Sport

Aufhören oder lügen Das Doping-Dilemma

Diesmal flossen keine Tränen, als Bernhard Kohl vor die Presse trat. Mit nur 27 Jahren erklärte der Radprofi in Wien seinen sofortigen Rücktritt. Nach Ablauf seiner Dopingsperre will er nicht in den Radsport zurückkehren, weil er "das Lügen satt habe", Talent, Training und knallharte Disziplin im Hochleistungssport aber irgendwann nicht mehr ausreichen - und Doping dann zur Regel wird. Kohl zieht damit die einzig nachvollziehbare Konsequenz und verdeutlicht gleichzeitig das Dilemma des Sports. Der taumelt von Dopingskandal zu Dopingskandal, propagiert öffentlich knallharte Aufklärung und steht sich dann aus Angst vor einer wirklichen Aufarbeitung immer wieder selbst im Weg. Eine Analyse von Christoph Wolf.

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Im Juli 2008 war die Welt von Bernhard Kohl Welt noch in Ordnung.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Vor nicht einmal einem Jahr war Bernhard Kohl der gefeierte Radsport-Held in Österreich. Aus dem Nichts fuhr er bei der Tour de France 2008 ins Bergtrikot und auf Platz drei der Gesamtwertung. Sein Heimatland lag ihm zu Füßen und huldigte Bernie, dem ersten Österreicher im gepunkteten Trikot.

Zweifel am überraschenden Aufstieg des damals 26-Jährigen wurden von Medien und Öffentlichkeit weggewischt. Schließlich war die Frankreich-Rundfahrt vorab zur Tour der Saubermänner erklärt worden und Bergkönig Bernie bescherte Österreich jenes Sommermärchen, das sich das Land eigentlich von den Fußballern bei der Heim-EM erträumt hatte.

Höchstleistungen ohne Hilfsmittel

Auch Kohl selbst beteuerte, er sei sauber, hundertprozentig. Und damit nicht genug: "Ich wollte seit Beginn meiner Karriere immer beweisen, dass man auch ohne Hilfsmittel Höchstleistungen erbringen kann. Das hat mich zusätzlich motiviert."

Dann kam der Oktober 2008. Bei Nachtests der Tour-Proben wurde Kohl als Betrüger entlarvt, der in Frankreich mit dem Medikament CERA nachgeholfen hatte. Kohl verzichtete auf die Öffnung der B-Proben, unter Tränen gestand er: "Ich bin der Versuchung erlegen, weil der auf mir lastende Erfolgsdruck unglaublich groß gewesen ist. Ich bin nur ein Mensch und wie viele Menschen in einer Ausnahmesituation schwach geworden." Reinen Tisch machen wolle er nun mit Freunden und Fans, schluchzte Kohl und beteuerte, in Frankreich zum ersten Mal zu unerlaubten Mitteln gegriffen zu haben. Es war gelogen, wieder einmal.

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Mit seinem Rücktritt zieht der 27-Jährige die einzig richtige Konsequenz.

(Foto: dpa)

Nun hat der Radprofi Bernhard Kohl in Wien das Ende seiner Karriere bekannt gegeben. Nach Ablauf seiner Dopingsperre werde er nicht ins Peloton zurückkehren, weil es ohne verbotene Substanzen einfach nicht geht im Hochleistungssport: "Ohne Doping gibt es keine Chancengleichheit im internationalen Spitzenfeld. Ich will ein Doppelleben, das nur auf Lügen basiert, nicht weiterführen."

Eine der vielen Lügen war, er habe bei der Tour de France 2008 zum ersten Mal in seiner Karriere gedopt. Tatsächlich, räumte Bernhard Kohl jetzt ein, ist er bereits zu Beginn seiner Karriere zum Betrüger geworden ist. Bereits im Alter von 19 Jahren hat er mit verbotenen Präparaten nachgeholfen, zunächst mit Cortison, Testosteron und Epo, später auch mit Insulin, Wachstumshormonen, CERA, Eigenblutdoping.

200 Mal wurde Kohl in seiner Karriere nach eigenen Angaben kontrolliert, erwischt wurde er nur einmal – beim erneuten Test einer Probe, die zunächst negativ gewesen war. Das sagt viel aus über die Wirksamkeit des Anti-Doping-Kampfes und lässt Rückschlüsse zu darüber, wie sauber der erneuerte Radsport wirklich ist. Ohne Namen zu nennen machte Kohl in der ARD-Sendung "Beckmann" klar, dass Spitzenleistungen bei der Tour de France allein durch hartes Training nicht möglich sind. Jener Kohl, der sich während der Frankreich-Rundfahrt dreimal je einen halben Liter Eigenblut zugeführt hatte und trotzdem nur Rang drei belegte – hinter dem Spanier Carlos Sastre (CSC) und Cadel Evans (Lotto).

