiert, weil er mit seiner Stiftung, die sich sehr fürs Impfen einsetzt, auf der ganzen Welt eine Impfpflicht durchsetzen und so dann am Impfstoff verdienen will. Der zweite Grund ist, dass Bill Gates mit seiner Stiftung vor einigen Monaten eine globale Pandemie simuliert hat, die ihren Ursprung in China nimmt. Und da sagen Verschwörungstheoretiker jetzt: Aha, der wusste also schon vorher Bescheid. Verschwörungstheoretiker heben oft darauf ab, dass es jemanden gab, der schon vorher wusste, was passiert, und der dann eben auch schuld sein muss.

imago0100462196h.jpg

Nehmen Abstand von Wahrheit und Respekt: Verschwörungstheoretiker.

(Foto: imago images/Arnulf Hettrich)

Was hat es mit der sogenannten QAnon-Bewegung auf sich, die auf den Demos und in den sozialen Medien auch präsent ist?

Das bezieht sich auf eine amerikanische Verschwörungstheorie, die gar keine neue Theorie ist, sondern nur eine Weiterentwicklung von schon lange existierenden Theorien. Eine davon, die vielen ein Begriff sein wird, dreht sich um das sogenannte Pizza-Gate. Da geht es um eine Pizzeria in Washington D.C, aus der heraus - so wurde im Wahlkampf 2016 behauptet - die Demokratische Partei um Hillary Clinton einen Kinderporno-Ring betreibt und satanistische Rituale organisiert. Und diese Verschwörungstheorie hat in den vergangenen Jahren einen neuen Dreh bekommen, wonach es eine mysteriöse Figur, den sogenannten "Q", gibt, der über Internetforen wie 4Chan und 8Chan behauptet, dass Donald Trump dabei ist, diese Verschwörung auseinanderzunehmen und dass es bald erste Verhaftungen geben wird, wo dann Leute wie Clinton und Obama ins Gefängnis müssen. Und diese Verschwörungstheorie vermischt sich in der aktuellen Lage mit den Corona-Verschwörungstheorien. Eine Variante ist, dass Corona nur ein Ablenkungsmanöver dieser Kinderpornoring-Betreiber ist, um Trump das Handwerk zu legen, damit er ihnen nicht das Handwerk legt.

Wie sollte man mit Verschwörungstheoretikern umgehen? Ignorieren oder mit Fakten kontern?

Es bringt nichts, mit überzeugten Verschwörungstheoretikern große Diskussionen zu führen. Es gibt eine Reihe von empirischen Studien, die nachweisen, dass überzeugte Verschwörungstheoretiker noch mehr an Verschwörungstheorien glauben, nachdem man sie mit schlüssigen Beweisen konfrontiert hat. Das liegt daran, dass die Verschwörungstheorien unfassbar wichtig sind für die Identität dieser Menschen. Und wenn Sie die Theorie angreifen, greifen Sie deren Identität an. Es kommt aber immer wieder vor, dass mir solche Menschen sehr lange Mails schreiben. Sofern sie mich nicht beleidigen, schreibe ich dann zumindest kurz zurück. Das hat den Effekt, dass die Leute meistens überrascht sind, dass ich ihnen überhaupt antworte. Dadurch ist dann immerhin eine Kommunikationsebene hergestellt und man hat diesen Menschen das Gefühl gegeben, dass sie ernst genommen und nicht übersehen werden.

Was ist mit Menschen, die mit Verschwörungstheorien vielleicht erstmal nur in Berührung gekommen sind und noch kein verfestigtes Bild haben?

Da kommen Sie mit Fakten sehr wohl weiter. Es ist sogar ganz wichtig, klar zu sagen: Das stimmt nicht. Schau doch mal hin, das ist eine unseriöse Quelle und die Argumentation stimmt von vorne bis hinten nicht. Die besten Ergebnisse erzielt man jedoch, wenn man die Menschen präventiv aufklärt, also bevor sie mit einer Verschwörungstheorie in Berührung kommen. Klärt man Menschen darüber auf, wie eine bestimmte Verschwörungstheorie funktioniert, sinkt die Wahrscheinlichkeit rapide, dass diese Menschen diesen Argumenten Glauben schenken, wenn sie später mal im Internet über solche Theorien stolpern sollten. Forscher sprechen bei dieser Methode von Impfung, das ist natürlich schon wieder ein rotes Tuch für Verschwörungstheoretiker.

