Politik

Gemeinsamer Kandidat Steinmeier Wahl mit Schönheitsfehler

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Illustre Runde in der Bundesversammlung: Bundestrainer Löw mit Kanzlerin Merkel und Olivia Jones.

(Foto: dpa)

Im ersten Wahlgang wird Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten gewählt. Aber bei der Abstimmung erhält er viel weniger Stimmen als erwartet. Aus Protest? Wenn ja, dann richtet dieser sich wohl weniger gegen Steinmeier.

Ginge es nach der Anzahl der Fotos, Joachim Löw hätte gute Chancen, neuer Bundespräsident zu werden. Wohl kein Delegierter muss an diesem Sonntag für so viele Erinnerungsfotos herhalten wie der Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der für die Grünen in der Bundesversammlung sitzt. Aber am Ende entscheiden eben nicht Fotos. Union und SPD hatten sich auf den Sozialdemokraten Frank-Walter Steinmeier als gemeinsamen Kandidaten geeinigt. Damit steht die Mehrheit in dem Gremium. Im Gegensatz zu manchem Vorgänger blieb Steinmeier ein Krimi erspart, dennoch lief nicht alles so wie geplant.

Aber von vorn: Um kurz nach zehn füllt sich der Bundestag. Unter den Wartenden ist auch Schauspielerin und SPD-Wahlfrau Iris Berben. Die verrät, dass sie für zehn bis zwölf Personen problemlos kochen könne und fügt lächelnd hinzu: "Frank-Walter Steinmeier weiß, dass ich gut kochen kann." Bei der SPD ist die Stimmung zweieinhalb Wochen nach der Kanzlerkandidatur von Martin Schulz bestens. Am Vortag ging es mit einigen Genossen etwas durch. Der Berliner SPD-Landesverband hatte ein Bild von Schloss Bellevue getwittert, mit dem Satz "Wir freuen uns auf den neuen sozialdemokratischen Schlossherrn." In der Union war der Ärger groß, der Tweet wurde gelöscht und Steinmeier entschuldigte sich sogar persönlich. Auch wenn SPD und Union einen gemeinsamen Kandidaten haben, die Atmosphäre ist angespannt. Der Aufschwung der Genossen, die aktuellen Umfragen und jetzt auch noch ein Zählappell für einen sozialdemokratischen Bundespräsidentenkandidaten - das ist für manchen bei CDU und CSU nur schwer zu ertragen.

Nach den Fraktionssitzungen schieben sich die Delegierten Richtung Plenum. Kuschelig eng ist es an diesem Tag überall, im Reichstagsgebäude befinden sich deutlich mehr als 1500 Menschen. Im Plenarsaal fallen zwei besonders auf. Da ist die Grünen-Wahlfrau und Travestiekünstlerin Olivia Jones mit ihrem quietschblauen Kostüm und der orangenen Perücke. Angela Merkel betritt mit einem auffälligen gelben Blazer den Saal, auf der Seite, an der die 35 AfD-Delegierten sitzen, und wo die Bundestagsfraktion der Partei auch nach der Wahl im Herbst ihren Platz haben könnte. Ob Merkel dann noch Kanzlerin ist? Ganz in der Nähe von AfD-Chefin Frauke Petry bleibt sie kurz stehen, dann zieht sie weiter, grüßt hier und dort. Die Farbtupfer kommen sich näher. Dann kann Merkel nicht mehr ausweichen, Jones schüttelt ihr die Hand und legt der verdutzten Kanzlerin die Hand auf die Schulter.

Seht her, ich hätte es auch gekonnt

Um 12 Uhr geht es los, Bundestagspräsident Norbert Lammert eröffnet die Sitzung. Es dauert fast eine halbe Stunde, bis er über die Formalien spricht. Denn Lammert hat einiges loszuwerden. Er dankt dem scheidenden Bundespräsidenten - woraufhin außer AfD und den Linken alle Delegierten aufstehen. Oben auf der Besuchertribüne muss Joachim Gauck mehrfach schlucken. Als nächstes knöpft Lammert sich den neuen US-Präsidenten vor, ohne ihn beim Namen zu nennen: "Wer Abschottung anstelle von Weltoffenheit fordert und sich sprichwörtlich einmauert, wer statt auf Freihandel auf Protektionismus setzt und gegenüber der Zusammenarbeiten der Staaten Isolationismus predigt", dürfe sich nicht wundern, wenn es ihm andere gleichtun. "Allenfalls rückwärtsgewandte Zeitgenossen" würden sich gegen ein starkes Europa aussprechen. Wieder donnernder Applaus, bis auf die AfD erheben sich alle Fraktionen. Noch bis vor einigen Monaten wurde Lammert selbst als Kandidat für das Bundespräsidentenamt gehandelt. An diesem Tagen könnte man meinen, er wollte allen zeigen: Seht her, ich hätte es auch gekonnt. Es ist eine seiner letzten großen Reden in diesem Haus, für Lammert ist im September Schluss, er kandidiert nicht mehr für den Bundestag.

