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Griechenland, hop oder top? Athen kann sich weiter durchhangeln

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Im griechischen Schuldenstreit ist noch einiges möglich.

(Foto: REUTERS)

Griechenland ist noch nicht verloren. Die mutmaßliche Eskalation des Schuldenstreits ähnelt im Augenblick eher einem Sturm im Wasserglas.

Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis hat von seinen Kollegen aus der Eurogruppe zumindest heute nichts zu befürchten. Das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am Morgen klar gemacht. In ihrer Regierungserklärung bekräftigte sie noch einmal, sie wolle nicht, dass Hellas den Euro verlässt. Damit signalisiert sie: Die bellenden Hunde beißen immer noch nicht. Die Krisenmanager Europas sind entgegen aller offen vorgetragener Empörtheit und Entnervtheit weiterhin nicht bereit, Griechenland ziehen zu lassen.

Zwar macht Merkel auch deutlich, dass sie Griechenland bei den Schuldenrückzahlungen nicht entgegenkommen will. Gleichzeitig verschafft sie Athen auf dem diplomatischen Parkett aber wieder Zeit. Zeit, die es angeblich schon längst nicht mehr gibt. Die Europartner werden weiter die Füße stillhalten. In der Hoffnung, dass Athen spitz auf Knopf doch noch einlenken wird. Und damit alle wissen, warum sie dieses Spiel eigentlich noch weiterspielen, stellt sie dem europäischen Bündnis gleich noch ein überragendes Zeugnis aus: Europa sei im Vergleich zum Beginn der Krise "unstrittig robuster geworden". Worte, die in dieser Situation jedoch eher wie ein abgehalfterter Werbespruch wirken.

Zeit ist neben Geld der wichtigste Dreh- und Angelpunkt im Schuldenstreit. Griechenlands Premier Alexis Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis wissen, wie sehr die europäischen Krisenmanager und Geldgeber an diesem Europa hängen. Sie hüten diese Union wie ihre Herde. Kein Schäflein soll verloren gehen - egal ob schwarz oder weiß. EZB-Chef Mario Draghi hat das Versprechen Euroland auf Gedeih und Verderb zusammenzuhalten, 2012 in die drei Worte gegossen: "Whatever it takes". Euroland wird auf jeden Fall gerettet. Diese Idee scheint fix geworden zu sein. Man ist offenbar bereit, ihr alle Zeit der Welt einzuräumen.

Tsipras und Varoufakis setzen dieses Kleben an einer hehren Idee, die auf dem Reißbrett geboren wurde, geschickt für sich ein. Kompromissbereit muss nur der sein, der Angst hat, mehr zu verlieren, als er gewinnen kann. Athen hat nichts zu verlieren. Im besten Fall ringt Tsipras den Geldgebern Zusagen ab. Im schlimmsten Fall geht das Land pleite. Und dann? Die Gekniffenen sind vor allem die Geldgeber.

Wie können die Eurostaaten die Währungsunion in ihrer jetzigen Form jetzt noch retten? Eine Spielart wäre, dass sie dem IWF und der EZB die Griechenland-Schulden abkaufen. Dann lägen alle Schulden beim Rettungsfonds EFSF. Zins und Tilgung auf diese Schulden sind bereits bis 2023 ausgesetzt. Athen wäre erst einmal aus dem Schneider.

Selbst wenn Griechenland aus dem Euro ausscheiden würde - was bei einer Staatspleite nicht unbedingt der Fall sein muss - wäre es nicht das Ende der Welt für Hellas. Die Griechen hätten zwar eine massive Abwertung ihrer neuen Währung. Da Griechenland kaum etwas produziert, stellt sich auch die Frage, wie die Bevölkerung für die importierten Lebensmittel bezahlen kann. Andererseits würde Athen - wenn die internationale Geldquelle ein für alle Mal versiegt ist - aber vermutlich endlich beginnen, eigenes Geld einzusammeln. Athen würde wahrscheinlich plötzlich Steuern eintreiben, Vermögen aus dem Ausland zurückbeordern, Verkehrskapitalkontrollen einführen und Auslandskapital für Direktinvestitionen anwerben. Alles, worauf die Europartner im Moment vergeblich warten.

Ein Investitionsboom könnte die Folge sein, Arbeitsplätze würden so geschaffen. Um Güter aus dem Ausland zu bezahlen, sind Kompensationsgeschäfte und langfristige Kreditlinien mit Partnern außerhalb Europas denkbar. Die Drachme wäre zwar in den Außenbeziehungen ein Problem. Für die Binnenwirtschaft ist es aber egal, welche Währung die Menschen in die Hand nehmen. Hauptsache das Geld wird in Griechenland akzeptiert. Athen könnte so - zumindest theoretisch - Tritt fassen.

Die Griechen stehen also weniger unter Druck, als der Rest Europa es zum Teil aussehen lässt. Die Hoffnungen, bei den Geldgebern noch etwas rauszuschlagen, sind für Athen längst nicht verloren. Griechenland wird nicht plötzlich der große Gewinner im klassischen Sinne sein, aber es kann gelingen, sich weiter durchzuhangeln.

Tsipras kann also vorerst weiterlächeln. Die mutmaßliche Eskalation des Streits ist im Augenblick nicht viel mehr als ein Sturm im Wasserglas.

Quelle: ntv.de