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Eklat bei Doping-Opfer-Hilfe-PK Der Doktor wirft den Professor raus

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Michael Lehner (r), Vorsitzender der Doping-Opfer-Hilfe, verwehrt in einer Rangelei Werner Franke, Biologe und Anti-Doping-Experte, den Zugang zur Pressekonferenz.

(Foto: dpa)

Auch nach 20 Jahren hat die Doping-Opfer-Hilfe viel Arbeit. Im ersten Halbjahr 2019 wenden sich rund 150 Menschen an die Berater. Bislang gebe es über 1000 anerkannte Opfer. Nicht alle haben diesen Status verdient, findet ein Professor. Dessen Meinung ist aber unerwünscht.

Michael Lehner hatte an der Eingangstür Position bezogen. Persönlich wollte der Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins (DOH) den Molekularbiologen Werner Franke von der Teilnahme an der Presserunde abhalten. Doch dann tauchte Franke auf, trat Lehner energisch entgegen, packte ihn am Hals und drängte den Juristen in den Eingangsbereich der DOH-Zentrale. "Sie haben nicht das Recht dazu, ich gehe rein", polterte der 79 Jahre alte Franke, konnte aber von Lehner auf die Straße zurückgedrängt werden. "Er ist kein Mitglied, schon gar kein Gründungsmitglied. Er hat nicht das Recht, an der Runde teilzunehmen", meinte Lehner, "wenn wir ihn reinlassen, ist eine ruhige Diskussion nicht möglich".

Lehner wollte die Presserunde dazu nutzen, um die Entwicklung des Vereins im 20. Jahr seines Bestehens darzustellen. Immer noch sei der Beratungsbedarf sehr hoch, allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres habe es 150 Erstkontakte zu Sportlern gegeben, die sich als Dopingopfer sehen. Doch kaum hatte die Presserunde begonnen, sprang die Tür auf, und Deutschlands renommiertester Doping-Experte stand im Raum. Als Lehner ihn hinausdrängen wollte, schrie Franke: "Lass mich in Ruhe, sonst ist hier was los." Schließlich verließ der ungebetene Gast den Raum, nicht ohne auf seine Gegenveranstaltung im Biergarten nebenan hinzuweisen.

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"Wenn sich mir jemand entgegenstellt und will mich hindern (...) - ich war Offizier der schweren Pioniere (...)", erklärte Franke zu den Handgreiflichkeiten.

(Foto: dpa)

Dort verteidigte Franke später seine Handgreiflichkeiten in bester Wild-West-Manier. "Wenn sich mir jemand entgegenstellt und will mich hindern (...) - ich war Offizier der schweren Pioniere (...)", berichtete Franke und zeigte wenig Einsicht darin, dass er großen Anteil an dem völlig überflüssigen Eklat hatte. Lehner gab sich betroffen. "Es tut mir in der Seele weh. Werner Franke hat viel für den Verein getan", sagte der Sportrechtsexperte aus Heidelberg. Franke hatte über viele Jahre fachärztliche Gutachten für den DOH erstellt.

"Da wird gequatscht von Leuten, die keine Ahnung haben"

In den letzten Jahren war der Experte aber auf Distanz gegangen. Es gebe zu viele Trittbrettfahrer, etliche Sportler seien ohne ausreichende Nachweisverfahren zu Dopingopfern erklärt worden. Auch die Annahme des DOH, dass Schädigungen von DDR-Dopingopfern an deren Kinder vererbt werden, sei falsch. Der Streit sei wichtig, so Franke, "weil ich in allem, was ich schriftlich und mündlich äußere, als Naturwissenschaftler der Wahrheit verpflichtet bin. Ich kann doch nicht behaupten, irgendwelche Leute im Mecklenburger Land hätten in der dritten Generation Schäden", sagte Franke und fügte an: "Da wird gequatscht von Leuten, die keine Ahnung haben."

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Dass ehemalige DDR-Sportler wie Zehnkampf-Olympiasieger Christian Schenk darüber nachdenken, sich als Dopingopfer registrieren zu lassen und mehrere Tausend Euro zu kassieren, obwohl sie wissentlich gedopt hätten, nervt Franke.

(Foto: imago images / Jens Koehler)

Franke kritisierte, dass ehemalige DDR-Sportler wie Zehnkampf-Olympiasieger Christian Schenk darüber nachdenken, sich als Dopingopfer registrieren zu lassen und mehrere Tausend Euro zu kassieren, obwohl sie wissentlich gedopt hätten. Lehner sah das anders: "Wenn jemand später zur Erkenntnis kommt, dass er da hineingeraten ist und Hilfe braucht, dann steht der Hilfegedanke bei mir an erster Stelle."

"Wenn wir mit diesem Scheiß in der Presse sind ..."

Für die Dopingopferhilfe-Bewegung könnte der Vorfall noch böse Folgen haben. Der Streit der Experten überschattet seit geraumer Zeit alle Aktivitäten in der Öffentlichkeit. Bislang hatte die Bewegung in der Sportpolitik viele Unterstützer, doch angesichts solch unseriöser Auftritte kann sich das rasch ändern. Der Bund hatte im vergangenen Jahr den Hilfsfonds für Dopingopfer noch von 10,5 Millionen auf 13,65 Millionen Euro aufgestockt, die Frist für Antragsteller wurde im Zuge des Dopingopferhilfegesetzes bis Ende 2019 verlängert. "Wir danken der Politik und hoffen auf weitere Entfristungen", sagte Lehner.

Tatsächlich wird zum 1. September eine neue feste Stelle für professionelle Betreuung und Beratung eingerichtet, verkündete DOH-Schatzmeisterin Petra Westphal stolz. "Das ist für uns ein Riesenerfolg!" Doch zugleich schwante ihr schon, dass der Männerstreit mehr Aufmerksamkeit bekommt: "Wenn wir morgen (Anmerk. d. Red: Westphal meinte mutmaßlich Berichte in Zeitungen) mit diesem Scheiß in der Presse sind, dann war die ganze Sache heute für den Arsch."

Quelle: n-tv.de, tno/dpa/sid

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