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Wulff und seine Kredite Kein Kunde wie jeder andere

Am Anfang steht ein Privatkredit. Es folgt ein Geldmarktdarlehen, von dessen Zinssätzen Häuslebauer nur träumen können. Am Ende wird hastig umgeschuldet, per Handschlag. Die Sache bleibt fragwürdig.

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Bei der BW Bank wurde Wulff im "gehobenen Privatkundensegment" geführt.

(Foto: dpa)

Auf den ersten Blick ist es eine Win-win-Situation: Auf der einen Seite ein Mann mit wenig Eigenkapital, gesichert hohem Einkommen und teuren Immobilienplänen. Auf der anderen Seite ein Ehepaar mit reichlich Geld auf der Suche nach guten Zinsen in unsicheren Zeiten. Die Zeiten für Immobilienfinanzierungen sind lange nicht so rosig wie heute, Wohnungsbaukredite mit bis zu fünf Jahren Laufzeit kosten im Schnitt 5,43 Prozent. Das Ehepaar Geerkens begnügt sich mit vier Prozent und verlangt keine weiteren Sicherheiten, man kennt Christian Wulff schließlich seit Jahrzehnten.

Wäre Wulff zu diesem Zeitpunkt nicht amtierender Ministerpräsident, wäre die Sache kein Thema. Privatkredite unter Freunden und Verwandten oder auf anonymen Online-Kreditbörsen sind nicht weiter ungewöhnlich. Welche Konditionen dabei gelten ist allein eine Frage persönlicher Risiko- und Zahlungsbereitschaft. Insofern sind auch die Absprachen zwischen Wulff und den Geerkens nicht völlig abwegig – für Privatpersonen. Nun ist im Ministergesetz Niedersachsens festgelegt, dass Minister der Landesregierung keine Belohnungen und Geschenk in Bezug auf ihr Amt entgegennehmen dürfen. Die Details regelt das Niedersächsische Beamtengesetz. Demnach sind "besondere Vergünstigungen bei Privatgeschäften (z. B. zinslose oder zinsgünstige Darlehen, Berechtigungsscheine, Rabatte) für Beamte tabu. Das gilt jedenfalls dann, wenn diese Vergünstigungen einen Bezug zum Amt haben.

Und hier liegt der Knackpunkt im Fall Wulff: Seine Anwälte verneinen, dass es einen Zusammenhang zu Wulffs Position als Ministerpräsident gegeben habe. Geerkens habe sich aus seinen Geschäften längst zurückgezogen und Wulff das Privatdarlehen aus privater Freundschaft gewährt. Fragwürdig ist allerdings, warum Geerkens als Unternehmer im Ruhestand den Ministerpräsidenten in einer Wirtschaftsdelegation auf drei Reisen begleitete. Fragwürdig ist auch, warum Wulff als Kreditnehmer mit reinem Gewissen die Wahrheit über die Herkunft des Darlehens nur scheibchenweise herausrückte.

Billiges Geld für jeden?

Kurz nachdem die ersten kritischen Fragen zum Privatkredit auftauchten, stellte Geerkens Kontakt zur BW-Bank her. Dort nahm Wulff aber kein Hypothekendarlehen auf, sondern einen rollierenden Geldmarktkredit. Nicht die schlechteste Lösung für Kreditnehmer, die sich nicht lange binden wollen: Alle drei Monate gibt es einen neuen Vertrag, in dem die Konditionen aufs Neue festgelegt werden. Die Zinsen bestimmen sich nach dem Euribor, das ist der Zinssatz, zu dem sich Banken kurzfristig untereinander Geld leihen. Hinzu kommt noch ein Risikoaufschlag und die Marge der Bank. "Wulff hat zwischen 0,9 und 2,1 Prozent Zinsen gezahlt, da dürfte der Gewinn der Bank gegen Null gehen", sagt Max Herbst von der Finanzberatung FMH.

