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"Bin absolut am Boden zerstört" Die rätselhafte Krise von Michael van Gerwen

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Kommt Michael van Gerwen in Deutschland wieder in die Spur?

(Foto: Lawrence Lustig/PDC)

Die besten Dartspieler der Welt machen Station in Deutschland: Fünf Tage lang wird in Hessen um insgesamt rund 400.000 Euro Preisgeld gespielt. Findet der Weltranglistenerste Michael van Gerwen den Weg aus der Dauerkrise? Und wer bringt sich für die WM in Stellung?

In der Straße "Zum Grauen Stein" im beschaulichen Niedernhausen residieren und spielen fünf Tage lang die besten Dartspieler der Welt. In der kleinen Gemeinde im Taunus in Hessen finden in einem Hotel- und Veranstaltungskomplex fünf Darts-Turniere der Profiorganisation PDC statt. Ein Turnier pro Tag mit jeweils 128 Teilnehmern. Wegen der Corona-Krise hat die PDC ihren Turnierkalender angepasst und richtet nun bereits zum zweiten Mal eine solche Turnierserie aus. Mit dabei sind alle großen Stars. Von Weltmeister Peter Wright über die deutschen Stars Max Hopp und Gabriel Clemens bis zu Michael van Gerwen.

Der 31-Jährige Niederländer steckt indes in der schwersten Krise seit Jahren. Nach seinem Turniersieg bei den UK Open Anfang März kam die Corona-Pause und zerstörte seinen Spielfluss. Er wurde zum zweiten Mal Vater, trainierte fortan etwas weniger und hatte noch weniger Matchpraxis. Das erste große Event unter Corona-Bedingungen war das World Matchplay im Juli, ein merkwürdig uninspirierter "MvG" schleppte sich zum Auftaktsieg über Brendan Dolan, nur um dann im Achtelfinale krachend gegen Simon Whitlock auszuscheiden. Mit 4:11 ging der Niederländer gegen den australischen Altmeister unter. Schuld war vor allem eine miserable Doppelquote. Laut Statistik war es sogar sein schlechtestes Spiel vor TV-Kameras seit über sechs Jahren.

Große Konkurrenz für "Mighty Mike"

Wer gedacht hätte, van Gerwen würde zum Re-Start der großen Premier League wiedererstarkt zurückkommen, sah sich getäuscht. Eine Serie von nur drei Siegen aus neun Spielen nach der Corona-Pause ließen den dreifachen Weltmeister von Platz eins auf sechs abstürzen. Auch der Blick in die Statistik beweist: van Gerwen hat die schlechteste Premier-League-Spielzeit seiner Karriere gespielt, zumal er die vorherigen vier Ausgaben allesamt dominiert und gewonnen hatte. Nach seiner 2:8-Klatsche am letzten Spieltag gegen Daryl Gurney schrieb "MvG" bei Twitter: "Ich bin absolut am Boden zerstört. Ich war nicht der Spieler, den alle erwarten und verdienen. Nur ich selbst kann die Dinge jetzt in Ordnung bringen und werde es auch tun."

Die erste Chance auf Wiedergutmachung bietet sich dem Niederländer in Niedernhausen. Fünf Turniere auf höchstem Niveau. In Topform würde er trotzdem bei jedem einzelnen Turnier als haushoher Favorit ins Rennen gehen. Doch "Mighty Mike" ist nicht in Topform und seine Gegner deutlich besser geworden. Weltmeister Wright hat den Schwung des Titelgewinns mitgenommen, Gary Anderson hat sich zuletzt mit einer starken Premier League und dem Finaleinzug beim World Matchplay zurückgemeldet und Gerwyn Price hat sich längst in der absoluten Weltspitze festgebissen. Auch Spieler wie Nathan Aspinall - vor zwei Jahren noch ein No-Name - oder Glen Durrant, der als Dauer-Weltmeister vom Amateur-Dartverband BDO zur PDC gewechselt ist, sorgen dafür, dass das Starterfeld in der Spitze qualitativ zugelegt hat.

