Kein Kampf gegen Usyk?Das WBC-Dilemma von "Schreckgestalt" Agit Kabayel

Agit Kabayel träumt davon, Deutschlands erster Schwergewichts-Weltmeister seit Box-Ikone Max Schmeling zu werden. Doch dass es zum WM-Kampf gegen Schwergewichts-König Oleksandr Usyk kommt, ist wegen der dubiosen Politik des Weltverbandes unklar.
Agit Kabayel konzentriert sich auf das, was ihm am Samstag in Oberhausen vor die Fäuste kommt. "Alles andere, was danach kommt, ob es im Sommer kommt, ob es am Ende des Jahres kommt. Ich bin ready, ich bin bereit, um die WM zu boxen", sagte Kabayel der "dpa". Der Schwergewichtsboxer mit dem steinigen Karriereweg ist Optimist.
Zuerst einmal wartet auf den 33-Jährigen aus Wattenscheid (26 Siege, keine Niederlage) aber der nächste Koloss im Ring. In der Rudolf-Weber-Arena verteidigt Kabayel am Samstag seinen Titel als WBC-Interims-Weltmeister im Schwergewicht gegen den 2,01-Meter-Riesen Damian Knyba aus Polen (22 Uhr/DAZN). Die Halle wird mit 13.000 Zuschauern voll sein, Kabayels "Homecoming" nach drei Auftritten auf glitzernder Bühne in Saudi-Arabien war binnen weniger Tage ausverkauft.
Knyba - in 17 Profikämpfen ungeschlagen - boxt physisch in einer anderen Etage als Kabayel. Der 120 Kilogramm schwere "Polnische Husar" mit den krakenartigen Armen überragt den Deutschen um elf Zentimeter, ist rund zehn Kilogramm schwerer und hat erhebliche Reichweitenvorteile. Knyba ist im Schwergewicht ein recht unbeschriebenes Blatt. In der WBC-Rangliste belegt der 29-Jährige lediglich Rang 38, hat bis dato noch keinen Gegner von Rang und Namen geschlagen.
Usyk könnte Kabayel aus dem Weg gehen
Kabayel ist bei seinem langersehnten Heimspiel im Revier klarer Favorit. Der "Leberking" hat sich mit beeindruckenden K.-o.-Siegen über den russischen Riesen Arslanbek Makhmudov (Ende 2023), Kuba-Techniker Frank Sanchez (Mai 2024) und die chinesische Wuchtbrumme Zhang Zhilei (Februar 2025) in Position für einen WM-Kampf gebracht. Im verbandsunabhängigen Ranking der amerikanischen Box-Bibel "The Ring" ist Kabayel Dritter hinter König Usyk und dem britischen WBO-Titelträger Fabio Wardley.
Gegen Knyba geht es für Kabayel darum, seinen Status als "Zwischen-Weltmeister" des World Boxing Council, als Pflichtherausforderer Usyks zu behaupten - und im Idealfall mit einem weiteren Leber-Knockout ein Signal an den ukrainischen Box-König zu senden. Denn der macht bisher keinerlei Anstalten, seine Krone gegen Kabayel aufs Spiel zu setzen. Für das Frühjahr peilt die 38-jährige Faustkampf-Lichtgestalt ein Duell mit dem 40-jährigen Ex-WBC-Weltmeister Deontay Wilder in den USA an.
Der WBC hat Usyk für eine freiwillige Titelverteidigung gegen "Bronze Bomber" Wilder (43 von 44 Siegen durch K.o.) schon Grünes Licht gegeben. Sehr zur Freude von Usyk und dessen Strippenziehern. Die Carte Blanche durch die Funktionäre des mexikanischen Verbandes seien "exakt die Schritte und Entscheidungen, die wir brauchen", sagte Usyks Teammanager Sergey Lapin den "World Boxing News". Sein Protegé brauche dadurch keine "unnötigen Kompromisse" machen.
Kabayel ist Pflichtherausforderer
Kabayel ein "unnötiger Kompromiss"? Kategorie "high risk, low reward"? Einer, dem man sich wirklich nur stellt, wenn es sein muss? Lapin hat klargestellt, dass Usyk keinen weiteren WM-Gürtel mehr abgeben wolle. Im November hatte der unumstrittene Weltmeister seinen WBO-Titel niedergelegt, weil ihn das vom Verband angesetzte Duell mit Kabayels WBO-Interims-Pendant Fabio Wardley aus England so gar nicht reizte.
Die WBO handelte konsequent. Hätte Usyk die Pflichtaufgabe Warldey nicht erfüllt, wäre er den Gürtel losgewesen. Dem Entzug kam der Champion zuvor, die WBO stufte Wardley daraufhin zu ihrem vollwertigen Weltmeister hoch.
Der WBC hat dagegen bislang keinerlei Druck auf Usyk ausgeübt, den grün-goldenen Gürtel gegen Kabayel zu verteidigen. Dabei siegte sich der Mann aus dem Pott schon im Mai 2024 gegen Sanchez in die Position des "Mandatory", des Pflichtherausforderers des Weltmeisters. Und auch im (nirgends festgeschriebenen) "Rotationsverfahren" der vier Verbände WBA, WBC, IBF und WBO wäre Kabayel nach dem WBO-Schnitt eigentlich als nächster an der Reihe, Usyk herauszufordern. Eigentlich.