Kohls Wandlung vom Doper, der seine Fans und die Öffentlichkeit über Jahre schamlos belogen hat, zum Dopingaufklärer, der sich fortan in der Prävention engagieren, Vorträge halten und Radcamps organisieren will, mag fragwürdig erscheinen. Sein öffentlicher Auftritt in der ARD, dem weitere in anderen Medien folgen werden, ist zweifellos auch der Versuch, nach dem Ende seiner Karriere neue Einnahmequellen zu erschließen.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Dennoch ist Kohls Rücktritt die einzig logische Konsequenz für jemanden, der das System Radsport kennt und über Jahre aktiv miterlebt hat, wie nach immer neuen Skandalen immer wieder ein Neuanfang propagiert wurde, im Peloton aber hemmungslos weiter geschluckt und gespritzt wurde, was der Markt hergab.

Die Entscheidung macht ihn glaubwürdig und hebt ihn ab von anderen geständigen Dopern wie Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz, die die Kronzeugenregelung nur in Anspruch nahmen, um ihre Sperre zu reduzieren – und dann schnellstmöglich in den Radsport zurückkehren zu können. Die Vorgabe, dann natürlich alles anders zu machen und in einem Feld voller Doper künftig ungedopt mithalten zu wollen, zeugt von einer für Sportler typischen Schizophrenie und einer Unehrlichkeit sich selbst gegenüber.

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Hans-Michael Holczer klagt laut über die Verlogenheit des Radsports - und mag doch nicht von ihm lassen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das gilt auch für Hans-Michael Holczer, selbst erklärter Saubermann der Radsportszene und Kohls früherer Teamchef bei Gerolsteiner. Zwar soll Holczer nichts gewusst haben von den Dopingpraktiken in seinem Team. Doch wenn Kohl einräumt, die Teamärzte könnten bei erstaunlichen Leistungssprüngen wie dem seinen eins und eins zusammenzählen, dann ist man geneigt, auch dem Teamchef eine gewisse Abstraktionsfähigkeit nicht abzusprechen.

Nach Bekanntwerden von Kohls positiver Dopingprobe, der gemeinsam mit seinem noch immer hartnäckig leugnenden Teamkollegen Stefan Schumacher nachträglich überführt wurde, erklärte Holczer: "Ich bin gescheitert. Ich glaube gar keinem mehr, keinem Radsportler und keinem Sportler überhaupt, und ich muss auch davon ausgehen, dass die Leute mir nicht glauben."

Der Grund, warum man Holczer gar nicht glauben kann, lässt sich ganz einfach benennen. Denn in einem Atemzug mit dem Eingeständnis seines Scheiterns erklärte der Schwabe im April 2009, er erwäge eine Rückkehr in den Radsport – als Berater eines englischen Rennstalls. Während man Radprofis – oder Sportlern im Allgemeinen – mit viel Wohlwollen zugute halten kann, dass sie einfach nichts anderes können als ihren Sport, ist Holczer ein beurlaubter Realschullehrer, der wieder in den Schuldienst zurückkehren könnte.

Ausreden statt Unrechtsbewusstsein

Symptomatisch für das Dopingproblem des Sports ist das fehlende Unrechtsbewusstsein derjenigen, die ihn betreiben. Auch Kohl entschuldigte sich nur bei den Fans und der Öffentlichkeit für seine Lügen, nicht aber bei den anderen Radsportlern. Die, so Kohls Logik, habe er schließlich nicht betrogen.

Das gilt nicht nur für den Radsport, sondern auch für andere Sportarten. Der Springreiter Ludger Beerbaum, neben Paul Schockemühle die Lichtgestalt des deutschen Reitsports, beschrieb in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" seinen Umgang mit Medikamenten folgendermaßen: "Im Laufe der Jahre habe ich mich darin eingerichtet, auszuschöpfen, was geht. In der Vergangenheit hatte ich die Haltung: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird. Das ist heute nicht mehr aufrechtzuerhalten." Beerbaum droht nun die Streichung aus dem Nationalkader, weil nicht öffentlich werden darf, was in vielen Sportarten Regel statt Ausnahme ist. Dabei genügt ein Blick in die Dopingstatistiken, um Beerbaums Aussagen zu untermauern: von den 15 Pferden, die bis Mitte August 2008 bei den Olympischen Sommerspielen getestet wurden, waren vier Tiere positiv.

