Werbekampagne für KinderRussland lässt Teenager Kamikaze-Drohnen bauen
Von Uladzimir Zhyhachou
"Ich bin 16 und baue Drohnen - meine Eltern sind stolz auf mich." Mit solchen Videos wirbt eine russische Drohnenfabrik um Minderjährige. In Alabuga - einst als russisches Silicon Valley geplant - werden die berüchtigten Shaheds produziert, die Menschen in der Ukraine töten. Und die Teenager verdienen angeblich gutes Geld.
Die Shahed-Drohnen sind ein Symbol für den Terror, dem die russische Armee die ukrainische Bevölkerung seit Jahren aussetzt. Sie sind vergleichsweise klein und billig und werden bei russischen Angriffen deshalb massenhaft eingesetzt. Das charakteristische Summen dieser Drohnen gehört seit Jahren zur Geräuschkulisse ukrainischer Städte - und steht für Angst, Schrecken und Tod.
Die ersten Shaheds erhielt Moskau kurz nach Beginn der Invasion im Jahr 2022 aus dem Herstellerland Iran. Seit Sommer 2023 werden sie - meist unter der Bezeichnung "Geran-2" - auch in Russland produziert, unter anderem in der Sonderwirtschaftszone Alabuga in der Teilrepublik Tatarstan tief im Landesinneren.
Alabuga wurde 2006 als eine Art russisches Silicon Valley gegründet - eine staatlich geförderte Sonderwirtschaftszone, die internationale Hochtechnologieunternehmen anlocken und zu einem Modell für modernes Industriewachstum werden sollte. Tatsächlich siedelten sich dort zeitweise Töchter westlicher Konzerne wie Schneider Electric an. Mit dem Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine änderte sich das schlagartig: Die westlichen Firmen zogen sich zurück, und die Zone wurde schrittweise auf Rüstungsproduktion umgestellt. Heute ist Alabuga vor allem eines: eine große Produktionsstätte von Kamikaze-Drohnen.
Am Fließband stehen unter anderem Frauen aus Afrika, nordkoreanische Arbeiter - und minderjährige Berufsschüler. Alabuga taucht immer wieder in Zusammenhang mit Berichten auf, wonach Russland Menschen aus dem Ausland unter falschen Versprechen – etwa dem einer Ausbildung - dorthin lockt. Vor Ort werden die Arbeiter dann in die Produktion von Kamikaze-Drohnen gezwungen. Internationale Aufmerksamkeit erregten Berichte, wonach Hunderte Frauen aus Afrika betrügerisch rekrutiert wurden. Betroffene berichteten von gefährlichen Arbeitsbedingungen: Die afrikanischen Frauen würden "wie Esel misshandelt und versklavt", arbeiteten in Schichten von bis zu zwölf Stunden, würden überwacht und hätten keine Schutzausrüstung für die Arbeit mit ätzenden Chemikalien.
Dass in der Sonderwirtschaftszone auch minderjährige Schüler der Berufsschule "Alabuga Polytech" am Fließband bei der Drohnenproduktion stehen, ist bereits seit 2023 bekannt, als russische Exilmedien unter Berufung auf zahlreiche Berichte von Betroffenen darüber berichteten. Damals hielt die Schule das noch geheim. Jetzt wirbt sie öffentlich um Minderjährige.
Die Berufsschule in der Sonderwirtschaftszone wurde 2021 eröffnet. Sie solle "Elon Musks von morgen" hervorbringen - brillante Ingenieure, die in der Hightech-Fertigung arbeiten würden, sagte der Präsident der Republik Tatarstan damals bei der Eröffnung. 2023 schien die Schule die Beteiligung der Berufsschüler an der Drohnenherstellung noch geheim halten zu wollen. Laut einem Bericht des Portals "Protokol" war es denjenigen, die an der Drohnenmontage beteiligt sind, verboten, über ihre Arbeit zu sprechen. Gedroht wurde mit Exmatrikulation und hohen Geldstrafen.
Laut dem Portal betrieb "Alabuga Polytech" dabei praktisch Kindersklaverei. Die Jugendlichen und ihre Eltern würden bei der Aufnahme auf den ersten Blick wohlklingende Verträge unterschreiben, die sie jedoch zu hohen Gebühren verpflichten, sollten sie die Schule verlassen wollen. Die Gebühren betrügen umgerechnet zwischen 1.800 und 4.450 Euro – hohe Summen für die Familien der Schüler, die größtenteils aus einfachen Verhältnissen sowie aus Dörfern und kleineren Städten der Region stammen.
"Was sagen meine Eltern? Respekt!"
Nun vollzieht das Unternehmen eine Kehrtwende und macht kein Geheimnis mehr daraus, dass dort Kinder an der Waffenherstellung mitwirken. Ganz im Gegenteil: Die Schule startete eine breite Social-Media-Kampagne, die darauf abzielt, weitere Jugendliche anzuwerben. Darin erzählen junge Menschen in kurzen Videos mit Stolz, wie sie "ihrem Land helfen" - und dabei gutes Geld verdienen würden.
