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Zwischenruf Angespannte Beziehungen

Der römische Katholizismus und das Judentum hatten schon immer Schwierigkeiten im Umgang miteinander. Das Zweite Vatikanum, die Besuche von Paul VI. und Johannes Paul II. im Heiligen Land trugen dazu bei, die Beziehungen zu entspannen.

Seit dem Amtsantritt von Benedikt XVI. hat sich das Verhältnis wieder verschlechtert. Als er bei seinen Visiten in den Synagogen von Rom und Köln dazu aufrief einander besser kennenzulernen, setzte der Pontifex Maximus hoffnungsvolle Zeichen. Mit der Wiedereinführung der Karfreitagsfürbitte in ihrer alten Form ging er dann aber hinter das Konzil II zurück, das die Juden als "die älteren Brüder im Glauben" beschrieben hatte. Die Mehrheit der Juden lehnt den Ruf, sie mögen Jesus doch als ihren Heiland anerkennen, strikt ab. Mehr noch: Viele empfinden die Fürbitte als Herabwürdigung ihres Glaubens. Auch die Seligsprechung von Pius XII. durch Benedikt rief heftige Reaktionen hervor, gleich ob der Hochhuth'sche Schweigevorwurf an den Pacelli-Papst zum Massenmord der Nazis an den europäischen Juden in seiner Gänze berechtigt ist oder nicht. Vielleicht wäre es glimpflicher abgegangen, wenn Benedikt seinen Alt-Amtsvorgänger nicht als "Modell für die katholische Kirche" bezeichnet hätte.

Risiko eines ernsthaften Bruches

Mit der Rehabilitation von Bischof Richard Williamson geht der Heilige Stuhl nun noch einen Schritt weiter. Die Regensburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Bischof der traditionalistischen Pius-Bruderschaft, der zu den eifrigsten Leugnern des Völkermords an den Juden gehört. Die Stellungnahme vom Petersplatz, die Anerkennung von Williamsons Bischofsweihe habe nichts mit dessen Äußerungen zum Holocaust zu tun, ist fadenscheinig. Hindurch schimmert Benedikts Bestreben, das Schisma mit den Erben des abtrünnigen Erzbischofs Marcel Lefebvre endgültig zu beenden und so deren 600.000 Anhänger weltweit wieder in den Schoß Roms zurückzuführen. Die Einheit der Kirche ist Josef Ratzinger als ehemaligem Vorsteher der Glaubenskongregation wichtiger als der interreligiöse Dialog. Damit riskiert der römische Katholizismus aber einen ernsthaften Bruch mit dem Judentum und einen Verlust an internationaler Reputation. Es ist zu erwarten, dass der ersten Reaktion vom Vatikanhügel weitere folgen. Man kennt das seit dem Missgriff Benedikts in seiner Regensburger Vorlesung gegenüber dem Islam.

Es gereicht der Deutschen Bischofskonferenz zur Ehre, dass sie sich umgehend von Williamsons Lügengespinsten distanziert. Den Mut, den Papst für dessen Rehabilitation zu kritisieren, hatten die deutschen Hirten nicht. Mit dem Williamson-Akt hat der deutsche Oberhirte am Vorabend des Jahrestages der Befreiung des faschistischen Vernichtungslagers Auschwitz durch die Sowjetarmee deutlich gemacht, dass er in seiner Kirche Würdenträger duldet, die die industrielle Massenvernichtung von sechs Millionen Menschen in Abrede stellen.

Die italienischen Rabbiner haben das alljährliche Treffen im Rahmen des Dialogs mit den Katholiken schon abgesagt. Wie Benedikt noch in diesem Jahr nach Israel reisen wird, bleibt ein Mysterium. Es sei denn, diese oder eine neue Regierung sieht ihm seine Verfehlungen nach, um das eigene Image nach dem Gazakrieg wieder aufzupolieren. Damit aber würde sich das offizielle Jerusalem am Gründungskonsens Israels versündigen.

Die Schwierigkeiten werden also bleiben.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: ntv.de