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Nach verpasstem EM-CoupDeutsche Handball-Helden geben ein großes Versprechen

02.02.2026, 05:57 Uhr
imageVon Till Erdenberger, Herning
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Die erste Enttäuschung ist inzwischen gewichen. (Foto: picture alliance / Marco Wolf)

In diesem Jahr reicht es für die deutsche Handball-Nationalmannschaft noch nicht ganz zum großen Coup. Doch auch das unschlagbare Überteam aus Dänemark erkennt an: Deutschland ist der Gegner der Zukunft.

Sie hatten gekämpft, sie hatten gelitten, sie hatten gejubelt, sie hatten gezaubert und sie hatten geflucht. Sie hatten in diesem EM-Turnier alles investiert, was sie in sich tragen. Und mussten ganz am Ende doch niedergeschlagen und gezeichnet zuschauen, wie die anderen im goldenen Konfettiregen tanzten: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft, die auf dem Weg ins Endspiel schon ganz früh am Rande zum Abgrund wandelte, um dann eine Großmacht nach der nächsten zu zerlegen, hat in der "Hölle von Herning" das Finale gegen die außerirdischen Dänen und ihre gut 10.000 Fans starke Anhängerschaft verloren, 27:34 (15:17).

Ein absurdes Ergebnis, das ganz und gar nicht die Dramatik und die wahren Kräfteverhältnisse des Spiels widerspiegelt. Denn die deutsche Mannschaft war viel besser als eine Sieben-Tore-Niederlage.

"Die Mannschaft hat ein Versprechen gegeben, das wir nächstes Jahr einlösen wollen: Dass wir es wert sind, dass man für uns in die Halle kommt. Dass man uns vor dem Fernseher unterstützt", sagte der einmal mehr bärenstarke deutsche Torwart Andreas Wolff mit Vorfreude auf die Heim-WM im Januar. "Wir werden unsere Lehren aus diesem Turnier und aus diesem Endspiel ziehen, um dann im nächsten Jahr noch stärker zu sein."

Wenn es dann um die Medaillen geht, werden knapp 20.000 deutsche Fans in der Köln-Arena die deutsche Mannschaft nach vorne peitschen. Und dann will man auch endlich in der Lage sein, die Dänen zu schlagen.

"In der Spitzenklasse etabliert"

Wolff hatte während des Spiels schwer gelitten, als er Ball um Ball hielt, seinen Vorderleuten aber Mitte der zweiten Hälfte nach und nach die Kraft und die Durchschlagsfähigkeit abhanden kamen. Dennoch war man bis zur 55. Minute (27:29) in Schlagdistanz. Der Torwart sammelte 14 Paraden, darunter zahlreiche spektakuläre Dinger, die die mächtige Jyske Bank Boxen zum Schweigen brachten.

Wolff trieb seine Leute an, am Ende verzweifelte er und saß schwer geschlagen auf der Bank. Doch man hatte den Serien-Weltmeister ins Wanken gebracht. Und Wolff hatte schnell aus der Enttäuschung zum Stolz gefunden: "Wir können sehr, sehr stolz sein. Jetzt werden wir daran arbeiten, die paar Prozentpunkte, die noch fehlen, nächstes Jahr draufzulegen."

Die deutsche Mannschaft hat im Laufe des Turniers eine spannende Entwicklung genommen: Wenn es darauf ankam, fand sie immer wieder Lösungen: Individuell - wie gegen Norwegen oder Portugal - oder im Verbund bei den Siegen über Spanien Frankreich und im Halbfinale gegen Vizeweltmeister Kroatien. "Wir sind mehrere Schritte rangekommen an die Dänen. Die Jungs haben sich mit diesem Turnier etabliert in der Spitzenklasse", zog Bundestrainer Alfred Gislason ein zufriedenes Fazit.

"Der Abstand zu Deutschland wird kleiner und kleiner", lobte ein von einer harten Handball-Schlacht gezeichneter Mathias Gidsel. Der Welthandballer, MVP und Torschützenkönig der EM ist sich sicher: "Deutschland ist nächstes Jahr unser größter Gegner."

Auch sein Erfolgstrainer Nikolaj Jacobsen, der den Dänen den heiß ersehnten ersten EM-Titel seit 2012 schenkte, hat Deutschland endgültig auf dem Zettel: "Sie haben in letzter Zeit viele beeindruckende Erfolge erzielt. Das Team gehört nun zu den Favoriten jedes Turniers", sagte der ehemalige Profi. Nach zwei Endspielteilnahmen bei den letzten drei Turnieren "müssen sie nur noch die letzte Stufe zum Titel erklimmen. Aber ich werde ihnen nicht sagen, wie sie das Finale gewinnen können. Sie werden das nächste Turnier zu Hause spielen, daher gehören sie definitiv zu den Favoriten."

"Deutschland ist unser größter Gegner"

Für die letzte Stufe, den letzten Schritt, braucht das DHB-Team noch einen perfekten Tag, sonst hat sie gegen "die beste Mannschaft der Geschichte" (Wolff) noch keine Chance. Das perfekte Spiel haben sie bei dieser EM noch nicht gezeigt, doch die deutsche Mannschaft erreicht - mit Ausnahme des Desasters in der Vorrunde gegen Serbien (27:30), als auf einmal alles infrage stand, zuverlässig ein Mindestniveau, von dem aus sie beinahe alle Teams der Welt schlagen kann.

Die Zeiten, in denen schon eine kleine Funktionsstörung zu einem kompletten Systemabsturz führen konnte, scheinen überwunden. Die Zeit ist nicht mehr fern, dann könnte schon ein guter Tag zu einem großen Sieg reichen.

"Darauf kann man sich freuen"

"Der Mannschaft war im gesamten Turnier und auch heute alles zuzutrauen. Darauf bin ich stolz", sagte Regisseur Juri Knorr, der das gesamte Turnier über seine ganz eigenen Kämpfe zu kämpfen hatte. "Ich glaube, die Mannschaft kann in den nächsten Jahren noch besser werden. Darauf kann man sich freuen." Im Olympiafinale von Paris 2024 wurde sein Team von den Dänen noch gedemütigt (26:39), bei der WM im vergangenen Jahr wurden sie überrollt (30:40). Nun waren die Deutschen zweimal dran an den Dänen.

Für Nils Lichtlein scheint Gislason inzwischen langsam eine Vision zu entwickeln, der Regisseur bekam endlich bei einem Turnier nennenswerte Spielzeit. Julian Köster machte offensiv bei diesem Turnier wieder einen Schritt nach vorne, Miro Schluroff und mehr noch Marko Grgic haben in wichtigen Momenten stark performt. Und dass der kurzfristige Ausfall von Kreisläufer Justus Fischer allerorts als ein Faktor für die Niederlage identifiziert wurde, spricht für sich.

Mit Matthes Langhoff und Tom Kiesler haben sich zwei Turnierdebütanten auf Anhieb etabliert und eine ganze Menge Spielzeit bekommen. Mit Linksaußen Tim Freihöfer vom Meister Füchse Berlin steht der nächste Junge bereit, der zum Team stoßen wird. "Wir haben sehr viel Potenzial, die Jungs werden bei der WM alle ein Jahr älter sein und partiell sogar auf allerhöchstem Niveau Erfahrungen gesammelt haben", kündigte Wolff an.

Nun verabschiedet man sich erstmal aus Herning, die Enttäuschung weicht längst dem Stolz auf das Erreichte. Ab sofort läuft die Vorbereitung auf die Heim-Weltmeisterschaft 2027. Die Zeit läuft für die deutsche Mannschaft.

Quelle: ntv.de