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Franz-Wagner-Knall in Orlando?Ein Team, das völlig außer Kontrolle geraten ist

19.05.2026, 19:24 Uhr
imageVon Seb Dumitru
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Mit Franz Wagner sind die Orlando Magic ein anderes Team. (Foto: IMAGO/Marty Jean Louis)

Die Orlando Magic verlieren bei 3:1-Führung in den NBA-Playoffs erst Franz Wagner und dann die Serie gegen Detroit. Der Coach muss gehen, weitere personelle Veränderungen deuten sich an. Sogar der große Kader-Knall ist denkbar.

Am Morgen des 29. April waren Spieler und Coaches der Orlando Magic noch allerbester Dinge. Spiel fünf ihrer Erstrundenserie gegen die favorisierten Detroit Pistons stand an. Obwohl Detroit als Ost-Primus an Nummer eins gesetzt in die Playoffs gestartet war, hatte ihnen der an Nummer acht gesetzte Underdog aus Florida mit seiner körperbetonten Spielweise in den ersten vier Duellen den Zahn gezogen. 3:1 lag das Team von Jamahl Mosley in Front, Orlandos Coach sprach im Pre-Game-Interview davon, die rabiate Stimmung in Detroit und die eigene Selbstbeherrschung managen zu wollen, um die Serie erfolgreich zu Ende zu bringen.

Nur vier Tage später war alles aus, vorbei, vorüber. Eine Wadenverletzung von Franz Wagner gegen Ende von Spiel vier hatte den deutschen Welt- und Europameister an die Seitenlinie gezwungen und für den Rest der Serie außer Gefecht gesetzt. Ohne den Berliner verlor Orlando sowohl in Angriff als auch Verteidigung komplett die Struktur. Detroit gewann die nächsten drei Partien und wandelte als eines von nur 15 Teams in der Geschichte der Liga einen 1:3-Rückstand noch in einen 4:3-Sieg um.

Einer knappen Magic-Niederlage in Spiel fünf folgte in Spiel sechs die niedrigste Punktzahl in einer Halbzeit (19) in der Geschichte der NBA Playoffs - der emotionale Todesstoß für Mosleys Truppe, die im entscheidenden siebten Spiel gebrochen wirkte und sich mit 22 Punkten Unterschied aus der Halle ballern ließ. Es war der deprimierende Schlussakt in der enttäuschendsten Saison dieses Klubs seit Langem.

Erst Contender-Träume, dann Absturz

Mit höchsten Erwartungen war Orlando in die Saison gegangen, wollte um den ersten Platz in der Eastern Conference mitspielen - vor allem nach der prominenten und teuren Akquisition von Desmond Bane. Der Start war vielversprechend, das Team spielte aggressiv, verteidigte auf Elite-Niveau und gewann mit einer Mischung aus Athletik, Länge und physischer Intensität. Wagner legte in den ersten 23 Partien starke 23,4 Punkte, 6,2 Rebounds und 3,8 Assists im Schnitt auf. Orlando platzierte mit 14:9 Siegen unter den Top-Vier im Osten.

Dann kam der Moment, der alles veränderte: Wagner, der im Spiel zuvor gerade 32 Punkte zum Sieg gegen Miami beigesteuert hatte, verletzte sich im Luftduell mit Landsmann Ariel Hukporti von den New York Knicks am Sprunggelenk und verpasste einen Großteil der nächsten vier Monate. Die beiden Comeback-Versuche, Mitte Januar in Berlin und London, sowie im Februar gegen Milwaukee, verpufften, verschlimmerten die Situation und verzögerten Wagners Rückkehr aufs Parkett.