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Das Wulff-Anwesen in Großburgwedel: 415.000 Euro kostete das Haus, nochmal rund 85.000 Euro wurden für die Modernisierung fällig.

(Foto: dpa)

Kurios sind solche flexiblen Geldmarktdarlehen nicht – im Grunde stehen sie jedem offen und es gibt durchaus Banken, die sie als Standardprodukt, etwa für Handwerker und Selbständige mit unregelmäßigen Einkünften anbieten. Dass sie bei Immobilienfinanzierungen keine Rolle spielen, führt Herbst auf das hohe Sicherheitsbedürfnis der deutschen Häuslebauer zurück. "Zinsen, die sich ständig ändern, sind langfristig für die Meisten zu riskant". Zudem dürften die Wenigsten ähnlich überzeugende Konditionen bekommen wie Wulff, der bei der BW-Bank als "gehobener Privatkunde" geführt wird. Gegenüber der "Frankfurter Rundschau" begründete das Institut die Entscheidung mit den wirtschaftlichen Verhältnissen sowie den persönlichen und wirtschaftlichen "Entwicklungsmöglichkeiten des Kunden". Die extrem günstigen Zinssätze seien für die gehobenen Privatkunden nicht ungewöhnlich.

Im Fernsehinterview verweist Wulff selbst auf die Sicherheiten, die er mitbrachte: Neben den Ministerpräsidentenbezügen gebe es zwei unbelastete Immobilien. "Die müssen rund 800.000 Euro Beleihungswert haben", rechnet Herbst vor. Nur so lässt sich erklären, warum die BW-Bank eine 60-Prozent-Finanzierung für den 520.000 Euro-Kredit ansetzte.

Fragwürdige Chronologie

Dass Wulff bei der BW-Bank kein ganz gewöhnliches Immobiliendarlehen abgeschlossen hatte, wurde allerdings erst kurz vor seiner öffentlichen Erklärung am 22. Dezember bekannt. Da hatte Wulff den Geldmarktkredit schon in ein reguläres Hypothekendarlehen umgewandelt. "Im Hinblick auf die zu erwartende Zinsentwicklung" habe man diese Entscheidung getroffen, schreiben Wulffs Anwälte.  Bereits am 25. November seien die Konditionen ausgehandelt und bei der Bank "eingebucht", worden, so Wulff. Schriftlich bekam er die Unterlagen aber erst am 12. Dezember, am 21. Dezember unterschrieb er. Bis dahin war noch nichts in trockenen Tüchern – auch wenn Wulff im Interview betont, mit der mündlichen Absprache sei die Sache geregelt gewesen.

Ein Irrtum, weiß Herbst: "Ein Bankdarlehen ist kein Kuhhandel, da gibt es keine Geschäfte per Handschlag." Schließlich müsse die vereinbarte Darlehenssumme garantiert werden. Und das könne nicht allein der Kundenberater gewährleisten. Selbst im besten Fall räumten die Banken höchstens eine Woche Überlegungszeit bis zur Unterschrift ein, länger dauernde Absprachen sind laut Herbst völlig unrealistisch.   

3,62 Prozent Effektivzins zahlt Wulff ab dem 16. Januar an die BW-Bank. Das ist selbst für ein Volltilgerdarlehen günstig. Standardkunden bekommen laut FMH derzeit bei der Sparkasse Leipzig die besten Konditionen mit rund 3,80 Prozent, 4,5 Prozent sind es bei der Ing DiBa. Das gilt allerdings bei einer hundertprozentigen Beleihung. In 15 Jahren soll Wulffs Haus schuldenfrei sein. Mit den Monatsraten von rund 3500 Euro sollte er bis dahin keine Probleme haben: Seine Bezüge liegen derzeit bei 199.000 Euro im Jahr und steigen entsprechend der Beamtenbesoldung. Und das unabhängig davon, wie lange er noch als Bundespräsident im Amt ist.

Quelle: n-tv.de

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