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Lehren aus dem World Matchplay Die Zeit der Darts-Dominatoren ist vorbei

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Außenseiter Dimitri Van den Bergh hat völlig überraschend das World Matchplay gewonnen.

(Foto: LAWRENCE LUSTIG)

Dimitri Van den Bergh gewinnt aus dem Nichts das zweitwichtigste Darts-Turnier des Jahres. Topstar Michael van Gerwen scheint die Corona-Pause nicht gut bekommen zu sein. Das deutsche Darts wartet trotz starker Leistung von Gabriel Clemens weiter auf den Durchbruch.

Van den Bergh ist plötzlich ein Weltklasse-Spieler: Elf Wochen auf dem Bauernhof des Weltmeisters scheinen das sportliche Leben von Dimitri Van den Bergh auf den Kopf gestellt zu haben. Der Belgier hatte einen Großteil der Corona-Unterbrechung auf dem Anwesen von Peter Wright und dessen Frau Joanne verbracht, dort stundenlang mit dem Schotten am Dartboard gestanden. "Peter Wright hat mir enorm viel beigebracht. Ich bin ihm und seiner Familie dankbar für alles, was sie für mich in dieser schwierigen Zeit getan haben", dankte Van den Bergh seinem Förderer der vergangenen Monate. Vor allem auf mentaler Ebene scheint der 26-Jährige einen großen Sprung nach vorne gemacht zu haben. Ob beim Comeback-Sieg im Achtelfinale gegen Joe Cullen (11:9), im umkämpften Halbfinale gegen Glen Durrant (17:15) oder beim Meisterstück im Finale gegen Gary Anderson (18:10), Van den Bergh hat immer in entscheidenden Momenten Duftmarken gesetzt. Der Belgier zerstörte seine Gegner nicht, er legte sie sich zurecht und traf in den wichtigsten Momenten die acht Millimeter schmalen Doppelfelder. Der Lohn: Knapp 165.000 Euro Preisgeld, ein Sprung von Platz 26 auf 12 in der Weltrangliste und der damit verbundene Einzug in die Darts-Elite. Die finanziell lukrative Premier League Darts dürfte im Jahr 2021 jedenfalls nicht ohne den "Dreammaker" auskommen.

Gary Anderson ist noch nicht wieder der Alte: Zwar zog der "Flying Scotsman" zum ersten Mal seit seinem herausragenden Jahr 2018 (drei Titel, zwei Finals) wieder ins Endspiel eines großen Turniers ein, doch mit seinen Leistungen wird der Schotte nicht vollends zufrieden sein. Nach zwei Arbeitssiegen gegen Justin Pipe (10:5) und James Wade (11:8), steigerte sich Anderson im Viertelfinale gegen Simon Whitlock (16:12) und zeigte sein bestes Spiel im Halbfinale gegen Michael Smith (18:16). Im Finale jedoch fiel der 49-Jährige auf das Niveau der ersten beiden Runden ab. Nur zwei 180er-Aufnahmen in 28 Legs sind für den Weltmeister von 2015 und 2016 ein unterirdischer Wert "Ich bin zu keinem Zeitpunkt in die Partie gekommen. In den nächsten Wochen will ich den Kopf freibekommen."

Michael van Gerwen spielt historisch schlecht - für seine Verhältnisse: Eine Doppelquote von mickrigen 20 Prozent, der Durchschnitts-Score pro Aufnahme so gerade über 90 Punkte. Michael van Gerwen, der dreifache Weltmeister und Dauer-Weltranglistenerste, hat sich beim World Matchplay nicht als Überspieler präsentiert. Der Niederländer wurde im Achtelfinale von Simon Whitlock regelrecht deklassiert (4:11). "MvG" legte laut Statistik seinen schlechtesten Auftritt seit sechseinhalb Jahren hin. Und weil es nicht der erste Patzer von Michael van Gerwen in den vergangenen Jahren war, erlebt der Pfeilesport eine historisch spannende Phase. Die Zeit der alles überragenden Spieler ist vorbei. Nachdem Darts-Legende Phil Taylor zwei Jahrzehnte lang einer der größten Sport-Dominatoren der Welt gewesen ist, schickte sich Michael van Gerwen an, eine ähnliche Übermacht aufzubauen. Von 2015 bis 2017 gewann der 31-Jährige 15 der 21 großen Ranking-Turniere. Seit 2018 durfte er jedoch "nur" bei fünf von 17 Turnieren den Siegerpokal in die Höhe strecken. Heißt: Die Turniersieg-Quote von Michael van Gerwen sank von 71 Prozent auf 29 Prozent.

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Gabriel Clemens ist bald die deutsche Nummer eins: Der "German Giant" muss zwar weiter auf seinen ersten ganz großen Zahltag warten, doch mit dem Achtelfinaleinzug stellte Gabriel Clemens erneut unter Beweis, dass er aktuell der beste deutsche deutsche Dartspieler ist. Mit dem Sieg in der ersten Runde gegen Matchplay-Titelverteidiger Rob Cross (10:8) hat der 36-jährige Saaarländer erneut auf sich aufmerksam gemacht. Erst im Achtelfinale war gegen den starken Polen Krzysztof Ratajski Endstation (10:12). 15.000 Euro Preisgeld für die zweite Runde reichten, um in der Weltrangliste vier Plätze gutzumachen. Clemens ist nun auf Rang 36 notiert. Und dürfte damit bald im Ranking zum besten Deutschen aufsteigen. Max Hopp liegt zwar noch auf Platz 29, droht aber in den nächsten Wochen und Monaten weiter an Boden zu verlieren, weil gute Ergebnisse aus seinem starken Jahr 2018 aus der Wertung fallen.

Darts funktioniert auch ohne Fans: Zum ersten Mal in seiner 26-jährigen Geschichte wurde das World Matchplay nicht in Blackpool, sondern vor leeren Rängen in Milton Keynes ausgetragen. Doch das hatte keine negativen Auswirkungen auf die sportliche Qualität und das TV-Erlebnis. Während die oft verkleideten und bierseligen Zuschauer im Dartsport normalerweise einen höheren Stellenwert haben als anderswo, stand diesmal der Sport in seiner puristischen Form im Mittelpunkt. Weil die Profidartorganisation PDC aber natürlich auf Zuschauereinnahmen angewiesen ist, wird eine zeitnahe Rückkehr von Zuschauern angestrebt. Bis dahin wird die Premier League Darts Ende August erstmal an selber Stelle in Milton Keynes fortgesetzt. Mit Fan-Atmosphäre vom Band, die weniger deplatziert wirkt als bei Fußball-Geisterspielen. Einzig bei der Auswahl der Gesänge sollte die PDC genauer hinhören. In beinahe jedem Spiel des Turniers schallte es nämlich "BVB, Hurensöhne" aus dem Off.

Quelle: ntv.de