Fußball-WM 2010

"Erwähnt bloß nicht die vier Tore" England trägt's mit Fassung

England hat ein Fußballspiel verloren. Nicht irgendeins, sondern das Achtelfinale der WM. Nicht gegen irgendwen, sondern gegen Deutschland. Mit 1:4. Ein Tor wurde ihnen auch geklaut. Und was machen die Engländer? Sie tragen es mit Fassung. Von ihnen lernen heißt verlieren lernen.

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Haltung bewahren: Als England das bisher letzte Mal Weltmeister wurde, war er noch nicht geboren.

(Foto: AP)

Die Boulevardzeitung "The Sun" ist nicht für ihren feinsinnigen Humor bekannt. So fordert das Krawallblatt nach der 1:4-Niederlage der englischen Fußballer gegen Deutschland im Achtelfinale der Weltmeisterschaft: "Time to go Fabio". Trainer Fabio Capello solle sich also vom Acker machen – und seine Spieler gleich mitnehmen. Doch selbst die "Sun" hat nach dieser fußballerischen Demütigung nicht jeglichen Sinn für Ironie verloren und titelt: "Don’t mention the four" – Erwähnt bloß nicht die vier Tore. Und das ist richtig witzig.

Diesen Satz geprägt hat John Cleese, der bedeutendste englische Komiker. "Don't mention the war!" - "Erwähnt bloß nicht den Krieg" hieß es in einer britischen Fernsehserie über ein Hotel und seinen skurrilen Besitzer, die Cleese mit seiner damaligen Frau Connie Booth entwickelt hat und die in Deutschland 1978 im Fernsehen lief. In der Episode "The Germans" schärft der Hotelchef seinen Mitarbeitern ein, den deutschen Gästen gegenüber bloß nicht den Krieg zu erwähnen. "Don't mention the war!" ist seitdem ein geflügeltes Wort, das schon einmal Fußballgeschichte beschrieben hat. Die "Sun" titelte 2001 nach der 1:5 Niederlage der Deutschen gegen England: "Don't mention the score" - "Erwähnt bloß nicht das Ergebnis".

"Es liegt nicht an ihnen. Es liegt an uns"

Nun ist es bei dieser WM also andersherum ausgegangen. Und was machen die Engländer? Sie tragen es mit Fassung. Mit ihrer eigenen Mannschaft sind sie nicht zufrieden, aber den deutschen Spielern zollen sie Respekt. Und auch den Schiedsrichter Jorge Larrionda aus Uruguay und seine Linienrichter lassen sie in Ruhe. Dabei hatte er Frank Lampards Tor in der 38. Minute die Anerkennung verweigert, obwohl der Ball erst an die Unterkante der Latte und dann deutlich hinter die Torlinie sprang.

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Aus und vorbei: Die Presse in England ist sauer auf ihre Mannschaft.

(Foto: AP)

"England wurde von einem geschmeidigeren, schnelleren, clevereren Deutschland an die Wand gespielt", urteilt die "Times" und will den Verweis auf "praktische Sündenböcke" mit dem uruguayischen Linienrichter als letztem in einer langen Linie nicht gelten lassen. "Die Fehlschläge in Serie zwingen uns, genauer hinzusehen. Es liegt nicht an ihnen. Es liegt an uns." Und der "Daily Telegraph" urteilt: "Lassen Sie sich nicht von Fabio Capellos Vernebelungsmanöver über Frank Lampards Tor in die Irre führen. Selbst wenn das außergewöhnliche Tor des Mittelfeldmannes gegolten hätte, was es hätte sollen, kann sich England nicht der brutalen Erkenntnis entziehen, dass Deutschland in allen Belangen überlegen war."

"Hat jemand Rooney gesehen?"

"The Independent" sieht die englische Mannschaft zwar als "Opfer einer grausamen Ungerechtigkeit", bilanziert aber: "Am Ende wurde England zu Recht geschlagen. Die gewitzteren Deutschen ließen England chronisch träge aussehen. Am Ende machte die Qualität des Augenlichts des Linienrichters den Unterschied aus, und Deutschlands überlegene Schnelle, in den Beinen wie im Kopf." Und auch der "Daily Mail" sieht das Problem weniger beim Schiedsrichter: "Es ist sinnlos, über Frank Lampards nicht gegebenes Tor zu weinen, die Anzeigentafel lügt nicht. Wäre es so sehr anders gelaufen, wenn es nach 38 Minuten 2:2 gestanden hätte? Hat jemand Rooney gesehen?"

Haben wir nicht, wissen aber auch, dass es sinnlos ist, auf rhetorische Fragen zu antworten. Ansonsten lautet das Fazit: Von den Engländern zu lernen, heißt, verlieren zu lernen. Und das ist mindestens ebenso schwer wie sich anständig über einen Sieg zu freuen.

Sportsmänner von der Insel

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Siegen ist einfach, verlieren hingegen schwer: Ein deutscher und ein englischer Fan vor dem Stadion in Bloemfontein.

(Foto: AP)

Betrachten wir die ganze Sache doch einmal philosophisch und bemühen Aristoteles. Sowohl in England als auch in Deutschland ist die Freude nach einem Sieg sehr viel größer und die Enttäuschung nach einer Niederlage sehr viel bitterer als bei jedem anderen Spiel gegen einen anderen Gegner. Ausdruck findet die besondere Rivalität in einem ausgesprochen schrägen Humor. Wenn deutsche Fans im Stadion in Richtung englischer Fans "Drei Weltmeisterschaften" brüllen, um dezent auf die drei bisher gewonnenen Titel hinzuweisen, kontern die Sportsfreunde von der Insel mit "Zwei Weltkriege".

Das vorausgeschickt, kommen wir zu Aristoteles: Mit etwas Abstand stellt man plötzlich erstaunt fest, wie groß die kathartische Kraft der Zeit ist. Der schrille Humor zeigt auf seine Art, dass Fußball verbindet und die Zeit Wunden heilt. Die martialische Rhetorik englischer Boulevardzeitungen ist dazu kein Widerspruch – im Gegenteil.

"Im Cricket sind wir besser"

Wie wenig Nazi-Vergleiche und Weltkriegsanspielungen des Boulevards vor dem Spiel mit der Realität zu tun haben, zeigen die Reaktionen von Engländern nach der Niederlage ihrer Mannschaft: Sie verlieren mit Stil, behalten ihren Sinn für Selbstironie und demonstrieren damit eindrucksvoll, was für Sportsmänner sie sind. Kein Gejammer über miese Linienrichter und das ungerechte Schicksal. Stattdessen wird die Leistung der deutschen Mannschaft gewürdigt, die verdient gewonnen habe.

"Nun denn, zumindest haben wir nicht im Elfmeterschießen verloren", tröstet sich ein englischer Freund, der als Fan von Newcastle Kummer gewohnt ist. Ein anderer ergänzt: "Die WM dauert ja noch ein bisschen. Jetzt können wir endlich guten Fußball sehen." "Mit einem russischen Linienrichter wäre uns das nicht passiert", gibt ein weiter zu bedenken und erinnert damit an das so genannte Wembley-Tor. Fazit: "Im Cricket sind wir besser".

Fußballerisch können wir von den Engländern wohl derzeit nicht besonders viel lernen. Aber sie zeigen uns, wie man anständig mit Niederlagen umgeht. Daran sollten sich die Deutschen ein Beispiel nehmen. Schon am kommenden Samstag könnte das hilfreich sein. Stichwort: Argentinien.

Quelle: ntv.de