Sport

Vor 20 Jahren gab's Bronze Als die DDR ihre letzte Medaille gewann

Vor 25 Jahren feiert Deutschland die Wiedervereinigung. Doch eine Ehrung ist der DDR fünf Jahre später noch vergönnt: 1995 erhält ein Team des bereits untergegangenen Staates eine Bronzemedaille bei einer Weltmeisterschaft. Wie kommt es dazu?

Fernschach ist ein langsamer Sport. Bis zu zwei Jahre kann eine Partie dauern. Kommt der Gegner aus dem Ausland, geht es schon mal länger. Zumindest, wenn man die traditionelle Variante spielt und die Züge mit der Postkarte übermittelt. Eine Karte ist Tage, manchmal Wochen unterwegs. Dann hat man etwa drei Tage Bedenkzeit, um die Antwort in den Briefkasten zu stecken. Und wieder vergehen Wochen, bis der Zug des Gegners eintrudelt. Viel kann während so einer Partie passieren. Erst recht, wenn sie Teil eines Turniers ist, das sich über mehrere Jahre erstreckt.

pat_schach2_kl1.jpg

Fritz Baumbach ist Fernschach-Weltmeister im Einzel und in der Mannschaft. Seit 1973 ist er Fernschach-Großmeister.

(Foto: Fritz Baumbach)

Eines der kuriosesten Turniere der Sportgeschichte ist die Fernschach-Olympiade der Jahre 1987 bis 1995, wie man die Mannschafts-WM dieser Disziplin nennt. Sie findet in jenen Jahren statt, in denen der Ostblock zusammenbricht. Auch die Mannschaft der Deutschen Demokratischen Republik nimmt an dem Turnier teil. Doch zwei Jahre nach Beginn fällt die Mauer, 1990 kommt es zur Wiedervereinigung, die DDR existiert nun nicht mehr. Weil die Olympiade aber erst fünf Jahre später endet, gewinnt das Land noch eine letzte Medaille: Bronze.

"Wir spielten für ein Land, das gar nicht mehr da war", sagt Fritz Baumbach im Gespräch mit n-tv.de. Der Chemiker aus Berlin ist damals Teil des DDR-Teams. Er spielt zu dieser Zeit ausgerechnet gegen einen Spieler aus der Bundesrepublik. "Das war Zufall, ein netter Zufall eigentlich", sagt er. Sein Gegner ist Karl-Heinz Maeder aus Frankfurt am Main. Die Partie zieht sich über den 3. Oktober 1990 hin, dem Tag der Wiedervereinigung. "Ich begrüße Sie als meinen Landsmann", schreibt Baumbach danach nach Hessen. "Kurios, dass wir in verschiedenen Mannschaften spielen."

"Bei der nächsten Olympiade dann in einer Mannschaft"

An einen Abbruch des Spiels oder des Turniers denken Baumbach und seine Mannschaftskollegen trotz des Endes der DDR aber nicht. Schließlich liegt man gut im Rennen: "Da wusste man schon, dass wir höchstwahrscheinlich eine Medaille bekommen. Nur welche, war noch nicht klar", erinnert sich der Fernschach-Großmeister. Ganz spurlos geht die Wende trotzdem nicht an ihm vorbei: "Man war natürlich ein bisschen abgelenkt durch die politischen Ereignisse, durch den Umbruch und die Umwälzungen, gerade in Berlin", erklärt er. Da sei eine Fernpartie schon mal ein paar Tage liegen geblieben.

15917107.jpg

Auf solchen Postkarten werden Züge im Fernschach verschickt.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Als aufregend beschreibt Baumbach diese Zeit. Vor allem, als klar ist, dass es die DDR-Mannschaft tatsächlich aufs Siegertreppchen schafft, fünf Jahre nach der Wiedervereinigung. Allerdings kann sich der Spieler jahrelang auf diesen Moment vorbereiten. "Dieses Gefühl kam ja nicht überraschend."

Er erinnert sich aber an die vielen Journalisten, die über die letzte Medaille für die DDR berichten. Deshalb organisiert man 1995 selbstständig eine Siegerehrung in Magdeburg. "Eigentlich ist so eine Zeremonie im Fernschach nicht üblich", erklärt er, schließlich würden die Kontrahenten teils weit auseinander wohnen. "Doch diese Möglichkeit, Aufmerksamkeit für den Fernschach zu erregen, wollten wir uns nicht entgehen lassen." Man lädt sogar Vertreter der anderen Mannschaften ein, darunter vom Goldgewinner Sowjetunion - auch dieses Land hat das Turnier nicht überlebt.

Ohnehin hat längst die folgende Weltmeisterschaft begonnen. Bei dieser bewahrheitet sich die Voraussage von Baumbachs früherem Konkurrenten: "Vielleicht spielen wir bei der nächsten Olympiade dann in einer Mannschaft", hatte Karl-Heinz Maede aus Frankfurt ihm 1990 geantwortet. So kommt es. Und das gesamtdeutsche Team holt diesmal sogar die Goldmedaille, zusammen mit der Tschechoslowakei, die es bei Turnierende auch nicht mehr gibt. Schließlich gewinnt Baumbach 2008 mit der Mannschaft erneut die WM-Krone. Zudem ist er jahrelang Präsident des deutschen und Generalsekretär des internationalen Fernschachbundes.

E-Mail und Schachcomputer

Inzwischen ist Baumbach 80 Jahre alt. Seine letzte Weltmeisterschaft liegt drei Jahre zurück. So viele Partien wie früher - es waren meist 10 bis 15 - spielt er nicht mehr gleichzeitig. Mehr ging auch damals nicht, denn: "Man lebt mit den Partien, man denkt auch an sie, wenn man gerade nicht analysiert." Das gehe allen Fernschachspielern so. Mit den neuen technischen Möglichkeiten, mit E-Mail und Schachcomputern, werde man jedoch bequem, so Baumbach. Spieler hätten die Partien oft nicht mehr im Kopf: "Man drückt am Computer einen Knopf und schon sieht man auf dem Bildschirm seine Stellungen." Außerdem fällt der Postweg weg, weshalb Spieler mittlerweile vier oder fünf Tage Zeit für einen Zug hätten statt drei.

Doch Baumbach, der 1970 DDR-Meister am Brett war und Ende der 80er Fernschach-Weltmeister im Einzel, schreckt auch vor schnellen Schach-Varianten nicht zurück: Begeistert berichtet er von der Blitz- und Schnellschach-Weltmeisterschaft, die gerade in Berlin stattfand: "Das war ein Fest für mich, muss es für jeden Schachspieler sein." Begeistert sei er gewesen, die stärksten Spieler der Welt auch mal live zu erleben. Für den aktuellen Schach-Weltmeister Magnus Carlsen hat er auch viel Lob übrig: "Vom Weltmeister hält man immer viel, das ist klar", sagt er mit einem Lachen. Er sei ein starker, ideenreicher Spieler, der zwar keine großen Risiken eingehe, aber auch aus schwierigen Stellungen viel heraushole. "Er hat alle positiven Eigenschaften eines Schachspielers, eines Weltmeisters", sagt Baumbach, der selbst mehrfacher Weltmeister ist. Allerdings aus der Distanz.

Quelle: ntv.de