Politik

"Nationale Schizophrenie" Was Russland vom Westen trennt

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Russische Kampfflugzeuge donnern am 7. Mai 2015 über den Kreml hinweg.

(Foto: dpa)

Die Zeit der gemeinsamen Saunagänge ist lange vorbei, russische und westliche Politiker beäugen einander misstrauisch. Und immer öfter stellt sich die Frage: Gehört Russland eigentlich zu Europa?

So lange ist sie gar nicht her – und doch eine gefühlte Ewigkeit: Die Zeit, als deutsche Bundeskanzler und russische Präsidenten gemeinsam in der Sauna schwitzten und bei Wodka, Wein oder Bier ihre gegenseitige Freundschaft beschworen. Inzwischen gehört diese Ära der Vergangenheit an, Russen und Deutsche sehen sich kaum mehr als Freunde an, wie eine Studie im Auftrag der Körber-Stiftung ergibt. Die Deutschen sprechen lieber von "Konkurrenten", die Russen von "Nachbarn".

Dass das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen zerrüttet ist, ist spätestens nach der Krim-Annexion und dem Krieg im Osten der Ukraine deutlich zutage getreten. "Ein Eishauch des Kalten Krieges" charakterisiere inzwischen die Beziehungen, heißt es bei der Körber-Stiftung bei der Vorstellung der repräsentativen Umfrage, für die im Februar und März mehr als 2000 Deutsche und Russen befragt worden waren. Wie groß die Kluft ist, zeigt sich vor allem bei der ewigen Frage: Gehört Russland zu Europa? Vor acht Jahren verneinten dies lediglich 30 Prozent der Russen, inzwischen sieht rund die Hälfte der Russen und Deutschen Russland nicht als Teil Europas. Besonders die Gruppe der 30 bis 44-Jährigen ist hier skeptisch.

Warum das so ist, liegt vor allem an unterschiedlichen Wertvorstellungen. So gaben etwa 77 Prozent der befragten Russen an, dass die Medien die Regierung unterstützen sollten, 63 Prozent der Deutschen sehen dies anders. 94 Prozent der Russen lehnen zudem homosexuelle Beziehungen ab, in Deutschland sind es gerade mal 20 Prozent. Auch wollen fast zwei Drittel der Russen Streiks und Demonstrationen verbieten lassen, weil sie ihrer Ansicht nach die öffentliche Ordnung gefährden – eine Auffassung, die in Deutschland kaum einer teilt. Hinzu kommt: Fast die Hälfte der Deutschen hält Russland für ein bedrohliches Land.

Gerade im Verhältnis zu Europa leide Russland unter einem "Minderwertigkeitskomplex" und einer "nationalen Schizophrenie", erklärt Andrej Kortunow vom Moskauer Thinktank "Russian International Affairs Council" bei einer anschließenden Diskussion bei der Körber-Stiftung. Zum einen sehe es sich als das "Dritte Rom", als Verfechter der eigentlichen europäischen Werte, von denen sich die EU immer weiter entferne. Zum anderen entstehe eine Art Ressentiment gegenüber der EU nach dem Motto: "Wenn Ihr uns nicht reinlasst, dann haben wir eben andere Optionen. Und außerdem wollen wir ja sowieso nicht rein."

Die Journalisten und Putin-Biografin Katja Gloger erklärt die zunehmende Entfremdung mit der Re-Ideologisierung in Russland nach dem dritten Amtsantritt von Präsident Wladimir Putin. Lange habe der Westen unterschätzt, wie sehr die autoritäre Führung bestimmte Reflexe in Russland anspreche. Viele Russen hätten das Gefühl, dass sich das Land endlich wieder erhoben habe und aufrecht stehe. Da wolle man sich von Europa und den USA nicht wieder zurück auf die Knie schubsen lasse.

Wunsch nach politischer Wiederannäherung

Dennoch ist das Bedürfnis nach Kooperation groß. 95 Prozent der Deutschen und 84 Prozent der Russen wünschen sich der Umfrage zufolge eine politische Wiederannäherung. Auf die Frage, mit welchem Land Deutschland enger zusammenarbeiten solle, steht Russland mit 81 Prozent weit vor den USA. Umgekehrt sehen die Russen Deutschland als das Land, mit dem sie am liebsten enger kooperieren würden.

Dabei besteht besonderes Interesse an einer wirtschaftlichen Kooperation. 79 Prozent der Russen sind dabei für eine Aufhebung der Wirtschaftssanktionen, die im Zuge der Ukraine-Krise erhoben worden waren, auf deutscher Seite sind es immerhin 69 Prozent. Was die politische Zusammenarbeit angeht, sind die Ansichten allerdings sehr gespalten. Die Deutschen erhoffen sich dadurch vor allem eine Lösung des Syrien-Konflikts, die Russen setzen auf die gemeinsame Terrorbekämpfung. Die Ukraine spielt dagegen kaum mehr eine Rolle.

Der ehemalige polnische Botschafter in Deutschland und Direktor des Zentrums für Internationale Beziehungen in Warschau, Janusz Reiter, beharrt allerdings auf der Notwendigkeit von Sanktionen. Schließlich bestünden die Gründe für sie nach wie vor fort: "Wenn wir Russland nicht mit Entschlossenheit beeindrucken können, wird Russland die EU für schwächlich halten." Wie im Kalten Krieg könne der Westen nur mit einer Politik der Stärke Moskau beeindrucken. Er glaubt nicht, dass Russland Europa zu Fall bringen kann, selbst wenn es die europäischen Staaten im Verhältnis untereinander und zu den USA gegeneinander auszuspielen versucht. "Wenn Europa sich auflöst, dann liegt es an ihm selbst", so Reiter.

Was ein Scheitern Europas für Russland für Konsequenzen hat, mal Kortunow weiter aus: Es sei für viele ein Beleg, dass Putin im Recht sei. Ein Erfolg der EU dagegen sende ein mächtiges Signal nach Russland aus. Letztlich hält er auch Veränderungen in Moskau für möglich. Diese aber würden, wie schon in der Vergangenheit, aller Voraussicht nach von einem Teil der Elite ausgehen, vom Sicherheitsapparat oder vom Kreml.

Und dann erfüllt sich womöglich auch Kortunows Hoffnung: Dass er in zehn Jahren nicht mehr über das Verhältnis Russlands zum Westen diskutieren muss. Vielleicht kommt dann auch die Zeit, in der deutsche Kanzler und russische Präsidenten im Saunadampf wieder miteinander reden.

Quelle: ntv.de

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