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Kati Wilhelm zur Biathlon-WM "Dahlmeier-Dominanz der Vorjahre fehlt"

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Kati Wilhelm, eine der erfolgreichsten deutschen Biathletinnen der Geschichte.

(Foto: imago/Karina Hessland)

Die Biathlon-WM in Östersund beginnt. Die Topfavoriten kommen aus Norwegen und Frankreich bei den Männern und aus Italien bei den Frauen. Dennoch ist Ex-Biathlon-Star Kati Wilhelm zuversichtlich: "In jedem Rennen sind deutsche Medaillen drin", sagt sie ntv.de und nennt Gründe.

n-tv.de: Frau Wilhelm, Skispringer und Nordische Kombinierer haben bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld abgeräumt. Nun steht die Biathlon-Weltmeisterschaft in Östersund an. Wird es auch einen Medaillenregen geben?

Kati Wilhelm

Kati Wilhelm war von 2001 bis 2010 eine der erfolgreichsten deutschen Biathletinnen. Sie gewann insgesamt 37 Weltcuprennen, davon 21 Einzelsiege. Die Thüringerin holte bei insgesamt drei Olympischen Winterspielen drei Gold-, drei Silber- und eine Bronzemedaille. Bei Weltmeisterschaften triumphierte sie fünf Mal. Heute arbeitet sie als TV-Expertin für die ARD, hält Vorträge zum Thema "Entscheidungen" und betreibt mit dem "Heimathlon" ein eigenes Restaurant in ihrem Heimatort Steinbach-Hallenberg.

Kati Wilhelm: Schwer zu sagen, denn vor allem die Skispringer haben da sehr positiv überrascht. Man muss bei den Biathleten jetzt nach der Pause schauen, wie die Vorbereitung gelaufen ist, ob man die Form halten oder sogar etwas draufpacken konnte - und was die internationale Konkurrenz gemacht hat. Alles in allem denke Ich, dass die Deutschen, Männer und Frauen, bei den Medaillenvergaben bei der Biathlon-WM ein gehöriges Wörtchen mitreden werden. In jedem Rennen sind Medaillen drin, die Konkurrenz schläft allerdings nicht.

Sie sprechen es an: Der letzte Weltcup war in den USA, Soldier Hollow. Das ist drei Wochen her, eine lange Zeit ohne Wettkampf. Vor- oder Nachteil?

Das ist individuell unterschiedlich. Ein Weltcup in Kanada oder den USA ist etwas anderes als vor der Haustür in Oberhof, Ruhpolding oder Antholz. Da spielen Jetlag und Reisestress durchaus eine gewisse Rolle. Effektiv konnte eine Woche trainiert werden, denke ich. Das ist ausreichend und gut, um an einigen Stellschrauben die letzten Feinheiten noch herauszuarbeiten. Die Wettkampfroutine bleibt dabei erhalten.

Die WM ist der absolute Saisonhöhepunkt, es folgt aber immer noch mindestens ein weiterer Weltcup. Woran liegt das, hat das einen besonderen Grund?

Das hat sich so eingespielt, ist aber beispielsweise bei den Langläufern oder Skispringern nicht anders. In manchen Jahren ist die WM sogar noch früher, dann gibt es im Anschluss noch einmal einen kompletten Dreier-Weltcup-Blick. Ich sehe darin nur Vorteile: Konnte man bei der WM nicht überzeugen, kann man es sich im Anschluss noch einmal beweisen und mit einem guten Gefühl aus der Saison gehen. Hat man bei der WM geglänzt, folgt danach noch das i-Tüpfelchen und man kann sich vielleicht sogar als Weltmeister von den Fans noch feiern lassen. Ich fand das zu meiner Zeit immer sehr angenehm.

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Konstant: Arnd Peiffer.

(Foto: picture alliance/dpa)

In dieser Saison gab es in den deutschen Teams Aufs und Abs, Krankheiten, Verletzungen, Formschwächen; dann aber auch Podestplätze gleich mehrerer Athleten. Keiner ragt heraus. Wen schätzen Sie am stärksten ein, wer hat denn die größten Medaillenchancen?

Ich sehe den bisherigen Saisonverlauf gar nicht so holprig, gerade bei den Männern. Da sticht Arnd Peiffer etwas heraus, der aber, weil er Papa geworden ist, eine Pause eingelegt hat und deshalb im Gesamtweltcup nicht ganz vorne auftaucht. Bei der Breite haben Sie recht: Arnd Peiffer, Benedikt Doll, Erik Lesser, dazu Roman Rees und Johannes Kühn, die gezeigt haben, dass etwas nachkommt. Da sind die Deutschen sehr gut aufgestellt.

Und bei den Frauen?

