Politik

75 Jahre Abwurf auf Hiroshima Wie die Atombombe in die Welt kam

S. 403.jpg

Die Atombombe ist ausgeklinkt - als Zielpunkt dient die Aioi-Brücke im Zentrum von Hiroshima (rechts neben der Bombe).

(Foto: Carlsen Verlag Hamburg 2020)

Als am 6. August 1945 Hiroshima durch eine Atombombe zerstört wird, beginnt ein neues Zeitalter. Wie aus physikalischen Theorien diese Massenvernichtungswaffe entstehen kann, zeichnet der Comic "Die Bombe" minutiös nach und macht mit kleinen Details das Grauen begreifbar.

Die Aioi-Brücke in Hiroshima weist eine architektonische Besonderheit auf: Ihr Grundriss ist T-förmig. Aus der Luft ist das Bauwerk im Zentrum der Stadt deshalb gut zu erkennen - heute, aber auch damals, vor 75 Jahren. Die Besatzung des US-Kampfbombers "Enola Gay" nutzte die Brücke deshalb als Zielpunkt für den Abwurf der ersten Atombombe am 6. August 1945, die um 8.16 Uhr und zwei Sekunden Ortszeit 600 Meter über der Stadt explodierte.

Schätzungen zufolge starben bis zu 150.000 Menschen am Tag des Abwurfs sowie in den folgenden Wochen und Monaten. Viele starben sofort, manche verdampften geradezu, übrig blieb mitunter nur ein durch den starken Lichtblitz verursachter Schatten an der Wand. Andere starben einen quälenden Tod aufgrund der hohen Strahlendosis. Bis heute leiden Menschen an den Spätfolgen, etwa an Krebs.

S. 417.jpg

Die Atombombe verursacht ein Inferno in Hiroshima - nur wenige Gebäude halten dem Feuersturm stand, darunter der damalige Sitz der Industrie- und Handelskammer, der heute ein Mahnmal ist.

(Foto: Carlsen Verlag Hamburg 2020)

"Little Boy" (kleiner Junge) hieß diese Bombe, deren Sprengkraft 12.500 Tonnen TNT entsprach - ein makabrer Name für eine völlig neue Dimension der Kriegsführung. Das Flugzeug, das sie abwarf, wurde nach der Mutter des Piloten benannt. Und entgegen den ausdrücklichen Befehlen wurde der Atomsprengsatz erst in der Luft scharf gemacht, um eine versehentliche Explosion beim Start auf dem US-Stützpunkt Tinian im Pazifik zu vermeiden.

Oft sind es solche Details, die Ereignisse erst greifbar machen. Zumal wenn es um historische Momente wie in Hiroshima geht, deren Auswirkungen die menschliche Vorstellungskraft eigentlich übersteigen. Der Comic "Die Bombe" (Leseprobe) versucht genau dies: aus einer großen Masse an Material, aus großen und kleinen Ereignissen eine minutiöse Geschichte der Atombombe zu rekonstruieren, von den theoretischen Grundlagen bis zum Abwurf über Hiroshima. Leider ist das Ergebnis zwiespältig.

Komplexe Geschichte, Fülle an Material

Als Klammer dient dem gewichtigen 450-Seiten-Werk eine Stimme - es ist das Uran selbst, das sich im Buch immer wieder zu Wort meldet. Leider ist dieser Kunstgriff, der eine Erzählerstimme ersetzen soll, völlig deplatziert. Denn das Uran stellt sich hier als unheilvolles Grauen dar: "Ich bin das lohende Höllenfeuer. Ich bin der Schock. Ich bin der Schöpfer des Nichts", wird dem Metall beim Blick über das zerstörte Hiroshima sozusagen in den Mund gelegt. Dabei ist Uran ein natürliches Metall, strahlend zwar, aber zu nichts vorherbestimmt. Entwicklung und Einsatz der Bombe werden so geradezu verharmlost. Denn es waren Menschen, die auf Grundlage der Eigenschaften des Urans ganz bewusst die bis dahin verheerendste Waffe bauten.

Diese Geschichte mit ihren wissenschaftlichen, politischen, militärischen und moralischen Aspekten ist äußerst komplex. Die Autoren Alcante und Laurent-Frédéric Bollée bemühen sich dennoch, daraus eine stringente Graphic Novel zu formen. Sie können die Balance jedoch nicht immer halten. So nimmt logischerweise das US-amerikanische Manhattan-Projekt, das die ersten Atombomben baute, den weitaus größten Platz ein. Andere Aspekte, etwa das Scheitern der deutschen Bemühungen um eine Atombombe, werden dagegen bestenfalls angerissen. Zu kurz kommt auch die Opferperspektive. Das Leben in Hiroshima vor und nach dem Atombombenabwurf wird skizzenhaft anhand einer fiktiven Familie abgehandelt - viel besser ist da die Manga-Reihe "Barfuß durch Hiroshima". Der zweite Atombombeneinsatz in Nagasaki am 9. August 1945 ist den Autoren dann gerade mal eine halbe Seite wert. Ärgerlich ist zudem, dass in der deutschen Übersetzung der damalige US-Außenminister James F. Byrnes permanent Staatssekretär genannt wird. Das entspricht zwar seiner amerikanischen Bezeichnung als Secretary of State, aber keinesfalls seiner Funktion.

