Politik

Ex-"Washington Post"-Journalist"Viele sahen darin einen Versuch, Trump zu beschwichtigen"

14.02.2026, 08:13 Uhr
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Bezos ist der reichste Mann der Welt, Trump der mächtigste. Wollte der Amazon-Gründer den Präsidenten mit den Einschränkungen bei der "Washington Post" beschwichtigen? (Foto: dpa, Reuters (Bild-Kombo))

Amazon-Besitzer Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt und Eigner der "Washington Post", schockt die Zeitung mit einer Massenentlassung. 300 Journalisten müssen gehen. Auch der Deutschland-Korrespondent Aaron Wiener. Im Interview sagt er, was das mit Trump zu tun hat.

ntv.de: Herr Wiener, Sie sind ein preisgekrönter Journalist und waren bis vergangene Woche Büroleiter der "Washington Post" in Berlin. Wie 300 Ihrer Kollegen wurden Sie entlassen. Wie geht es Ihnen? Wie geht es Ihren Kollegen?

Aaron Wiener: Es war eine verrückte Woche. Ich glaube, ich habe bereits alle Phasen der Trauer durchlaufen.

So schnell?

Ja. Ich war wütend, traurig und taub, aber so langsam akzeptiere ich die Entscheidung. Ich glaube, in mancherlei Hinsicht sind diejenigen, die noch bei der Zeitung sind, wütender als wir, die entlassen wurden. Ich versuche nun, herauszufinden, was als Nächstes kommt. Ich weiß noch nicht, ob ich zurück in die USA gehe. Vielleicht bleibe ich auch erst mal hier. Viele bei der Zeitung machen sich große Sorgen, wie es weitergeht.

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Aaron Wiener arbeitete seit 2021 für die "Washington Post". Seit einem halben Jahr leitete er das Berliner Büro.

Sind Sie wütend auf Jeff Bezos?

Ich bin ein bisschen wütend auf alle. Ich weiß immer noch nicht, wie unmittelbar Bezos an dieser Entscheidung beteiligt war. Ich glaube, er hat das Thema von sich ferngehalten. Ich frage mich aber schon, ob diese Entscheidungen der Führung gerechtfertigt sind.

Als Bezos die Zeitung gekauft hat, ging es erst mal bergauf. Wie haben Sie das damals erlebt?

Er hat die Zeitung 2013 gekauft, als sie in finanziellen Schwierigkeiten steckte, die Auflage sank und die Aussichten nicht sehr gut waren. Er hat sehr viel Geld investiert und seitdem hat die Zeitung einige ihrer besten Jahre erlebt. Besonders während des Wahlkampfs 2016 und Trumps erster Amtszeit. Die Zeitung gehörte wieder zu den wichtigsten Medien in Amerika. Viele sahen in Bezos den Retter der "Washington Post".

Wie sehr hat Bezos in den Redaktionsalltag eingegriffen? Haben Sie Bezos mal in der Redaktion getroffen?

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Nach der Ankündigung, 300 Journalisten zu entlassen, gab es Proteste vor dem Gebäude der "Washington Post" in der US-Hauptstadt. Die Zeitung blickt auf eine lange Tradition zurück - in den 1970er Jahren deckte sie den Watergate-Skandal um Präsident Richard Nixon auf. (Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire)

Nein, ich habe ihn nie getroffen und ihn auch nie in der Redaktion gesehen. Er hat sich sehr zurückgehalten. Bezos versprach, die Nachrichten-Redaktion solle unabhängig bleiben, und daran hat er sich gehalten. Er hielt sich aus dem Nachrichten-Journalismus heraus, er hat nie versucht, Einfluss zu nehmen. Selbst als die Zeitung sehr kritisch über seine Unternehmen berichtete.

Aber Bezos hat doch im Wahlkampf 2024 verhindert, dass die Zeitung eine Wahlempfehlung für die Demokratin Kamala Harris abgibt.

In diesem Punkt unterscheiden sich amerikanische und deutsche Redaktionen sehr. In den USA gibt es eine strikte Trennung zwischen den Nachrichten-Journalisten und den Kommentatoren. Wer Nachrichten macht, schreibt keine Kommentare und umgekehrt. Bei den Nachrichten hat Bezos sich nicht eingemischt. Bei den Meinungsartikeln war das anders. Es ist auch nachvollziehbar, dass der Besitzer einer Zeitung das tut, selbst wenn er entscheidet, die Zeitung soll keine Wahlempfehlungen mehr abgeben. Es hat aber viele aufgebracht, dass er das elf Tage vor der Wahl tat, nachdem die Empfehlung für Harris bereits geschrieben war.

Woraufhin 250.000 Leser ihr Abonnement kündigten. Eine Katastrophe für jede Zeitung.

Es gab eine weitere Kündigungswelle, als Bezos ankündigte, die Kommentare würden sich künftig auf freie Märkte und persönliche Freiheiten konzentrieren. Viele sahen darin einen Versuch, Trump und konservative Leser zu beschwichtigen.

Von außen wirkte es so: Selbst der reichste Mann der Welt meint, sich bei Trump anbiedern zu müssen.