Dann beginnt der erste Wahlgang, die Flure des Bundestags füllen sich wieder – mit vielen alten Bekannten. Ex-Bundespräsident Christian Wulff ist da, der frühere CDU-Politiker Bernhard Vogel, Ex-SPD-Chef Franz Müntefering und auch Christian Lindner. Der FDP-Chef Lindner will mit seiner Partei zurück in den Bundestag. Er spricht von einem "Klassentreffen". Über Steinmeier sagt er: "Ein Profi ist in diesen Zeiten gut." Auch Frauke Petry zieht ihre Runden. Lammerts Ausführungen "haben wir als stark vereinfachend empfunden", sagt sie. Die AfD teile Trumps Kritik an der Nato und dessen Vorgehen gegen illegale Migration. Ein paar Meter weiter zischt eine Frau: "Warum die Petry so gehypt wird. Widerlich!" Schauspielerin Veronika Ferres, die für die CDU hier ist, verrät derweil, dass sie Herzklopfen hatte, als sie den Umschlag mit ihrem Wahlschein abgegeben hat.

"Ihr macht mir Mut"

Die Stimmzettel werden ausgezählt und das Plenum füllt sich wieder. An den Tisch der Kanzlerin gelehnt, steht SPD-Kanzlerkandidat Schulz und ist in ein Gespräch vertieft. Es ist jener Platz, auf dem er noch in diesem Jahr sitzen will. Blumensträuße werden in den Saal gebracht. Um 14.17 Uhr verkündet Bundestagspräsident Lammert das Ergebnis. 128 Stimmen für Christoph Butterwegge. Die Linken haben damit 33 Stimmen mehr als Delegierte und jubeln, als hätten sie die Wahl gewonnen. AfD-Kandidat Albrecht Glaser kommt auf 42 Stimmen, TV-Richter und Freie-Wähler Kandidat Alexander Hold auf 25, der von der Piratenpartei nominierte Engelbert Sonneborn auf 10. Frank-Walter Steinmeier erhält 931. Das sind weniger als erwartet, denn Union und SPD kommen zusammen mit FDP und Grünen, die Steinmeier ebenfalls unterstützen wollten, auf 1106 Sitze. Die wahrscheinlichste Erklärung für die immerhin 103 Enthaltungen: Vermutlich machten etliche Unionsabgeordnete ihrem Ärger darüber Luft, dass die Union zwar mit Abstand die stärkste Fraktion stellt, aber keinen eigenen Kandidaten nominiert hat. Es wäre ein Protest, der sich vor allem gegen Merkel richtet.

Steinmeier kann das egal sein, er ist im ersten Wahlgang gewählt. Erster Gratulant ist Joachim Gauck, sogar Petry und ihr Co-Vorsitzender Jörg Meuthen beglückwünschen den neuen Bundespräsidenten kurz. Steinmeier hält eine kurze Rede. "Wenn das Fundament anderswo wackelt, dann müssen wir umso fester zu diesem Fundament stehen", sagt er. Steinmeier erzählt von einer Tunesierin, die ihm auf einer Reise zurief: "Ihr macht mir Mut." Steinmeier hatte zuletzt schon erklärt, er wolle "Mutmacher" sein, auch heute ist Mut sein Leitmotiv. "Kaum irgendwo auf der Welt gibt es mehr Chancen als bei uns. Und wer, wenn nicht wir, kann da eigentlich guten Mutes sein. Deshalb, liebe Landsleute: Lasst uns mutig sein. Dann jedenfalls ist mir um die Zukunft nicht bange." Als Steinmeier fertig ist, erheben sich alle Delegierten und klatschen.

Erst am 19. März muss Steinmeier sein Amt antreten. Die Phase bis dahin will der 61-Jährige, das sagt er von Mikrofonen und Kameras umringt, nutzen, um runterzukommen. Das Plenum leert sich schnell. Joachim Löw sagt unweit entfernt, Steinmeier sei jederzeit in der Kabine der Nationalmannschaft willkommen. Er verrät: "Die Dortmunder wird es nicht freuen, aber Steinmeier ist Schalke-Fan." Einige Meter entfernt macht Alexander Hold ein Erinnerungsfoto mit Olivia Jones. Die sagt zum Abschied: "Dies ist mein beruflicher Höhepunkt, ab jetzt kann es nur noch bergab gehen."

Quelle: ntv.de