Neue Regeln zur KrankschreibungSchwarz-Rot belastet Ärzte und gängelt Patienten
Gehen Sie in eine Praxis, begeben Sie sich sofort dahin, ziehen Sie nicht den Telefonjoker! Die Koalition schafft die telefonische Krankschreibung ab und fordert frühere Atteste. Der hohe Krankenstand wird so nicht bekämpft. Dafür gibt es mehr Bürokratie und vollere Praxen.
Wer kennt es nicht: Der Magen rebelliert, der Rücken schmerzt, die Migräne ist wieder da. Dem Arbeitgeber Bescheid geben, ein oder zwei Tage zu Hause bleiben, dann ist wieder gut. Ein Gang zum Arzt ist meist nicht nötig. Dauert es länger, ruft man in der Praxis an - die kennt den Patienten oder die Patientin und die Krankengeschichte - und lässt sich krankschreiben.
Es könnte so einfach sein. Doch die Koalition legt die Daumenschraube an. Es ist ein wiederkehrendes Thema von Kanzler Friedrich Merz: "Die Zahl der Krankentage in Deutschland ist zu hoch", sagt er auch auf der Pressekonferenz der Koalition. CDU, CSU und SPD wollen das ändern - mit den absolut falschen Mitteln. Die Zahl der Krankentage wird so nicht zurückgedrängt, dafür gibt es mehr Bürokratie, vollere Wartezimmer und gegängelte Patienten. Wer am ersten Tag mit einem Infekt in die Praxis muss, steckt eher noch andere Patienten an, statt sich zu Hause auszuruhen. Die, die wirklich ärztliche Hilfe brauchen, haben das Nachsehen.
Richtig ist, dass die Zahl der Krankentage in den vergangenen Jahren gestiegen ist, im internationalen Vergleich sticht Deutschland hervor. Darauf verweisen Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände gern. Doch es ist ein Irrglaube, dies sei durch die telefonische Krankschreibung verursacht worden. Allenfalls einen statistischen Effekt gibt es, weil durch die elektronische Krankschreibung mehr Ausfälle registriert werden. Das haben Untersuchungen längst nachgewiesen. Und der Anteil des Krankenscheins per Telefon beträgt nicht mal ein Prozent an allen Bescheinigungen. Noch mal: Weniger als ein Prozent.
Dennoch: "Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft", heißt es schlicht in dem Reformpapier, auf das sich die schwarz-rote Koalition geeinigt hat. Sie war in der Corona-Pandemie eingeführt worden, als Schutz für Patienten und Ärzte. Auch danach hat sie sich bewährt, zumal angesichts der Bedingungen: Patienten müssen der Arztpraxis bekannt sein und sie gilt nur für leichte Erkrankungen und maximal fünf Tage. Ärzteschaft und Krankenkassen begrüßen sie.
Faktenfreie Argumentationen
Natürlich gab es schwarze Schafe, die diese Möglichkeit ausnutzen. Und die "unrichtige Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung" soll auch völlig zu Recht schärfer bestraft werden. Doch das gilt nur für eine sehr kleine Minderheit, die auch weiterhin Wege finden wird, blauzumachen. Stattdessen wird die große Mehrheit bestraft, die für eine Bescheinigung zum Arzt muss. Bürokratischer geht es nicht.
Hinzu kommt: Schon am ersten Krankheitstag muss künftig eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorgelegt werden. Bisher ist das großzügiger geregelt. Dennoch haben Betriebe auch jetzt schon die Möglichkeit, Atteste am ersten Tag zu verlangen. Unnötigerweise wird dies nun für alle zur Pflicht. Immerhin will die Koalition betriebliche oder tarifrechtliche Ausnahmen zulassen. Für diejenigen, deren Arbeitgeber bereits eine kulante Regelung haben, ändert sich nichts. Alle anderen haben das Nachsehen - und sorgen für noch längere Wartezeiten bei Arzt oder der Ärztin.
Die Wirtschaft und ihr nahe Verbände begrüßen die Vorhaben. Dies komme "der Einstellungsbereitschaft von Unternehmen entgegen", heißt es in einer Mitteilung des Wirtschaftsrats der CDU. Wirklich? Verzichten Firmen tatsächlich auf neue Mitarbeiter, weil es die telefonische Krankschreibung gibt? Und ist die Vorlage des Krankenscheins am ersten Tag nicht auch jetzt schon möglich? Es sind faktenfreie Argumentationen wie diese, die die wahren Probleme missachten. "Die Ursache fürs Blaumachen sei in den allermeisten Fällen mitnichten in der Persönlichkeit zu suchen. Der Hauptgrund sind die Arbeitsbedingungen", sagte die Arbeitspsychologin Ivon Ames im Januar ntv.de. Sie spricht von einer abstrusen Debatte.
Die ambulante ärztliche Versorgung ist jetzt schon in vielen Teilen Deutschlands prekär. Die Koalition verschärft die Situation noch, wenn sie mehr Menschen in die Praxen treibt. Der Krankenstand wird so nicht gesenkt. Vielmehr erfüllen Union und SPD Forderungen aus der Wirtschaft, sprechen dabei aber den Bürgern ihr Misstrauen aus.