Ich sage es mal so: Die Summen, um die es bei der "Washington Post" geht, sind Taschengeld für Bezos, selbst wenn sie 100 Millionen Dollar Verlust pro Jahr macht. In seinen anderen Geschäften wie der Raumfahrt oder seinem Cloudanbieter Amazon Web Services hat er dagegen wesentlich mehr zu verlieren. Dort lebt er von Regierungsaufträgen.

Das Magazin "The Atlantic" schrieb vom "Mord an der 'Washington Post'". Nun gibt es die Zeitung ja noch. Aber steht sie kurz vorm Tod?

Ich glaube, wenn man jetzt auf die Homepage der "Washington Post" geht, sieht das alles auf den ersten Blick noch ganz gut aus. Zumindest über die politischen Nachrichten im Inland wird ausführlich berichtet. Was wir nicht mehr haben, sind dagegen Sport-Berichte oder Nachrichten aus Deutschland, dem Nahen Osten oder aus der Ukraine. Unsere dortigen Büros wurden geschlossen. Die lokale Berichterstattung wurde weiter zusammengestrichen. Da fehlt also sehr viel. Es ist nun die Frage, ob die besten Reporter bleiben und ob die "Post" etwas Gutes aus dem macht, was ihr geblieben ist.

Kann sie es schaffen?

Das hoffe ich. Es gibt nicht viele Jobs für politische Journalisten. Vielleicht werden deswegen viele gute Kollegen bleiben. Vielleicht reicht das, um weiter guten Journalismus zu machen. Aber ich weiß es nicht.

Was würde es bedeuten, wenn sie es nicht schafft?

Das wäre eine schlechte Nachricht für den amerikanischen Journalismus. Der Bedarf an Qualitätsjournalismus ist gerade jetzt groß. Früher hatte zumindest jede größere Stadt eine Tageszeitung, die seriös und umfassend über lokale, nationale und internationale Themen berichtete. Das ist lange vorbei. Fällt die "Washington Post" aus, bleibt fast nur noch die "New York Times", die überhaupt in der Lage ist, jeden Tag kritisch und investigativ über die Trump-Regierung zu berichten. Die Medienlandschaft ist sehr zersplittert und polarisiert. Einen unvoreingenommenen Blick findet man immer seltener. Manche sagen schlicht nicht die Wahrheit.

Muss man sich als Journalist in den USA heute vorab entscheiden, ob man für oder gegen Trump ist?

Nicht grundsätzlich. Es gibt Medien, bei denen eine Haltung für oder gegen Trump Einstellungsvoraussetzung ist. Aber die "Post" war sehr gut darin, das ganze Bild in seiner Komplexität zu zeigen. Das spricht viele unterschiedliche Leser an. Solange sie sich für die Wahrheit interessieren und den Medien noch einigermaßen vertrauen.

Trumps Strategie des "Flooding the zone with shit", also die Menschen, sagen wir, inhaltlich zu überwältigen, macht es für alle schwierig, überhaupt noch den Überblick zu behalten. Wie sind Sie damit umgegangen?

Zunächst einmal ist es einfach nur anstrengend. Es kommen so viele Meldungen aus dem Weißen Haus und das die ganze Zeit. Das macht es schwer, auszuwählen, worüber man schreibt. Es gibt aber auch gefährliche Entwicklungen. Die Wohnung einer Kollegin wurde durchsucht, weil sie über die Entlassung von Regierungsangestellten recherchierte. Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich mit ihr dabei zusammengearbeitet. Das ist beängstigend. Das Arbeitsumfeld ist definitiv gefährlicher geworden. Ebenso ist es gefährlich, wenn es einen wohlwollenden Milliardär braucht, um eine Publikation zu retten. Wenn sich diese eine Person anders entscheidet, steht plötzlich alles infrage.

Manchmal heißt es, was in den USA passiere, komme fünf Jahre später auch in Deutschland oder Europa an.

Ich habe von 10 bis 15 Jahren gehört.

Oder so! Aber wie sehen Sie die deutsche Medienlandschaft?

So wie es derzeit ist, wirkt es sehr viel vitaler als in Amerika, das ist sehr erfrischend. Wenn ich Redaktionen besuche, bin ich oft überrascht, wie gut es den Journalisten geht. Viele haben noch große Reisebudgets. Sie können sich die Themen aussuchen. Es gibt wachsende Redaktionen. In manchen Cafés liegen sogar noch Zeitungen aus.

Dennoch gibt es auch hier sinkende Auflagen, schrumpfende Werbebudgets und viele andere Probleme.

Das ist beunruhigend, aber es gibt hier noch so viele Zeitungen, das fühlt sich hier an wie vor 100 Jahren, nicht wie vor 10 oder 15 Jahren. Und das ist positiv gemeint. In den USA ist die Medienlandschaft total ausgedünnt. Es gibt kaum noch gute Zeitungen.

Bestellen Sie jetzt noch Sachen bei Amazon?

Das tue ich schon seit zehn Jahren nicht mehr. Ich möchte lieber die lokalen Geschäfte unterstützen. In den USA haben die große Probleme wegen des Online-Handels. Ich genieße es hier sehr, einfach in ein Geschäft zu gehen und Dinge kaufen zu können.

Mit Aaron Wiener sprach Volker Petersen

Quelle: ntv.de

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