Schizophrenie allenthalben

Die Schizophrenie, die Dopingsünder immer wieder zurück in ihren verseuchten Sport treibt, ist wohl dieselbe, die ARD und ZDF zur Verlängerung ihres Fernsehvertrags mit der Tour de France veranlasst haben – vor der Rundfahrt 2008 und offenbar ohne sich eine Ausstiegsklausel für weitere Dopingfälle in den Kontrakt schreiben zu lassen. Der öffentlich-rechtliche Katzenjammer, als aufgrund der Vertragslage kürzlich der Rücktritt vom Rücktritt aus der Live-Berichterstattung erklärt werden musste, wirkte wie purer Hohn.

Und diese Schizophrenie ist auch dieselbe, die die Welt-Antidoping-Agentur WADA vor wenigen Wochen dazu veranlasst hat, das Medikament S107 nicht in die Verbotsliste aufzunehmen. Die Substanz wurde gegen Herzrhythmusstörungen entwickelt und ist prädestiniert für Doping. Sie sorgt dafür, dass die Muskeln später ermüden und die Ausdauerfähigkeit damit enorm verbessert wird. Dank eines in Köln entwickelten Tests kann S107 schon nachgewiesen werden, doch weil sich das Medikament momentan noch in einem frühen Teststadium befindet, will die WADA noch nicht auf S107 testen lassen.

Kampf den Dopingbekämpfern?

Damit lässt die Dachorganisation der Dopingbekämpfer den Dopern ganz bewusst jenen Vorteil, der von den Dopingfahndern immer wieder beklagt wird: Die Tatsache, dass ihnen die Betrüger immer weit voraus seien, weil sie sich verbotene Präparate schon in der Testphase besorgen. Eine Praxis, die der Doping-Dealer Angel Heredia im August 2008 im "Spiegel" eindrucksvoll beschrieben hat. Sein Fazit lautete damals, kurz nach Beginn der Olympischen Sommerspiele: "Saubere Höchstleistungen sind ein Märchen, mein Freund."

Anschließend schwamm Michael Phelps zu acht Olympischen Goldmedaillen, Usain Bolt pulverisierte die Weltrekorde über 100 und 200 Meter. Die Dopingtests waren natürlich negativ.

Zum häufig auftretenden Unwillen der Dachverbände, die positive Tests liebend gern als Einzelfälle abtun, tritt die Hilflosigkeit der Dopingfahnder, die Kohl mit einem bestürzenden Beispiel illustrierte. So habe er sich einmal morgens um 8 Uhr Wachstumshormone gespritzt. Eine Stunde später wurde er zur Kontrolle gebeten. Sie war ohne Befund. Negative Tests, kann man nur gebetsmühlenartig wiederholen, beweisen gar nichts. Das sollten endlich auch DFB und DFL anerkennen, die mit eben dieser Argumentation den Dopingkontrollfall bei 1899 Hoffenheim erst in inakzeptabler Weise verharmlost und so rhetorisch den Weg für die lächerlich milden Strafen geebnet haben.

Spanien das Dopingparadies

Der Anti-Doping-Experte Mario Thevis bestätigte in der ARD, dass die oft nur kurzfristige Nachweisbarkeit von Dopingsubstanzen ein enormes Problem ist. Wird Epo richtig dosiert eingenommen, ist es schon nach wenigen Stunden bei Kontrollen nicht mehr auffindbar. Dass Spanien Dopingkontrollen mit einem Regierungserlass zwischen 23 und 8 Uhr verbieten und damit die Melderegeln der WADA unterlaufen will, die eine 24-stündige Verfügbarkeit für Dopingkontrollen vorsehen, wird die Beliebtheit des ohnehin als Paradies für Sportbetrüger geltenden Landes nicht mindern. Dass im Sportjahr 2008 spanische Akteure die Ausdauersportarten Fußball, Tennis und Radsport dominierten, ist selbstverständlich nur Zufall.

Vielen Fans sind die Zweifel, die man an sportlichen Spitzenleistungen haben muss, egal. Sie müssen ihnen egal sein, weil sie sonst sofort aufhören müssten, Sport zu schauen. Die laschen oder ineffektiven Dopingkontrollen sind somit ein Selbstschutz des Sportes, der aus Einsicht in die nicht mögliche Reinigung verhindern soll, dass jede Sportart ein derart katastrophales Image bekommt wie der Radsport und jedwede Leistung unter einen Generalverdacht gestellt wird.

Den Fans wird so ermöglicht, ihre Idole weiterhin zu vergöttern, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Auch in Österreich gibt es nach dem Sturz von Bernhard Kohl längst neue Helden. Bei der Biathlon-WM im südkoreanischen Pyeongchang liefen die beiden Österreicher Dominik Landertinger und Christoph Sumann im Massenstart zu Gold und Silber. Aus dem Nichts.

Quelle: ntv.de