Kabayel kämpft um Mega-ChanceDas fragwürdige WM-Spiel um Deutschlands Box-Giganten

Agit Kabayel fährt bei seinem ersehnten "Homecoming" den nächsten K.-o.-Triumph ein und will nun endlich Schwergewichts-Herrscher Oleksandr Usyk vor die Fäuste. Sein Manager äußert aber einen unterschwelligen Verdacht gegen Usyk.
Drei Minuten lang schien Oleksandr Usyk am späten Samstagabend in Oberhausen für Agit Kabayel noch weiter weg zu sein, als ohnehin schon. Vor 13.000 tobenden Zuschauern in der Rudolf-Weber-Arena bekam der Interims-Weltmeister des Verbandes WBC von seinem Herausforderer Damian Knyba überraschend viel auf die Mütze. Kabayel wirkte verkrampft, gehemmt von der Last, zuhause vor seinen deutschen und kurdischen Landsleuten die erhoffte Botschaft an Schwergewichts-König Usyk abzufeuern.
"Er hat Agit mit einem Aufwärtshaken erwischt und ihm einen Cut am Auge verpasst. Da dachte ich: Der ist alles andere als schlecht, vielleicht habe ich das hier etwas unterschätzt", gestand Kabayels Manager Spencer Brown im exklusiven Interview mit RTL/ntv und sport.de. Dass der 2,01 Meter große und 118 Kilogramm schwere Knyba mit den Krakenarmen den Lokalhelden (1,90 Meter) physisch überragen würde, wusste das Kabayel-Lager zwar. Dass der "Polnische Husar" ihn aber derart traktieren würde – "ich war ein bisschen geschockt", rekapitulierte Brown. Und Kabayel sagte hinterher: "Die erste Runde hab' ich maximal verkackt."
"Diese Menge war angezündet"
Kabayels Mission – das deutsche Boxen wieder groß zu machen – schien zumindest latent gefährdet. Aber da war ja noch dieser "sehr, sehr gute Coach", von dem Brown schwärmte, "der einen Kampf wirklich lesen kann": Sükrü Aksu. Der Trainerfuchs brachte den 33-jährigen Ruhrpott-Fighter in der Rundenpause wieder in die Spur. "Der Coach hat zu mir gesagt: 'Junge, du kämpfst auf Weltniveau, bist einer der besten Schwergewichtler der Welt, wir wollen gegen die besten der Welt kämpfen: Was machst du da?' Da bin ich wach geworden", berichtete Kabayel.
Das sah auch Brown so. "Sobald Agit auf ihn gehört hat, hat er die Kontrolle übernommen." In der zweiten Runde prasselten die ersten Haken des "Leberkings" auf den massigen Knyba ein. In Runde drei wurde daraus ein Trommelfeuer zu Körper und Kopf, das Ringrichter Mark Lyson zeitig löschte, indem er den taumelnden Koloss vor weiteren Prügeln bewahrte.
"Haben Sie den ersten Körpertreffer gesehen? Da hatte er (Knyba) qualvolle Schmerzen. Von da an war es nur noch eine Frage der Zeit", kommentierte der Brown die Szenen, die das Tollhaus Rudolf-Weber-Arena vollends detonieren ließen. "So etwas habe ich noch nie gesehen, das war unglaublich", sagte der Brite über die leidenschaftlichen Fans seines Boxers. Die kurdisch-ruhrpöttliche Kombination haute im wie außerhalb des Rings eindrucksvoll rein.
Am Montagmorgen offenbart ein Blick in die einschlägigen Foren der internationalen Boxportale, dass die Atmosphäre auch im Livestream durchgedrungen ist. "Usyk gegen Kabayel in Deutschland - diese Menge war angezündet", forderte ein Leser von "boxingscene.com".
Kabayel hat WM-Chance sicher - was macht der WBC?
Denn die 13.000 hatten in Oberhausen nicht nur den Namen "Agit" lautstark skandiert. "Usyk, Usyk, Usyk", hallte es durch die Arena, als Kabayel am "DAZN"-Mikro fragte, gegen wen er als Nächstes kämpfen solle. Auf einmal war Oleksandr Usyk dann doch wieder nah, jedenfalls gefühlt.
