Politik
Die Eskalation der Gewalt an der Grenze zwischen Gaza und Israel war von der Hamas einkalkuliert und gewollt.
Die Eskalation der Gewalt an der Grenze zwischen Gaza und Israel war von der Hamas einkalkuliert und gewollt.(Foto: AP)
Montag, 14. Mai 2018

Zynisches Kalkül der Islamisten: Die Hamas ruft wieder zum Sterben auf

Ein Kommentar von Benjamin Konietzny

Ist die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem falsch? Vielleicht. Die Entscheidung der Hamas, Dutzende in den sicheren Tod zu schicken, ist es ganz sicher.

Als Mahatma Gandhi sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts in Indien mit Tausenden Anhängern den britischen Kolonialherren in den Weg stellte, war ihm klar, dass die Briten Gewalt einsetzen würden. Die zentrale Figur der indischen Unabhängigkeitsbewegung wusste, dass die Soldaten mit ihren Gewehren auf seine Anhänger schießen könnten. Es war noch nicht einmal besonders unwahrscheinlich. Doch Gandhi war jemand, der an das Gute im Menschen glaubte und daran, dass die Übermächtigen nicht dauerhaft auf Unbewaffnete schießen werden. Er behielt Recht.

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Auch die Hamas weiß, dass die Soldaten der israelischen Armee, die scheinbar Übermächtigen, schießen werden. Zumal sie keine friedlichen Demonstranten schickt, sondern bewaffnete, definitiv gewaltbereite Anhänger. Der Vergleich von Gandhis Bewegung mit einer Terrororganisation wie der Hamas ist auch völlig unangemessen. Doch den hat die Hamas ja selbst gewählt. Den Sturm auf die Grenzanlagen rund um den Gazastreifen nennt sie "Den großen Marsch der Rückkehr" und will sich damit selbst in die Nähe des indischen Freiheitskämpfers rücken.

Die Hamas schickt bereitwillig ihre Anhänger in den Tod. Sie braucht diese Toten, weil sie der Fratze der vermeintlichen Besatzer die Maske vom Gesicht reißen sollen. Es ist ein zynisches Kalkül und zielt darauf ab, der Hamas Argumente zu liefern, sich in dem Konflikt als Opfer zu gerieren. Ihre Führer wissen ganz genau, dass die israelischen Truppen an der Grenze abdrücken werden, wenn der Grenzzaun verletzt wird. Die israelische Armee hat in den vergangenen Tagen Flugblätter über den palästinensischen Gebieten abgeworfen, um die Menschen zu warnen, sich an den gewaltsamen Protesten zu beteiligen. "Halte Dich fern vom Sicherheitszaun, terroristischen Aufrührern und gewalttätigen Demonstranten. Rette Dich selbst und setze lieber darauf, Dir eine gute Zukunft aufzubauen!"

Wer die beengte geographische Situation rund um den Gazastreifen kennt, kann sich ausmalen, was passieren würde, wenn mit Äxten und Messern bewaffnete, gewaltbereite Hamas-Anhänger die Grenzanlagen überwinden. Die ersten israelischen Wohnviertel, Kindergärten, Synagogen und Schulen sind wenige Hundert Meter von der Grenze entfernt.

In dem jahrzehntealten, hochkomplizierten Konflikt im Nahen Osten gibt es kein Schwarz und Weiß. Es gibt kein Gut und kein Böse. Weder ist Israel Schuld an allem, so wie es radikale Palästinenser gerne darstellen, noch sind es die "bösen Palästinenser", so wie es israelische Nationalisten gerne darstellen. Es lichtet manchmal das Chaos, wenn man einzelne Aktionen und Entscheidungen bewertet. Die Botschaftsverlegung der USA ist vielleicht verfrüht, sicherlich unüberlegt. Kritische Stimmen aus Israel werfen Trump vor, er hätte zunächst seinen angekündigten Masterplan für den Frieden in Nahost vorlegen sollen, statt so schnell Fakten zu schaffen.

Dass die USA Jerusalem als Hauptstadt anerkennen, ist allerdings eine Anpassung an die Alltagsrealität in Israel. Der Oberste Gerichtshof sitzt dort, die Regierung, das Parlament. De facto ist die Heilige Stadt schon lange die Kapitale des jüdischen Staats. War die Entscheidung der USA falsch, die Botschaft zu verlegen? Vielleicht. Die Entscheidung der Hamas, dutzende junger Menschen, auch Kinder, an die Grenze in den sicheren Tod zu schicken, ist es ganz sicher. Sie beweist wieder einmal ganz deutlich, dass die Hamas im Nahostkonflikt ein Teil des Problems ist, nicht der Lösung.

Quelle: n-tv.de