Politik

"Anne Will" zum Klima Wer schreit am lautesten?

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Die Runde um Anne Will zum Thema: "Verzichten, verteuern, verbieten - muss Klimapolitik radikal sein?"

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Übers Klima wird derzeit viel geredet. Und das ist wahrscheinlich auch gut so. Sollte man jedenfalls meinen. Denn was im Sonntagabendtalk bei "Anne Will" geredet wird, ist jenseits von Gut und Böse.

Seit Wochen diskutiert die Große Koalition in diversen Arbeitsgruppen über ein nationales Klimaschutzgesetz. Kommenden Freitag soll es dann endlich vorliegen und möglichst noch bis Ende des Jahres verabschiedet werden. Man könnte also bei "Anne Will" am Sonntagabend ganz vortrefflich darüber reden, wie die Politik angesichts des fortschreitenden Klimawandels Umweltthemen behandeln sollte. Was an diesem Abend aber anscheinend niemand für nötig hält - stattdessen wird geschrien, ins Wort gefallen und heiße Luft produziert, dass es ein Graus ist.

"Verzichten, verteuern, verbieten - muss Klimapolitik radikal sein?", lautet der Titel der Sendung, zu der Anne Will Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer von der CSU, Cem Özdemir von den Grünen, den Automobillobbyisten Stefan Wolf, die Greenpeace-Verkehrsexpertin Marion Tiemann sowie die "Zeit"-Journalistin Elisabeth Raether eingeladen hat.

An jeder Frage vorbeiantworten

Normalerweise würden wir uns an dieser Stelle entlang der wichtigsten Zitate der Talkgäste durch den Abend hangeln und so eine Zusammenfassung der Sendung für all diejenigen schreiben, die "Anne Will" nicht schauen konnten oder wollten. Allein, es gibt an diesem Abend so gut wie nichts Inhaltliches, dass es wert wäre, zusammengefasst zu werden. Cem Özdemir möchte SUVs stärker über die Kfz-Steuer be- und dafür andere Fahrzeuggruppen entlasten - und von Marion Tiemann erfahren wir, dass vier Jahre nach dem Dieselskandal der Treibstoff immer noch mit sieben Milliarden Euro pro Jahr subventioniert wird.

Allerdings ist die Greenpeace-Expertin die meiste Zeit damit beschäftigt, giftige Spitzen an den Verkehrsminister zu verteilen und ansonsten an fast jeder Frage vorbeizuantworten. Das hat sie mit Andreas Scheuer gemeinsam, der ebenfalls andere Fragen zu hören scheint als die Zuschauer. Die beiden sind ein wahnsinnig anstrengendes Duo, an einer Stelle will Tiemann tatsächlich nach einem oberlehrerhaften Monolog von Scheuer wissen: "Haben Sie mir zugehört? Was habe ich denn gesagt?" Ob die Klimaaktivistin ihrer Sache damit dient, sei mal dahingestellt.

Eine noch traurigere Figur gibt allerdings ihr Sparringspartner ab: Wer Scheuer noch nie in Aktion gesehen hat, versteht spätestens jetzt, warum der CSU-Politiker immer wieder als inkompetent porträtiert wird. Wenn der Verkehrsminister tatsächlich Talent für seinen Job hat, kann er es jedenfalls sehr gut verstecken - außer Allgemeinplätzen hat Scheuer so gut wie nichts im Gepäck. Kostprobe gefällig? "Seit dem Mauerfall sind 30 Jahre vorbei. Ich will die Zeit, in der Wählern Produkte verordnet wurden, endlich hinter uns lassen." Was Scheuer allerdings nicht verbergen kann, ist, wie empfindlich er ist: "Und daran bin ich jetzt auch noch schuld?", ist eine seiner Lieblingsfragen am heutigen Abend. Antwort Tiemann: "Die Opferrolle steht ihnen nicht, Herr Scheuer." Da hat die Greenpeace-Verkehrsexpertin allerdings Recht.

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"Damit ich hier was zu sagen habe"

Dass Anne Will ihre freilaufenden Talkgäste so überhaupt nicht einfangen kann, nervt kolossal. Die Hilflosigkeit der Moderatorin zeigt sich an einem Satz, der an Traurigkeit kaum zu überbieten ist: "Ich hab' deshalb den Namen hier hingeschrieben, damit ich hier was zu sagen habe." Dass das ihre Autorität auch nicht wiederherstellt, muss wohl nicht extra erwähnt werden.

Gar nichts gesagt hätte dagegen besser Stefan Wolf: Der Autolobbyist möchte den von einem SUV verursachten Unfall mit vier Toten in Berlin noch einmal aufrollen und tut das äußert ungeschickt: "Ich finde diesen Unfall ganz schrecklich, aber ich finde es auch schlimm, wie das Thema instrumentalisiert wird", sagt der Unternehmer. Und schiebt dann hinterher, dass es ja auch viele kleine SUVs gebe.

Die Einzige, die wirklich mit der nötigen Ruhe und Überlegtheit an die Diskussion herangeht, ist Elisabeth Raether. Die "Zeit"-Journalistin kommt in dem Tohuwabohu allerdings so gut wie gar nicht zu Wort, und als es dann doch soweit ist, verabschiedet sich auch noch ihr Mikro. Zwei Minuten hören die Zuschauer fast nur weißes Rauschen, und als endlich ein Ersatzmikrofon die Journalistin erreicht, hat schon längst wieder jemand anders das Wort ergriffen. Das passt zu einer Sendung, die man besser so schnell wie möglich vergessen sollte.

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Quelle: n-tv.de

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