Eva von Angern im Interview"Wenn wir mit der AfD gleichgestellt werden, dann finde ich das nicht lustig"
Interview: Hubertus Volmer
Die CDU in Sachsen-Anhalt müsse klarstellen, dass die Linke "keine Gefahr für diese Demokratie" sei, fordert Linken-Spitzenkandidatin Eva von Angern im Interview mit ntv.de. Dies sei "mehr als überfällig", wenn es nach der Wahl Gespräche geben solle.
ntv.de: Welche Stimmung schlägt Ihnen entgegen, wenn Sie im Wahlkampf an Haus- und Wohnungstüren klopfen?
Eva von Angern: Ich erlebe eine Stimmung von häufig viel Frust, und auch das Thema: Die Ausländer sind an allem schuld.
Wie reagieren Sie darauf?
Meist gelingt es mir, die Menschen zu einem Gespräch einzuladen und mit ihnen über ihre Probleme zu reden - zu gucken, wie man diese lösen kann. Auch wenn es manchmal der Vermieter ist, der das Problem lösen müsste.
Was sind denn die tatsächlichen Probleme?
Meist ganz konkrete Dinge, wie die Angst, dass die Rente oder das Einkommen nicht bis zum Monatsende reicht. In Sachsen-Anhalt ist das ein großes Thema. Jedes vierte Kind hier im Land lebt in Armut oder ist von Armut betroffen. Rund 60 Prozent der Rentnerinnen und Rentner im Land erhalten nur eine Minimal-Rente von unter 1400 Euro. Das bedeutet de facto Altersarmut. Wenn auf Bundesebene mal eben Ideen über die Rente in den Raum geworfen werden, schlägt das hier noch einmal mehr zu.
Dann ist der Kanzler an allem schuld?
Für die angstschürende Rentenpolitik trägt er die Verantwortung, aber ich bin mir nicht zu schade, zu sagen, dass er nicht für alles die Verantwortung trägt. Bildungspolitik ist eine Landesaufgabe, da ist vieles hausgemacht, zum Beispiel der Lehrermangel. Auch die Frage, wie sich die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum entwickelt. Das ist eine Aufgabe, die eine Landesregierung angehen müsste, damit keine Klinik mehr dichtgemacht wird.
Haben Sie angesichts der Umfragen nicht das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen?
Überhaupt nicht. Wahrscheinlich wird die AfD am Wahlabend die stärkste Kraft, aber ich sehe einen großen Teil der Wählerschaft nicht verloren für die Demokratie. Die Frage ist: Haben die Menschen nur das Gefühl, abgehängt zu sein? Oder sind sie wirklich abgehängt?
Und?
Ein Beispiel aus dem ländlichen Raum, denn wir führen unsere Haustürgespräche nicht nur in Halle und Magdeburg: Auf dem Land ist der öffentliche Personennahverkehr ein großes Thema. Da könnten wir als Land gemeinsam mit den Kommunen real etwas zum Positiven verändern. Deshalb bin ich optimistisch, dass uns das eine oder andere gelingen kann, um Menschen für die Demokratie zurückzugewinnen. Dafür braucht es einen klaren Politikwechsel.
Dem "Freitag" haben Sie gesagt, "Stand heute" sei Sven Schulze für die Linke nicht wählbar. Was müsste er ändern, damit er für Sie wählbar wird?
Friedrich Merz hat Sven Schulze gerade darin bestärkt, dass es mit uns keine Gespräche geben soll.
Merz hat im Interview mit der "Mitteldeutschen Zeitung" und der Magdeburger "Volksstimme" gesagt: "Sowohl bei AfD als auch bei der Linkspartei gibt es derart fundamentale Unterschiede zur Union, dass eine Zusammenarbeit ausgeschlossen ist."
Wenn wir mit der AfD gleichgestellt werden, dann finde ich das nicht lustig. Wir sind keine Gefahr für diese Demokratie, sondern sind Garantin gegen den Rechtsruck.
Das heißt konkret?
Diese Klarstellung seitens der CDU ist mehr als überfällig, wenn man in Gespräche eintreten will. Alles, was momentan von der CDU im Bund und auch hier im Land getan wird, ist sozialer Kahlschlag. Es geht immer nur um das Treten auf die Schwächsten. Schon jetzt steht fest, dass die aktuelle Landesregierung - und damit die beiden Parteien, die auch die Bundesregierung stellen - am Sonntag abgewählt werden. Insofern kann ich sagen: Wenn das, was die CDU gerade bietet, nämlich ein "Weiter so", nach der Wahl ihr einziges Angebot bleibt, dann unterstützen wir das nicht.
Allerdings stehen Sie damit vor einem strategischen Dilemma. Sie werden am Ende nicht drum herumkommen, eine CDU-geführte Landesregierung in irgendeiner Form zu unterstützen. Gleichzeitig laufen Sozialproteste der Linken gegen die CDU. Wie geht das zusammen?
Ich sehe da überhaupt kein Dilemma. Mein Auftrag als Spitzenkandidatin der Linken ist, Politik für die Menschen hier in Sachsen-Anhalt zu machen. Nicht ohne Grund haben wir unser Wahlprogramm auf der Basis von Haustürgesprächen und Gesprächen an Infoständen geschrieben. Als Linke in Sachsen-Anhalt stehen wir im Wort, dass wir umsetzen, was wir da aufgeschrieben haben. Je stärker wir als Linke bei der nächsten Landtagswahl werden, umso ernster wird die Stimme derer genommen, die das Thema Bezahlbarkeit des Lebens geregelt bekommen möchten, oder die eine Schule für alle Kinder wollen. Je stärker die Linke wird, umso eher haben wir die Kraft, diese Themen im nächsten Landtag durchzusetzen.
Finden Sie es schade, dass Sie in diesem Wahlkampf kein Zugpferd wie Sahra Wagenknecht mehr haben? Früher hat sie für volle Säle bei den Linken gesorgt.
Uns hätte nichts Besseres passieren können. Seit Sahra Wagenknecht die Partei verlassen hat, sind wir stetig gewachsen. Wir sind heterogen, aber sehr lebendig. Bei der U-18-Wahl in Sachsen-Anhalt sind wir gerade die stärkste Kraft geworden. Mit Sahra Wagenknecht hätten wir es nicht geschafft, dass uns die junge Generation so viel Vertrauen schenkt. Darauf bin ich sehr stolz. Wagenknecht zerstört gerade ihre Partei.
Mit Eva von Angern sprach Hubertus Volmer.