Da gilt das auch. Klar war Laura Dahlmeier in den vergangenen Jahren das Aushängeschild. Und wenn sie verletzt ist, kränkelt, später in die Saison einsteigt und wieder pausiert, dann ist die Aufmerksamkeit groß und der Druck auf die anderen Mädels wächst. Damit mussten sie erst einmal umgehen zu Saisonbeginn. Aber danach gab es auch da durch die Bank weg gute Platzierungen und Podestplätze: Denise Hermann, Franzi Preuß, Franzi Hildebrand, Vanessa Hinz - jede durfte sich auszeichnen, auch Laura. Ihre Dominanz der Vorjahre fehlt zwar, aber Sorgen sollte man sich nicht machen. Ich bin für die WM sehr positiv gestimmt.

Sprint, Verfolgung, Einzel, Massenstart, Staffel, Single-Mixed, Mixed-Staffel: Welche WM-Disziplinen liegen den Deutschen am besten? Wo sind gute Ergebnisse Pflicht?

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Krankheitsbedingte Pausen brachten Laura Dahlmeier in dieser Saison immer wieder aus dem Rhythmus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ein besonderes Augenmerk liegt immer auf den Staffeln. Da ist die Konkurrenz natürlich auch groß und man darf sich keinen negativen Ausreißer leisten. Sonst gilt: Jeder will jedes Rennen laufen. Klar hat der eine mehr Lust auf den Massenstart, den Kampf Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau am Schießstand. Dem anderen kommt dagegen der Einzel-Wettkampf mehr entgegen, weil er ein sicherer Schütze ist, während starken Läufern wie Benedikt Doll Sprint und Verfolgung mehr liegen. Eine Spezialisierung wie beispielsweise im Langlauf mit Sprint, klassischer Technik und so weiter gibt es im Biathlon nicht.

Die Konkurrenz ist bei Männern und Frauen groß. Bei den Männern heißt der Topfavorit Johannes Thingnes Boe, der Seriensieger der bisherigen Saison. Wen zählen Sie noch dazu?

Johannes ist der große Favorit in meinen Augen. In Soldier Hollow hat er aber etwas Federn gelassen, was auch zeigt, dass eine ganze Saison über konstant Topleistungen am Fließband zuzuliefern sehr schwierig ist. Ihm könnte die Pause gut getan haben. Aber auch einen Martin Fourcade, selbst wenn er bisher in der Saison seinen eigenen Erwartungen hinterhergelaufen ist, schätze ich sehr hoch ein - gerade weil er eben bei den Topevents bisher immer abgeliefert hat. Abschreiben sollte man ihn auf alle Fälle nicht. Und klar: Auch die Deutschen werden eine Rolle spielen, allen voran Peiffer, Doll und Lesser.

Bei den Frauen geben die Italienerinnen Lisa Vitozzi und Dorothea Wierer bisher das beste Bild ab. Wen zählen Sie hier noch zum Favoritenkreis?

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Auf dem Zettel: Kaisa Mäkäräinen.

(Foto: imago/Sammy Minkoff)

Die junge Tschechin Marketa Davidova hat super Rennen gemacht. Die sollte man auf alle Fälle auf dem Schirm haben. Gespannt bin ich auch auf Anastasiya Kuzmina, die zu Saisonbeginn noch gar nicht wusste, ob sie überhaupt weitermacht. Die will sicher bei der WM noch einmal etwas reißen. Und auch Kaisa Mäkäräinen aus Finnland habe ich auf dem Zettel. Ihr würde ich eine WM-Medaille, egal bei welchem Rennen, von Herzen gönnen, denn bisher konnte sie bei den Großereignissen nie so recht überzeugen.

... und natürlich die Deutschen ...

Genau. Da haben alle das Zeug dazu, aufs Podest zu laufen. Das dürfte dem neuen Trainerteam auch zugutekommen. Neue Reize setzen, das brauchte auch ein bisschen Eingewöhnungszeit. Aber ich bin sehr guter Dinge, was die deutschen Frauen und WM-Medaillen betrifft.

Bleibt noch eine klare Medaillenprognose offen: Butter bei die Fische, wie viele werden es denn?

Zwei Staffel-Medaillen und dazu jeweils zwei Mal Edelmetall bei den Einzeldisziplinen. Macht insgesamt sechs.

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Kati Wilhelm 2003 in Oberhof.

(Foto: imago sportfotodienst)

Und wie viele deutsche WM-Titel sind drin?

Das ist schwierig. Ich bin früher immer zu den Großereignissen gefahren und wollte aufs Podest, irgendeine Medaille, egal welche. Am Ende entscheiden dann Kleinigkeiten darüber, ob es zu Gold reicht oder nicht. Jeder, der bei einer WM eine Medaille gewinnt, egal welche, wird happy sein. Diese Einstellung sollten auch die Fans haben.

Mit Kati Wilhelm sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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