Er warte jetzt schon so lange auf seine Chance gegen den Ukrainer, dass ihn andere Kämpfe – bei allem Respekt vor möglichen Gegnern – eigentlich nicht wirklich interessierten, sagte der 33-Jährige im Ring. "Ich denke, es wird Zeit für die WBC-WM in Deutschland. Wir können damit in jedes Stadion gehen. Es wird langsam Zeit, es liegt nicht an mir. Ich bin bereit. Wo auch immer – ich komm' hin", fügte Kabayel bei RTL/ntv und sport.de hinzu.
Woran es liegt, hat drei Buchstaben und heißt WBC, World Boxing Council. Der in Mexiko ansässige Verband ist jetzt am Zug. Schon 2024 hatte Kabayel in Riad gegen Frank Sanchez in einem "Final Eliminator" das Recht erkämpft, Usyk herauszufordern. Da der Ukrainer aber erst eine Revanche gegen Tyson Fury bestritt und im Sommer 2025 in einem Titel- und Buchstaben-Showdown mit Daniel Dubois die Gürtel aller großen Verbände WBA, WBC, IBF und WBO vereinte, besänftigte man Kabayel mit einem Kampf um den Interims-Titel (den der Deutsche im Februar 2025 gegen China-Koloss Zhang Zhilei per Leber-Knockout gewann).
Eigentlich ist der Fall klar: Als "Zwischen"-Weltmeister und Pflichtherausforderer steht Kabayel ein WM-Kampf gegen Usyk zu. Will der Großmeister seine WBC-Krone behalten, muss er sich dem "Leberking" stellen. Eigentlich. Denn der WBC ist für sein Gummi-Regelwerk berüchtigt. Erst kürzlich räumten die Funktionäre Usyk eine freiwillige Titelverteidigung ein. Der 38-Jährige plant, seine Titel im Frühjahr gegen den 40-jährigen Ex-Weltmeister Deontay Wilder in den USA zu verteidigen. Und dann? Müsste Kabayel endlich dran sein. Eigentlich. In der Praxis hat der WBC Usyk bis dato keinerlei Ansagen gemacht.
Kneift Usyk? Vielleicht will er den Kampf gar"
Kabayels Promoter George Warren kündigte in Oberhausen maximalen Druck auf den Verband an, um seinem Protegé zu dessen Recht zu verhelfen. Allerdings weiß der Brite genau, mit wem er es zu tun hat, und stellte Kabayel für den Sommer vorsorglich einen möglichen Stadionkampf in Deutschland gegen einen "British Heavyweight" in Aussicht.
Warren kann sich das Warten leisten. Sein Stall Queensberry, den er mit Vater und Promoter-Legende Frank Warren führt, hat nahezu alle namhaften Schwergewichte an Bord – inklusive Ring-Rückkehrer Tyson Fury. Usyk dürfte in der zweiten Jahreshälfte 2026 also ohnehin gegen einen Queensberry-Kandidaten kämpfen.
"Wir verdienen unsere Chance", stellte Manager Brown klar und verwies auf Kabayels K.-o.-Serie gegen die "vier Riesen" Arslanbek Makhmudov (Ende 2023), Sanchez (Mai 2024), Zhang (Februar 2025) und nun Knyba. "Er ist der Interims-Weltmeister. Niemand kann ihn einfach überspringen – das wird nicht passieren. In den nächsten sechs Monaten muss die Pflichtverteidigung kommen", sagte der Engländer an die Adresse des WBC.
Auf die laxe WBC-Handhabe des eigenen Regelwerks angesprochen, antwortete Brown: "Man kann es nur eine bestimmte Zeit ignorieren. Egal, wer man ist, man kann es nicht für immer ignorieren." Und Usyk? Geht der Meister aller Klassen Kabayel aus dem Weg? "Vielleicht ist Agit ja sein Kryptonit. Vielleicht will er den Kampf gar nicht", äußerte Brown in Oberhausen einen vorsichtigen Verdacht. "Kabayel ist ein zäher, rauer Kämpfer – und er (Usyk) mag keine Körperschläge. Das wäre ein ganz, ganz enger Kampf zwischen Agit und Oleksandr Usyk."
Als womöglich schlagendes Argument für einen Stadionkampf nannte Brown die große Zahl der in Deutschland lebenden Ukrainer, die den Schwergewichts-Champion animieren könne, gegen Kabayel anzutreten. "Es läuft doch alles für uns. Warum sollte er nicht gegen Agit kämpfen wollen? Es liegt an Oleksandr Usyk."