Zeichner Denis Rodier liefert dazu nüchterne, den sachlichen Ton unterstreichende Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die stellenweise dialoglastig geraten. Eindrucksvolle, im Gedächtnis bleibende Momente gelingen ihm dann, wenn er die Seitenarchitektur aufbricht, auf einzelne Panel verzichtet und die Bilder für sich sprechen lässt. Das gilt vor allem für die Darstellung der Verheerungen, die die Atombombe in Hiroshima anrichtet. Rodier nutzt hier einzelne Symbole - eine verkohlte Uhr, ein brennendes Dreirad - um den Schrecken begreifbar zu machen.

General gegen Wissenschaftler

5_Die Bombe_© Editions Glénat 2020 by Alcante, LF Bollée & Denis Rodier © der deutschen Ausgabe Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020.jpg

US-Präsident Harry Truman feiert den Abwurf der Hiroshima-Bombe an Bord eines Kriegsschiffs, er ist gerade auf dem Rückweg von der Potsdamer Konferenz.

(Foto: Carlsen Verlag Hamburg 2020)

Auch erzählerisch hat "Die Bombe" starke Momente. Vor allem dann, wenn sich die Handlung auf einzelne Personen konzentriert, von denen einige in Vergessenheit geraten sind. Etwa Leó Szilárd. Der in Ungarn geborene und in Deutschland lehrende Physiker floh vor den Nazis nach Großbritannien, später in die USA. Seine Idee der nuklearen Kettenreaktion bildet das Fundament, auf dem Atomwaffen entstehen konnten. Er war es, der angesichts der Erfolge deutscher Forscher den Brief Albert Einsteins an US-Präsident Franklin Delano Roosevelt initiierte, mit dem die Entwicklung einer US-Atombombe erst in Gang kam. Szilárd arbeitete am Manhattan-Projekt mit, baute zusammen mit Enrico Fermi den ersten funktionierenden Atomreaktor, wandte sich dann aber scharf gegen den Einsatz der fertigen Atombombe. Seine Bemühungen, darunter eine Petition führender Wissenschaftler, kamen jedoch zu spät.

Denn es gab andere, die Bau und Abwurf der Bombe vehement vorantrieben, darunter General Leslie R. Groves, der Leiter des Manhattan-Projekts. Sein kompromissloser Einsatz gilt heute als mitentscheidend dafür, dass die Atombombe relativ schnell fertig wurde. Später rechtfertigte er den Abwurf damit, unzähligen US-Soldaten im Krieg gegen Japan das Leben gerettet zu haben - ein bis heute umstrittenes Argument. Der Comic stellt den Militär als egozentrisch und herrisch dar. Aus seinen Auseinandersetzungen etwa mit Szilárd, den Groves wegen dessen zunehmend pazifistischer Einstellung überwachen ließ, zieht das Buch vor allem in der zweiten Hälfte einen Gutteil seiner Dramatik.

ANZEIGE
Die Bombe - 75 Jahre Hiroshima: Die Entwicklung der Atombombe
42,00 €
*Datenschutz

Man kann dem Comic aber auch dankbar sein, auf jene Menschen hinzuweisen, die im Grunde zu den ersten Opfern der Atombombe gehören. Etwa den 1890 geborenen Ebb Cade, einen einfachen Bauarbeiter auf dem Gelände des Manhattan-Projekts. Nach einem Autounfall injizierten ihm Ärzte ohne sein Wissen oder seine Einwilligung Plutonium, wie danach noch etlichen anderen Patienten - um die Wirkung von Strahlung auf den menschlichen Körper zu erforschen.

Es sind solche Menschen, solche Details, die zeigen, wie komplex und umstritten die Entwicklung der Atombombe war und heute noch ist. Wie aus wissenschaftlicher Neugier bitterer Ernst wurde, aus physikalischen Theorien die zerstörerischste Waffe ihrer Zeit. 75 Jahre nach den ersten Atombombenabwürfen mag die T-förmige Aioi-Brücke in Hiroshima wieder stehen. Einen Ausweg aus der Bedrohung durch Atomwaffen hat die Welt aber noch nicht gefunden.

Quelle: ntv.de