Als er zwei Wochen vor Ende der regulären Saison langsam wieder in Schwung kam, war der Schaden für Orlando längst angerichtet. Die vielen Ausfälle - Wagner verpasste 48 Partien, Jalen Suggs 25, Anthony Black 18 und Banchero zehn - hatten ihre Spuren hinterlassen. Orlandos robuste Defensive verlor an Widerstandsfähigkeit, die ohnehin stets wacklige Offensive blieb erneut unter den Erwartungen (Platz 27 von 30 bei der Dreierquote). Am Ende schafften es die Magic (45-37) mit Ach und Krach in die Play-Ins und verloren dort prompt das erste Duell gegen Philadelphia.

Wagner als Unterschied zwischen Elite und Elend

Dann folgten ein dominanter Sieg im entscheidenden Play-In-Fight gegen die formstarken Charlotte Hornets und die temporäre Renaissance in Runde eins. In der Serie gegen die Pistons war Franz Wagner nicht nur Orlandos bester Spieler, sondern der personifizierte Unterschied zwischen Elite und Elend. Angeführt vom Deutschen erspielte sich der Underdog eine 3:1-Führung. Wagners Einfluss im Angriff und seine elitäre Verteidigungsarbeit, vor allem gegen Detroits Star-Guard Cade Cunningham, spiegelte sich in allen relevanten Statistiken wider. Orlando lag in seinen 122 Playoff-Minuten auf dem Parkett mit 23 Punkten im Plus (Net-Rating plus-8,7/100 Ballbesitze), hingegen 56 Punkte im Minus in den insgesamt 214 Minuten, in denen der er fehlte (Net-Rating minus-12,8/100 Ballbesitze).

"Wenn einer deiner besten Spieler ausfällt, verändert das definitiv vieles", sagte Magic-Center Wendell Carter Jr. nach Spiel sieben in der Umkleidekabine. "Besonders bei jemandem wie Franz Wagner. Franz' Spielintelligenz, sein Wille, seine Entschlossenheit ... Er ist einer der größten Wettkämpfer und einer der besten Teamkollegen, die ich je hatte. Als er ausgefallen ist, war das auf jeden Fall hart für uns." Ohne die Vielseitigkeit und Schöpfungsqualität des 24-Jährigen, der als Fugenkitt seiner Mannschaft gilt, fiel das gesamte Konstrukt in sich zusammen. Cunningham erzielte 45, 32 und 32 Punkte, Orlando schied sang- und klanglos aus.

Nur einen Tag nach der dritten Erstrundenniederlage in den vergangenen drei Jahren wurde Coach Mosley gefeuert. So ist das häufig in der NBA, wenn der Kader so weit hinter den Erwartungen zurückbleibt. Der vor Wochen in Chicago abgewanderte Billy Donovan gilt derzeit als großer Favorit auf den vakanten Posten, zwei Assistenztrainer aus San Antonio und Minnesota haben ebenfalls starke Begehrlichkeiten geweckt. Ob Mosleys Nachfolger es schafft, aus dem aktuellen Kader mehr herauszukitzeln, ist fraglich.

"Möchte dieses Ding nicht abreißen"

Das Auf und Ab während der abgelaufenen Saison und die Art und Weise, wie das Team einmal mehr implodierte, hat viele Fragezeichen aufgeworfen. Welche Version des Teams ist die echte? Die wenig konstante, offensiv gehandicapte, oder die dominante Schrotmühlentruppe, wenn alle an Bord waren? Die Startformation (Suggs, Bane, Wagner, Banchero, Carter) brillierte mit plus-11,6/100 während der regulären Saison und plus-14,7/100 in den Playoffs vor Wagners Ausfall. "Als wir gesund waren, waren wir in der Verteidigung unter den Top 5 und in der Offensive unter den Top 10", sagte Team-Präsident Jeff Weltman nach der Niederlage gegen Detroit. "Ich denke, wir haben einiges von dem gesehen, was wir uns erhofft hatten. Deshalb möchte ich dieses Ding nicht abreißen und demontieren, nur weil es so ausgegangen ist."