Denn der für seine politischen Spielchen berüchtigte WBC handhabt seine Pflichtverteidigungen - anders als etwa IBF und WBO - "leider sehr lax", erläutert Box-Experte Bernd Bönte im Gespräch mit der "dpa". Genau das sei "Agits Problem".
Fury-Comeback und Supertalent?
Schon im "kicker" hatte der langjährige Manager der Klitschko-Brüder Tacheles geredet. Sollte Kabayel gegen Knyba gewinnen und weiterhin keinen WM-Kampf gegen Usyk bekommen, wäre das "ein Skandal", keiner habe die Titelchance so verdient wie der Deutsche. Die Zweifel an dem für vieles, aber sicher nicht für moralische Integrität bekannten WBC, sind begründet.
Ende 2025 setzte der Verband urplötzlich einen "Final Eliminator", also einen WM-Ausscheidungskampf, zwischen den Briten Lawrence Okolie und Moses Itauma an, um einen Herausforderer für Usyk zu bestimmen. Der 21-jährige Itauma gilt manchen Experten zufolge als größtes Schwergewichts-Talent seit Mike Tyson. Saudi-Arabiens mächtiger Box-Mogul Turki Al-Sheikh fordert bereits das Generationen-Duell zwischen Usyk und dem Youngster. Und dann hat auch noch Ex-Weltmeister Tyson Fury sein Comeback verkündet. Zieht die Karawane an Kabayel vorbei?
Klar ist: Itauma und Fury (der 2024 zweimal gegen Usyk verlor) wären für den Meister aller Klassen finanziell attraktiver als der unangenehme "Leberking" aus Bochum. Dass der WBC konsequent handelt und Usyk mit Titelentzug droht, sofern er nicht gegen Kabayel antritt, dafür spricht mit Blick auf die Geschichte des Verbandes wenig.
WBC gegen Graciano Rocchigiani
Es wäre nicht das erste Mal, dass die WBC-Regler einen deutschen Preisboxer hinters Licht führen. Im Jahr 1998 zockten sie die deutsche Box-Legende Graciano Rocchigiani ab, nahmen "Rocky" den Titel im Halbschwergewicht mir nichts, dir nichts wieder ab (der Berliner ließ sich "det" nicht bieten, klagte und bekam 2002 vor einem US-Gericht 31 Millionen US-Dollar Schadenersatz zugesprochen). Ende 2024 setzte der WBC den Hamburger Noel Mikaelian nach ähnlicher Gutsherrenart als Weltmeister im Cruisergewicht ab. Mikaelian hatte Glück, dass er noch einmal eine unverhoffte Titelchance bekam, die er Ende 2025 nutzte.
Und Kabayel? "Fakt ist, dass am Ende des Tages Druck auf den Verband und auf Usyk ausgeübt werden muss, damit er nach dieser freiwilligen Titelverteidigung im April/Mai gegen Wilder von der WBC gezwungen wird, den Kampf gegen Agit zu machen", betont "DAZN"-Experte Bönte auf "dpa"-Nachfrage. Kabayel könnte dann "frühestens September/Oktober" auf Usyk treffen. Wenn, ja wenn der WBC endlich Farbe bekennt.
Dass ein Kampf zwischen Usyk und Kabayel nicht nur sportlich Potenzial hat, steht für Bönte außer Frage. "Es wäre ein sensationell großer Kampf und ich sehe den auch in Deutschland, beispielsweise in einem Stadion in Düsseldorf oder auf Schalke, wo wir ja schon große Klitschko-Kämpfe veranstaltet haben", so der 69-Jährige.
Agit Kabayel ist Usyks "Schreckgestalt"
Kabayels Manager Spencer Brown sieht das genauso: "Außerhalb der Ukraine ist die Konzentration an Ukrainern nirgends so hoch wie in Deutschland. Mit diesem Kampf könnten wir hier jedes Stadion ausverkaufen", prophezeite der Brite im November bei sport.de. Der Schützling von Trainer Sükrü Aksu sei mit seinem Stil aber halt auch "der Bogeyman des Schwergewichts", die Schreckgestalt der schweren Kaliber.
"Er macht unaufhörlich Druck, schlägt ständig zum Körper. Es ist diese Konstanz, unter der seine Gegner zusammenbrechen. Aber deswegen sind die großen Kämpfe für ihn schwer zu machen, kaum einer will gegen ihn kämpfen. Auch Usyk nicht, er mag es nicht zum Körper", sagte Brown.
Auch Kabayel ist sich der eigenen Stärke bewusst. "Ich bin die gefährlichste Herausforderung für ihn, weil ich ein junger, hungriger Mann bin, der aus dem Nichts kommt. Der aus normalen, einfachen Verhältnissen kommt und dessen Hunger noch nicht gestillt ist", sagte er im vergangenen Sommer im Interview mit RTL/ntv und sport.de. Usyk wisse: "Mit diesem Jungen gehe ich einmal durchs Feuer. Er weiß, dass ich auf jeden Fall testen werde, wenn wir im Ring stehen, ob er schwimmen kann."
Ins Schwimmen geraten Boxer allerdings auch außerhalb des Rings. Gut möglich, dass Agit Kabayel und sein Team im Tümpel der Drei-Lettern-Organisationen à la WBC noch mächtig strampeln müssen, bis sich ihr WM-Traum erfüllt. Verdient hätte es der Körperhaken-Mähdrescher zweifellos. Im Dollar-getriebenen Preiskampf ist dies nur leider keine stabile Währung.