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Vorentscheidung in WM-Quali

Im Taunus wird aber nicht über die Vormachtstellung bei der PDC entschieden, für die große Breite der Akteure könnte eine Vorentscheidung in Sachen Qualifikation für die nächsten großen Turniere fallen. Im Oktober findet in Coventry der World Grand Prix statt, im Dezember steht dann die Weltmeisterschaft an. Nach aktuellem Stand hat aus deutscher Sicht Clemens sein Ticket so gut wie sicher. Zudem vertritt erneut auch Nico Kurz die deutschen Farben bei der WM. Im Vorjahr hatte er mit seinem Einzug in die dritte Runde für eine große Überraschung gesorgt. Zittern um die Qualifikation muss dagegen Hopp. Der gebürtige Hesse braucht am besten gleich mehrere Erfolgserlebnisse in Hessen, um sich in den relevanten Ranglisten nach vorne zu spielen. Das gleiche trifft auf den Berliner Martin Schindler zu, der sich genau wie Hopp seit etwa zwei Jahren zu inkonstant präsentiert.

Immerhin haben die deutschsprachigen Profis im Taunus einen großen Vorteil. Sie konnten im Gegensatz zu den vielen britischen Spielern mit dem Auto anreisen. In Corona-Zeiten ist eine entspannte Anreise vielleicht nicht ganz unwichtig. Andere Akteure haben da deutlich mehr Strapazen auf sich nehmen müssen. Während Spitzenspieler Gary Anderson seine Teilnahme aus Angst vor einer Corona-Infektion ganz abgesagt hat, ist der Australier Damon Heta bereits vor sechs Wochen nach England zurückkehrt und will jetzt sogar permanent auf der Insel leben. WM-Viertelfinalist Darius Labanauskas musste einen beschwerlichen Weg aus seinem Heimatland Litauen zurücklegen. "Ich bin in Vilnius gestartet, dann mit einem fast komplett leeren Flugzeug nach Kopenhagen. Von dort in einem vollen Flugzeug weiter nach Hamburg gereist. Dort habe ich mich zwei Tage akklimatisiert und bin dann mit dem Zug nach Niedernhausen", sagte der Weltranglisten-51. im Gespräch mit ntv.de.

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Bei der WM 2020 besiegte Darius Labanauskas auch Max Hopp.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für Spieler wie Labanauskas ist die Corona-Krise besonders kompliziert. Weil mittlerweile alle kleineren PDC-Turniere im Baltikum und in Skandinavien abgesagt wurden, sind Einnahmequellen durch den Dartsport rar. "Mein letztes Geld habe ich im Sommer gewonnen, und das waren insgesamt nur 1.000 Pfund an fünf Tagen", erzählt Labanauskas. Hinzu kommt die völlige Unklarheit was kommende Turniere betrifft. Welche Nationen am World Cup of Darts, dem einzigen Doppel-Turnier des Jahres, im November in Österreich teilnehmen können und dürfen, ist Corona-bedingt immer noch unklar. Und da viele regionale WM-Qualifikationsturniere rund um den Globus entweder ganz ausfallen oder zumindest auf unbestimmte Zeit verschoben sind, herrscht bei Spielern wie Darius Labanauskas völlige Unsicherheit. "Ich konzentriere mich jetzt erstmal auf die fünf Turniere in Niedernhausen. In der regionalen Rangliste im skandinavischen Raum bin ich auf Platz drei. Aber nur die ersten zwei qualifizieren sich für die WM. Eigentlich sollten noch vier Turniere stattfinden, die sind aber erstmal abgesagt. Keine Ahnung, wie es weitergeht."

Kurzfristig stehen in jedem Fall erst einmal fünf Tage in der sogenannten "Bubble" von Niedernhausen auf dem Programm. Die Spieler dürfen den Hotelkomplex nicht verlassen. Immerhin besteht im Gegensatz zu den vorigen Events keine Einzelzimmer-Pflicht mehr, die Akteure dürfen sich wieder ein Zimmer teilen. Regelmäßige Corona-Tests stehen jedoch nach wie vor auf dem Programm. "Alle sind sicher und gesund", schrieb Michael van Gerwen auf Twitter. Es kann also losgehen in Niedernhausen.

Quelle: ntv.de