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Verband kämpft um seine Existenz Box-Weltmeisterschaft versinkt im Chaos

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Es kriselt heftig bei den Amateurboxern.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Eine Weltmeisterschaft hat für Sportler im vorolympischen Jahr normalerweise einen besonderen Reiz. Bei den Box-Amateuren ist das dagegen derzeit völlig anders. Denn ihre Führung gilt beim IOC als unerwünscht. Der Verband kämpft um sein Überleben.

Die Boxer müssen ausbaden, was ihre Funktionäre verbockt haben. In den nächsten Tagen werden im russischen Jekaterinburg bei der Weltmeisterschaft der Amateure - bis zum 21. September - die Titel vergeben. Normalerweise dient eine Veranstaltung dieser Güte wenige Monate vor den Olympischen Spielen der Qualifikation für die größte Sportveranstaltung der Welt. Nicht so diesmal. Die WM in Russland wird vom Weltverband Aiba verantwortet. Der hat bei Olympia aber kein Zutrittsrecht, ist vom Internationalen Olympischen Komitee IOC bis auf Weiteres suspendiert.

Die Gründe sind bekannt: katastrophale Finanzlage, belastete Führung, korrupte Kampfrichter. Das IOC verlangt tiefgreifende Änderungen und hat eine Task Force gebildet, um das Olympia-Turnier der Boxer in Tokio zu organisieren - mit eigener Qualifikation, aber ohne Aiba. Die Russen als WM-Ausrichter wollten das Championat schon zurückgeben, weil sie eine starke Entwertung ihre Produkts befürchteten.

Immerhin vier Millionen Dollar mussten sie für die Austragungsrechte an die Aiba zahlen. Zwei Jahre zuvor bei der WM in Hamburg war weniger als die Hälfte verlangt worden. Die WM-Rückgabe war aber schnell vom Tisch. Die Top-Verbände kommen allesamt nach Jekaterinburg, wollen Titel sowie Punkte für die Weltranglisten. In der Aiba herrscht derweil Chaos. Der Verband ist nahezu pleite, die Insolvenz droht, eine Auflösung wurde diskutiert.

Führungsspitze muss sich selbst abschaffen

Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch: Wollen wir das IOC besänftigen und wieder hoffähig werden, müssen wir uns personell erneuern. Der Reinigungsprozess verläuft zäh. Denn: Die Führungsspitze muss sich selbst abschaffen. Die Veränderung "finde ich gut und unterstütze einen Neustart", sagt Jürgen Kyas, Präsident des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV) und Aiba-Exekutivmitglied. "Aber vor einer Neugründung warne ich. Ein neuer Verband müsste vom IOC zugelassen werden. Das seit Rio 2016 vom IOC eingefrorene Geld steht der Aiba zu, nicht einem neuen Verband."

Eine Strategie, den seit Monaten ziellosen Verband wieder unter Kontrolle zu kriegen, gibt es nicht. Für den krimineller Machenschaften bezichtigten Usbeken Gafur Rachimow war Anfang März der Marokkaner Mohamed Moustahsane als Interimspräsident bestimmt worden. Vor einigen Wochen hatte der Nordafrikaner seinen Rücktritt verkündet.

"WSB war eh nur für reiche Nationen interessant"

Vor wenigen Tagen die Kehrtwende: Moustahsane bleibt im Amt. Stattdessen muss Exekutivdirektor Tom Virgets aus den USA überraschend gehen. Im November 2019 sollte der reguläre Präsident gewählt werden. Das wurde auf März 2020 verschoben. Eine Kommission will unbelastete Kandidaten finden. Während das IOC die Aiba zum Gang nach Canossa zwingt, lässt es den Hauptverursacher der finanziellen Krise mit einer Hinterlassenschaft von rund 40 Millionen Dollar Schulden unbehelligt. Ex-Präsident Wu Ching-Kuo aus Taiwan ist weiterhin IOC-Mitglied.

Ohne Aiba geht in Tokio aber nichts. Die Kampfrichter für Olympia kommen allesamt vom suspendierten Weltverband, werden zuvor aber von einer Unternehmensberatung überprüft. Als Reaktion auf Skandalurteile waren nach Rio 2016 alle 36 Kampfrichter von der Aiba suspendiert worden. Die neue Crew soll sich in Jekaterinburg beweisen. Die neue Qualifikation von Februar bis Mai 2020 unter IOC-Hoheit ist zeitlich gepresst, hat aber auch positive Aspekte.

Die halbprofessionelle WSB-Serie erhält von den bislang üblichen 28 Olympia-Startplätzen keinen. "Die WSB war eh nur für reiche Nationen interessant", sagt DBV-Sportdirektor Michael Müller. Die Deutschen nahmen aus finanziellen Gründen nicht teil. Müller: "Außerdem erhält Europa seiner Stärke entsprechend mehr Startplätze als früher. Aus deutscher Sicht können wir mit der Quali sehr gut leben."

Quelle: n-tv.de, Franko Koitzsch, dpa