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Höcke und der provozierte Aufschrei Die AfD hat ihr Ziel erreicht

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Erfolgreicher Provokateur: Björn Höcke.

(Foto: imago/Jacob Schröter)

Ein Teil der AfD-Spitze widerspricht dem Thüringer Parteichef Björn Höcke. Dabei ist die Taktik wieder einmal aufgegangen. Die kalkulierte Provokation ist die wichtigste und bisher auch effektivste Masche der AfD.

Man hätte am Mittwoch fast erleichtert sein können. Nach und nach meldeten sich namhafte AfD-Vertreter zu Wort und kritisierten die Äußerungen des Parteifreunds Björn Höcke. Bundessprecherin Frauke Petry, ihre Stellvertreterin Beatrix von Storch, NRW-Chef Marcus Pretzell, Vorstandsmitglied Alice Weidel – allesamt bedeuteten sie Höcke mehr oder weniger deutlich, eine Grenze überschritten zu haben und der Partei zu schaden. Nur: Viel wert ist die Kritik von Petry & Co. nicht. Die Causa Höcke ist schließlich genauso verlaufen, wie die Partei es sich wünscht. Über eine kleine unbedeutende Veranstaltung mit 150 Menschen in Dresden sprach am Ende das halbe Land. Die PR der AfD läuft wie am Schnürchen, wieder einmal hat sie ihr Ziel erreicht – maximale Aufmerksamkeit durch eine gezielte Provokation und den folgenden kollektiven Aufschrei.

Die Partei hat dieses Vorgehen längst zur Strategie erklärt. In einem vertraulichen Papier hat sich die AfD-Spitze im Dezember auf "sorgfältig geplante Provokationen" verständigt. Sie hat sich vorgenommen, im Wahljahr ganz gezielt politisch inkorrekt sein, um damit Empörung auszulösen. Die Partei hat damit bisher schließlich gute Erfahrungen gemacht. Egal, ob AfD-Vize Alexander Gauland Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng als jemanden bezeichnete, den man nicht zum Nachbarn haben will, ob Petry forderte, an der Grenze notfalls auf Flüchtlinge zu schießen oder Pretzell kurz nach dem Berliner Anschlag von "Merkels Toten" schwadronierte – jedes Mal gab es entsetzte Reaktionen, der AfD hat es jedoch nie nachhaltig geschadet. Ganz im Gegenteil. In den Umfragen steht sie stabil bei 12 bis 15 Prozent.

Wer etwas anderes behauptet, der lügt

Beim Produzieren von Skandalen nutzt die Partei noch ein zweites Stilmittel. Dies könnte man auch so beschreiben: Sie wirft einen Stein und schleppt ihn dann die Hälfte des Weges wieder zurück. Das heißt: Ein AfD-Politiker haut aufs Mett und räumt hinterher ein, es gar nicht so gemeint zu haben, falsch verstanden worden oder "auf der Maus ausgerutscht" zu sein. Gern wird die Schuld dann den Medien zugeschoben. Eine kühne Taktik, die sich auch bei Höcke wieder beobachten ließ. Die AfD handelt aus Kalkül. Sie kann davon ausgehen, dass die Botschaft beim ultrarechten Teil ihres Publikums angekommen ist. Die Gemäßigteren hörten von Höcke, dass er - natürlich vorsätzlich - missinterpretiert worden sei. Dabei hilft es, dass die meisten Anhänger der Partei eine eigene Sicht auf die Welt haben: Was die AfD sagt, stimmt immer; wer etwas anderes behauptet, der lügt. Das heißt auch: Wenn SPD-Chef Sigmar Gabriel oder ein Grünen-Politiker sich über Höcke empören, hat die AfD alles richtig gemacht.

Auch wenn Petry, Pretzell und von Storch Höcke nun zurechtgewiesen haben - Konsequenzen hat dieser nicht zu erwarten. Höcke ist schon mehrfach mit seinen steilen Thesen etwa über den "lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp" aufgefallen, er wird es wohl auch weiter tun. Petry hat einmal ein Parteiausschlussverfahren initiieren wollen und ist damit gescheitert. Sie wird es nicht noch einmal versuchen, weil die Machtarchitektur in der AfD wackelig genug ist. Gauland, Höcke und Parteisprecher Jörg Meuthen sind verbündet und Petry und Pretzell in herzlichster Abneigung verbunden. Einzig aufgrund dieser Grabenkämpfe sprangen sich die Beteiligten im Fall Höcke bei oder griffen an. Dass sie sich öffentlich bekämpfen, ist nicht neu. Bemerkenswert ist, dass es der Partei bisher nicht schadet.

Die spannendste Frage ist nun eine andere: Wie sollen Öffentlichkeit, Medien und die anderen Parteien mit der AfD umgehen? Kann man Sätze wie die von Höcke einfach ignorieren, sie mit einem Schulterzucken quittieren und so tun, als wäre nichts passiert? Nein. Krude Äußerungen über die deutsche Vergangenheiten einfach unwidersprochen stehen zu lassen, wäre ein Fehler. Entschiedenheit ist im Umgang mit der AfD angemessen, keine Hysterie. Weniger ist mehr, denn zu viel Aufmerksamkeit nutzt der Partei nur. Vor allem im Wahlkampf wird es wichtig sein, die PR-Masche der AfD zu durchschauen und sie nicht zu bedienen.

Quelle: n-tv.de

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