"Ich heiße Darina und bin 16 Jahre alt. Nächstes Jahr verdiene ich 150.000 Rubel (ca. 1.590 Euro) im Monat. Ich lerne an der 'Alabuga Polytech' und arbeite in der größten Drohnenfabrik der Welt. Meine Eltern sind stolz auf mich. Möchtest du das auch?", sagt eine der Schülerinnen in einem der Videos. Dabei steht sie in einer Werksuniform mit "Alabuga"-Aufdruck in einer Produktionshalle. Dass es sich um Kamikaze-Drohnen für den Ukraine-Krieg handelt, wird in den Videos zwar nicht direkt gesagt - allerdings werden in den Clips die Reihen der dunkelgrauen Geran-Drohnen in der Produktion gezeigt.
Ein anderer Berufsschüler sagt, seine Eltern hätten seine Entscheidung, Drohnen zu bauen, zunächst nicht verstanden, aber er habe den Job angenommen, weil er ein Patriot sei. In einem weiteren Video berichtet ein 18-jähriger Student von einem Monatsgehalt von umgerechnet rund 3.700 Euro und schließt mit den Worten: "Was sagen meine Eltern? Respekt!" In fast allen Videos stehen das für russische Verhältnisse hohe Gehalt und die Anerkennung der Eltern im Vordergrund.
Bis zu 15.900 Euro für die Veröffentlichung
Das russische Exilportal "T-Invariant" erhielt nach eigenen Angaben ein Archiv mit Dutzenden Videos der aktuellen Kampagne. Einige der Werbevideos wurden bereits im einflussreichen Militärkanal Rybar veröffentlicht, dem auf Telegram mehr als 1,5 Millionen Abonnenten folgen. Auch im populären Meme-Kanal "Dvach" mit über 900.000 Followern erschien die Werbung bereits.
Alabuga wirbt außerdem aktiv über Telegram-Kanäle, die sich an Gamer richten. So erschienen die Werbevideos auch in Kanälen mit jeweils Zehntausenden Followern, die den Spielen Minecraft und Brawl Stars sowie der Spielplattform Roblox gewidmet sind. "T-Invariant" berichtet unter Berufung auf interne Dokumente der Werbeagentur, die hinter den Videos stehen soll, dass auch Lehrer und Eltern eine wichtige Zielgruppe darstellen - was erklären dürfte, warum die Werbematerialien auch in Telegram-Kanälen für Strickbegeisterte, Hobbygärtnerinnen und Alleinerziehende auftauchten.
Für die Veröffentlichung eines 25-sekündigen Videos zahlt Alabuga an Blogger umgerechnet zwischen 2.650 und 15.900 Euro, abhängig von Reichweite und Abonnentenzahl des jeweiligen Kanals - so berichtet das Portal unter Berufung auf einen Blogger, dem eine solche Veröffentlichung angeboten wurde. Die Werbeagentur instruiere Blogger zudem, Kommentare unter den Videos aktiv zu bereinigen, heißt es im Bericht. Eine Liste mit 40 sogenannten "Stoppwörtern" wurde verteilt - darunter Begriffe wie "Sklaverei", "Kindersklaverei", "Drohne" und "Shahed".
Frau hinter der Kampagne lebt "ihr bestes Leben auf einer Insel"
Das Studentenwohnheim und die Alabuga-Zentrale befinden sich in einem 18-stöckigen, pyramidenförmigen Gebäude, das für rund 2.000 Personen konzipiert wurde. Das Gebäudekonzept sieht vor, dass die Wohnetage mit der beruflichen Stellung steigt: Praktikanten wohnen in den unteren Stockwerken und ziehen mit wachsender Karriere sukzessive höher. Ganz oben im Gebäude befindet sich ein Spa-Bereich mit Whirlpool.
Außerdem sollten die Studierenden laut "T-Invariant" mit der Aussicht gelockt werden, sich in eine Reihe mit bedeutenden historischen Persönlichkeiten zu stellen. Dafür wurden im Hauptsitz von Alabuga sieben Statuen aufgestellt - darunter eine von Josef Stalin - sowie ein kleiner Sockel daneben, auf den sich Besucher selbst stellen konnten.
Das Exilportal macht darauf aufmerksam, dass die Macher der Werbekampagne, die Kinder zur Mitarbeit an der Produktion tödlicher Waffen animieren soll, selbst großen Wert darauf legen würden, so weit wie möglich von Alabuga - und von Russland überhaupt - entfernt zu sein. So schreibt die Gründerin der Werbeagentur Influxx, die hinter der Kampagne stehen soll, auf Instagram, sie lebe "jeden Tag ihr bestes Leben" und habe "im vergangenen Jahr sieben Länder und unzählige Städte besucht" - und lebe nun auf einer Insel. Dazu teilt sie Urlaubsfotos - am Strand, am Pool, beim Tennis - sowie vereinzelte Beiträge über Trends im Influencer-Marketing.
Der Kontrast zu dem, was die Drohnen anrichten, an deren Vermarktung sie mitwirkt, könnte kaum größer sein. Jeden Tag greift Russland damit zahlreiche Städte in der Ukraine an. Am gestrigen Sonntag starben bei Angriffen auf mehrere Regionen des Landes, unter anderem mit Drohnen, vier Zivilisten, 14 weitere wurden verletzt.