Drei gigantische MillionengräberDie olympische Schande von Turin verrottet zur "Umweltbombe"

Verfallene Skisprungschanzen und ein verlassener, vor sich hin rottender Eiskanal: Das Erbe der vorigen Olympischen Winterspiele in Italien, in Turin vor 20 Jahren, ist eine bittere Mahnung für Mailand und Cortina.
Die Olympischen Ringe liegen zerschmettert auf einem Schutthaufen, Weidenröschen haben die Tribünen erobert, der Wald den Sessellift verschlungen, die Schanzentürme wachen als Mahnmal über dem Tal von Pragelato. Wo 2006 Thomas Morgenstern als Doppel-Olympiasieger hell strahlte, weht mittlerweile der Hauch düsterer Gestrigkeit.
Die Skisprungschanzen von Turin sind ein Sinnbild für die wohl unnachhaltigsten Winterspiele der Geschichte, die 20 Jahre vor Italiens Olympia-Comeback in Mailand und Cortina schlechte Maßstäbe setzten. "Bauen mit einer Wegwerfmentalität" wirft der Journalist Marco Albino Ferrari in seinem 2025 erschienen Buch "Der Berg, den wir wollen - ein Manifest" den Machern von "Torino 2006" vor. Der Besuch im Stadio del Trampolino von Pragelato hat ihn nachhaltig erschüttert.
"Wie ein überstürzt aufgegebenes Schiff"
Die Anlage wirke "verlassen wie ein überstürzt aufgegebenes Schiff", schreibt Ferrari: "Es ist nicht nur ein Schandfleck, sondern eine Umweltbombe." Die Gummimatten des Aufsprunghügels lösen sich in Millionen von Plastikfäden auf, beim Bau habe dies niemanden interessiert. Die Schanzen seien, so Ferraris bitteres Fazit, "für den einmaligen Gebrauch errichtet" worden.
Das Internationale Olympische Komitee fordert mittlerweile bei Winterspielen - trotz zunehmend verzweifelter Ausrichtersuche - eine gewisse Nachhaltigkeit ein. Die Schanzen der Spiele 2026 in Predazzo beispielsweise sind kein Neubau, wurden seit der letzten dortigen WM renoviert, auch die Anlage 2030 in Courchevel war 1992 bereits Olympia-Schauplatz. Diese Entwicklung ist auch Folge der kopflosen Ignoranz, mit der für Olympia 2006 - damals wie die nun anstehenden als "Spiele der weiten Wege" kritisiert - gebaut wurde.
Rückbau der Schanzen nicht stemmbar
Beispiel Schanzen: Das Stadion von Pragelato wurde für 34 Millionen Euro errichtet und nur bis 2009 für Sprungwettkämpfe genutzt. Jahrelang wurden Investoren gesucht - um den Abriss, nicht den Betrieb der Schanzen zu finanzieren. Weil der Rückbau finanziell nicht stemmbar ist, steht nun ein Erhalt ohne Sprungbetrieb im Raum. Am Fuße der Anlage fanden immerhin Biathlon und Langlauf der Winter-Universiade 2025 statt.
Beispiel Eiskanal: Die bis zu 110 Millionen Euro teure Bob- und Rodelrinne in Cesana wurde 2011 stillgelegt, seitdem fehlt auch hier das Geld für den Abriss. Ein Olympia-Comeback 2026 war ein Thema, als es in Cortina stockte. Seitdem dies platzte, harrt die verfallene Bahn weiter der Dekonstruktion.
Beispiel Biathlon: Der Komplex auf 1650 Meter Höhe in San Sicario kostete bis zu 45 Millionen Euro, die Veranstalter bewarben ihn als "sichersten, allermodernsten und spektakulärsten" seiner Art. Weltcup oder WM fanden dennoch danach nie mehr dort statt, heute gibt es stattdessen ein Hotel und Tennisplätze.
Franzosen verzichten auf sinnfreie Eishalle
Während manche der teuersten Bauprojekte nur zwei Jahrzehnte später maximal als Endzeitfilm-Kulisse taugen, blieb zumindest einem Prestigeobjekt ein dauerhaftes Dasein: Das Oval Lingotto, in dem Claudia Pechstein ihr fünftes Eisschnelllauf-Gold gewann, wurde als Mehrzweckhalle weitergenutzt und soll 2030 wieder Olympia-Schauplatz werden - auch als Lehre von 2006 verzichten die Franzosen darauf, in Nizza am Mittelmeer eine nach zwei Wochen wohl sinnfreie Eishalle zu errichten.
Für Autor Ferrari ändert dies nichts an seinem bitteren olympischen Fazit: "In Pragelato habe ich gesehen, dass wir die Zukunft wie eine Mülldeponie behandeln." Olympia 2006 sei eine "immense Verschwendung" gewesen. Die Frage, die ihn umtreibt: "Wird es in Mailand und Cortina ähnlich enden?"