Welche Rolle spielt das Internet bei der Verbreitung von Verschwörungstheorien?

Es hat keinen sprunghaften, sondern eher einen moderaten Anstieg von Verschwörungstheorien gegeben. Wir sollten das also nicht überschätzen. Aber das Internet hat Verschwörungstheorien wieder sichtbar und verfügbar gemacht. Die waren zwar nie weg, aber nach dem Zweiten Weltkrieg in Subkulturen abgewandert. Heutzutage haben es Verschwörungstheoretiker ganz leicht, ihre Ideen an den Mann oder an die Frau zu bringen. Jemand, der vage Zweifel hegt, ist nur eine Google-Suche von entsprechenden Seiten entfernt. Über Social Media verbreitet sich das alles natürlich noch viel schneller. Verschwörungstheorien verbreiten sich exponentiell, genauso wie das Coronavirus. Im Grunde scheint es mir leichter, das Virus einzudämmen, als die Verschwörungstheorien.

Warum werden immer mehr Prominente zu Verschwörungstheoretikern?

Das ist gar nicht überraschend. Wenn man sich Umfragen anschaut, sieht man, dass etwa 20 bis 30 Prozent der deutschen Bevölkerung für Verschwörungstheorien anfällig sind. Insofern ist es eher überraschend, dass sich nicht noch mehr Prominente verschwörungstheoretisch äußern. Den meisten dürfte aber klar sein, dass sie damit eher Fans verlieren und sich wahrscheinlich auch finanziell keinen Gefallen tun. Denjenigen, die jetzt richtig tief da drin sind, dürfte es mittlerweile egal sein. Gleichzeitig gibt es dann vermutlich auch einige, die mit solchen Äußerungen einfach im Gespräch bleiben wollen.

Können Verschwörungstheorien die Demokratie gefährden?

Sie können problematisch werden, weil sie natürlich das Vertrauen in den politischen Prozess radikal infrage stellen können. Klassisches Beispiel: Ein Verschwörungstheoretiker denkt, dass alle demokratischen Parteien unter einer Decke stecken. Dann geht er entweder gar nicht mehr zur Wahl oder er stimmt für die populistische Alternative, die sich als wahre Stimme des Volkes geriert, zur Lösung der Probleme aber meistens auch nichts beiträgt. Ich denke, das wird in absehbarer Zeit passieren. Die AfD hatte zu Beginn der Corona-Krise das Problem, dass sich die Parteispitze sehr ruhig verhalten und die Maßnahmen der Regierung teilweise sogar explizit unterstützt hat, während es an der Parteibasis rumort hat. Ich gehe aber davon aus, dass die AfD diese Leute in den nächsten Monaten und Jahren wieder hinter sich vereinen wird.

Die selbsternannte Partei "Widerstand 2020" wird zum Rohrkrepierer?

Ja, das schätze ich so ein. Die Bewegung wird momentan zum Großteil von Verschwörungstheoretikern getragen. Das erinnert sehr an die Mahnwachen für den Frieden, die 2014 im Zuge der Krim-Krise in Deutschland stattgefunden haben. Die Bewegung war auch sehr schnell zu Ende und die Leute wurden zum Großteil von der AfD eingefangen. Diese populistischen Bewegungen sind dann erfolgreich, wenn sie es schaffen, Verschwörungstheoretiker und Nicht-Verschwörungstheoretiker zu vereinen. Ich glaube nicht, dass "Widerstand 2020" langfristig Erfolg haben wird, aber diese Leute werden dann eben woanders landen, vermutlich bei der AfD.

Mit Michael Butter sprach Kevin Schulte

Quelle: ntv.de