Dennoch werden Weltman & Co. eine Richtung einschlagen müssen, denn die Magic stehen vor enormen finanziellen Belastungen: Wagner (41,8), Banchero (41,3), Bane (39,5) und Suggs (32,4) liegen künftig mit jeweils mehr als 30 Millionen US-Dollar Jahresgehalt auf den Büchern. Kein anderes NBA-Team hat vier solche Akteure im Kader. Außerdem zündet die Vertragsverlängerung von Carter Jr., der vielversprechende Anthony Black verlangt ebenfalls einen lukrativen neuen Deal. Auch Moritz Wagner wird Free Agent, sein Verbleib ist nach einer verletzungsgeplagten Saison alles andere als garantiert.

Das Team liegt bereits jetzt prekär nahe an der strengen zweiten Gehaltsobergrenze, die künftige Transaktionen erheblich erschwert. Orlando muss entscheiden, ob Geduld die richtige Strategie ist oder ob größere Veränderungen notwendig sind, bevor der Marktwert wichtiger Spieler weiter sinkt. Es bestehen weiterhin Zweifel an Bancheros Wurf, an Wagners Strapazierfähigkeit und am mangelnden Shooting im Kader. Ein richtungsweisender Sommer steht bevor - auch für den amtierenden Welt- und Europameister, der zum ersten Mal seit 2021 nicht mit der Deutschen Nationalmannschaft auf Achse sein wird und seine zahlreichen Blessuren in Ruhe auskurieren kann.

Kommt jetzt der Mega-Trade?

Wird sich Weltman mit kleineren Anpassungen zufrieden geben, wie etwa der Verpflichtung eines echten Point Guards oder zusätzlicher Schützen? Oder geht die Führungsetage aufs Ganze und reißt den Kern auseinander - etwa in einem Trade für Milwaukees vergraulten Megastar Giannis Antetokounmpo, für den dann sicherlich unter anderem Banchero oder Wagner ins Paket gelegt werden müssten? Skeptiker monieren ohnehin schon länger, dass Orlandos Duo sich gegenseitig kaum besser macht, weil beide ähnlich operieren und keiner von beiden gut von Außen trifft. Hinzu kommt, dass Wagner und Banchero in den vergangenen zwei Jahren nur 64 von 164 möglichen Partien zusammen absolviert haben - und nur knapp die Hälfte davon gewinnen konnten (33-31). In ihren ersten beiden Jahren kamen Orlandos Forwards auf 141 von 164 möglichen Partien und gewannen häufiger (73-68).

Banchero beharrt darauf, dass "wir am besten sind, wenn wir beide gemeinsam auf dem Parkett stehen." Und tatsächlich sind Parallelen erkennbar, zu Jayson Tatum und Jaylen Brown, die in Boston sieben Jahre lang Störgeräusche ob ihrer angeblich mangelnden Passgenauigkeit ertragen mussten, bevor sie 2023 zusammen den Titel gewinnen konnten. Die Stimmen, die in Banchero allerdings keinen echten Franchise-Spieler sehen, halten sich hartnäckig. Das Team, so der allgemeine Konsens, agiert effizienter, wenn Wagner die erste Option ist.

Zwar gab es bisher keine offiziellen Zusagen, Antetokounmpo in diesem Sommer verpflichten zu wollen. Jedoch hatten die Magic bereits im Vorfeld der Trading-Deadline im Februar diesbezüglich schon einmal bei den Bucks angefragt - was teaminterne Quellen Ende April erneut bestätigten. Nicht nur Antetokounmpos Power macht ihn so begehrenswert für Orlando. Auch die gemeinsame Vorgeschichte zwischen dem "Greek Freak" und der sportlichen Führung in Florida ist erwähnenswert: der heutige Präsident Weltman war Milwaukees Assistenz-Manager, als Antetokounmpo im Jahr 2013 gedraftet wurde. Und John Hammond, der damals als General Manager Antetokounmpo an 15. Stelle auswählte? Der ist heute als "Senior Advisor of Basketball Operations" tätig. Bei den Orlando Magic.

Quelle: ntv.de

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