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Rad-WM: Degenkolb fällt auf Kopf Belgische Flüche versüßen Alaphilippes Titel

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Der alte und neue Weltmeister: Julian Alaphilippe aus Frankreich.

(Foto: REUTERS)

Die Straßenrad-Weltmeisterschaften sind ein einziges Fest. Die Fans in Belgien machen auch das Rennen der Männer zu einem Spektakel, in dem der Deutsche Nils Politt für Aufsehen sorgt, während Teamkollege John Degenkolb auf den Kopf stürzt. Der Titel geht wieder an Julian Alaphilippe.

Inmitten des belgischen Radsport-Wahnsinns fuhr Nils Politt Attacke um Attacke, doch zum sensationellen Medaillencoup reichte es am Ende nicht. Als sich der französische Superstar Julian Alaphilippe vor unfassbarer Kulisse erneut zum neuen Weltmeister krönte, hatte der deutsche Radprofi nach zahlreichen Angriffen auf den 267,7 Kilometern von Antwerpen nach Löwen längst abreißen müssen. Politt machte seiner Kapitänsrolle für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) zwar alle Ehre, kam auf dem hügeligen Klassikerkurs mit zahlreichen giftigen Anstiegen aber am Ende nur auf Platz 16. Deutschland muss damit seit Rudi Altig 1966 auf einen Weltmeister und immerhin schon seit André Greipel 2011 auf eine Medaille im WM-Straßenrennen warten.

Alaphilippe holte sich stattdessen mit einer seiner beherzten Attacken erneut im Alleingang das Regenbogentrikot. Schon im Vorjahr hatte er als Solist in Imola triumphiert. 32 Sekunden hinter Alaphilippe sicherten sich in Flandern, wo am Sonntag hunderttausende Menschen an die Strecke pilgerten, der Niederländer Dylan van Baarle und der Däne Michael Valgren die weiteren Medaillen. Wout van Aert, Hoffnung von geschätzt über einer Million fanatischer belgischer Radsport-Fans am Streckenrand, wurde Elfter.

"Ich glaube, die belgischen Fans hatten auf van Aert gehofft, und viele von ihnen haben weniger nette Worte für mich gefunden, als ich mich der Ziellinie genähert habe", sagte Alaphilippe, dem es wie zuletzt Peter Sagan (2015 bis 2017) gelang, den Titel erfolgreich zu verteidigen. Mit einem Grinsen im Gesicht betonte er: "Das macht es doppelt schön, hier zu gewinnen."

"Mein Helm ist gebrochen"

Schon früh am Morgen waren die 195 Fahrer in das rasante Auf und Ab quer durch Flandern gestartet. Für Kapitän Politt begann das Rennen mit einer Schrecksekunde: Nach wenigen Kilometern musste er bereits am Straßenrand halten, um einen Defekt an seinem Rad beheben zu lassen.

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Politts Engagement blieb unbelohnt.

(Foto: imago images/Panoramic International)

In der Folge präsentierte sich der Kölner aber offensiv und zeigte sich - mit entschlossenem Blick und weit aufgerissenem Mund - immer wieder an der Spitze des Pelotons. Der Bora-hansgrohe-Profi war es auch, der das Feld rund 100 Kilometer vor dem Ziel mit einer couragierten Attacke teilte. Zuvor waren mehrere Fluchtversuche, unter anderem von Belgiens Supertalent Remco Evenepoel und Sloweniens Starfahrer Primoz Roglic, wieder gestoppt worden.

John Degenkolb hatte es zum Zeitpunkt von Politts Attacke schon schwer erwischt. Der Routinier kam bei einem Sturz mit hoher Geschwindigkeit zu Fall. Dabei trug er Hautabschürfungen und Prellungen davon. "Es war ein sehr unangenehmer Sturz, ich bin auch auf den Kopf gefallen und mein Helm ist gebrochen. Mir war anfangs auch schwindelig, das muss ich die nächsten Tage noch beobachten. Ich bin mega enttäuscht, dass mein WM-Rennen so zu Ende gegangen ist", sagte Degenkolb, nachdem er die Krankenstation des Weltverbandes UCI verlassen hatte. Doch Politt fehlte im Feld ein wichtiger und routinierter Helfer.

Deutsche Bilanz dennoch ordentlich

Der deutsche Meister Maximilian Schachmann - bei WM 2020 und Olympia 2021 als Kapitän angesetzt - hatte diesmal sportlich nichts zuzusetzen und musste frühzeitig abreißen lassen und später aufgeben. Sprinter Pascal Ackermann konnte ebenfalls nicht mithalten, das ohnehin kleine deutsche Team fiel früh auseinander.

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Ihnen entging damit auch das große Spektakel auf Belgiens Straßen, auf denen der WM-Sonntag wirkte wie ein Nationalfeiertag. Zum Ende der Titelkämpfe wollte das radsportverrückte Volk unbedingt den so sehr ersehnten Heimsieg bejubeln. Eine derart fantastische Atmosphäre hatte man seit Anbeginn der Corona-Pandemie nicht mehr gesehen. Schon in den Tagen zuvor hatte sich der Wahnsinn von Tag zu Tag mehr gesteigert: Von tausenden Eddy-Merckx-Mützen über volle Bars und Kneipen mit Partylustigen bis hin zu Kindern, die lautstark und kreischend um Trinkflaschen von unbekannten Rad-Junioren betteln.

Die deutsche Bilanz fällt trotz des verpassten Abschlusscoups positiv aus. Tony Martin führte das Zeitfahr-Mixed in seinem letzten Rennen als Profi zu Gold, dazu gelangen Antonia Niedermaier und Linda Riedmann Bronzemedaillen bei den Juniorinnen. Im Vorjahr in Imola hatte es bei den coronabedingt stark reduzierten Wettkämpfen gar keine Medaille gegeben.

Quelle: ntv.de, Patrick Reichardt und Stefan Tabeling, dpa

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