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Höllenritt Paris - Roubaix Fressen oder gefressen werden – Tadej Pogacar jagt den letzten Mythos

12.04.2026, 06:51 Uhr
imageVon Martin Armbruster
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Tadej Pogacar will sich am Sonntag bei Paris - Roubaix unsterblich machen. (Foto: IMAGO/Content Curation)

Tadej Pogacar dominiert den Radsport wie vor ihm nur Über-Ikone Eddy Merckx. Am Sonntag will der Slowene das einzige "Monument" gewinnen, das ihn noch vom Belgier trennt. Seine Form ist beängstigend.   

Eddy Merckx nannte man den "Kannibalen", weil der Belgier im Radsport einfach alles so oft gewann, ohne seine Gier nach noch mehr Siegen je zu befriedigen. Miguel Indurain, in den Neunzigern fünfmal in Serie Triumphator bei der Tour de France und zweimal beim Giro d'Italia, ging als "Mörder mit den zwölf Zähnen" in die Geschichte ein. Der imposante Baske ging nie aus dem Sattel und lächelte anscheinend, während er seine leidenden Rivalen im Gebirge eliminierte. Der Sizilianer Vincenzo Nibali, der im vergangenen Jahrzehnt den Grand-Tour-Hattrick schaffte, firmierte als "Hai von Messina", weil er sich wie ein Raubtier anschlich, um im entscheidenden Moment in Form einer Attacke zuzubeißen.

Und Tadej Pogacar, der Slowene, der den Radsport seit ein paar Jahre eisern im Griff hat? Wird von Fans, Medien und im Peloton "Pogi" gerufen. Das klingt wie die Figur aus einem Cartoon für Kinder, passt aber durchaus zum Charakter des 27-Jährigen. Auf Pogacar blicken zwar alle mit Ehrfurcht. Aber Abneigung oder gar Abscheu, die Dominatoren à la Merckx oder Lance Armstrong einst entgegenfuhr, zieht "Pogi" nicht auf sich. Dabei haben seine Rivalen jeden Grund, Pogacar im Stillen zu verteufeln.

Denn Tadej Pogacar ist sehr wohl ein "Kannibale". Genau wie Merckx (und anders als etwa Indurain oder sein Hauptkonkurrent Jonas Vingegaard) begnügt er sich nicht mit Erfolgen bei den großen, dreiwöchigen Rundfahrten in Frankreich, Italien oder Spanien. Pogacar will mehr. Einfach alles. Die Tour de France hat er schon viermal gewonnen, im Sommer kann er mit den Rekordsiegern Jacques Anquetil, Merckx, Bernard Hinault und Indurain gleichziehen. Im Radsport-Kosmos zweifelt keiner daran, dass Pogacar dies gelingt, zu sehr hat der Profi des UAE Teams Emirates in den vergangenen beiden Jahren die Tour der Leiden in Alpen und Pyrenäen dominiert.

Im Vorjahr tadelte "Königin der Klassiker" Pogacar unsanft

Das wichtigste Rennen für Tadej Pogacar ist ein anderes. Ein Eintagesrennen. Das berühmteste und härteste der Welt. Eine Hatz über 30 Sektoren Kopfsteinpflaster, je nach Wetter durch Staub oder Matsch. Eine Tortur für die menschliche Haut, die über 258,3 Kilometer früher oder später zerfetzt. Ein Fiasko für Pumpe, Lunge und Waden. Im schlimmsten Fall ein Knochenbrecher-Rennen. Paris - Roubaix, die "Königin der Klassiker".

Der Radsport hat fünf "Monumente", alles Mythen für sich. Alle sind sie enorm bedeutsam, allesamt knüppelhart. Paris - Roubaix sticht heraus. Das Rennen in der "Hölle des Nordens" ist der Gipfel der Monumente. Wer im Velodrom von Roubaix gewinnt und den legendären Pflasterstein bekommt, wird selbst Teil des Mythos'. Eddy Merckx hat den Klassiker dreimal gewonnen (1968, 1970 und 1973), Tadej Pogacar noch nie. Aber er hat bei der Höllenjagd ja auch erst einmal mitgemacht. Das war im Vorjahr und der Weltmeister musste direkt leidvoll erfahren, warum dieses teuflische Radrennen so schwer zu gewinnen ist wie kein anderes.

Pogacar kämpfte – wie hätte es anders sein können – direkt um den Sieg, lieferte sich ein packendes Duell mit seinem Rivalen Mathieu van der Poel. Im gefürchteten Wald von Arenberg hatten sie angegriffen und die Spreu vom Weizen getrennt, der Klassiker-Spezialist Wout van Aert ließ abreißen. Auf Kopfsteinpflaster-Sektor 15 erhöhte Pogacar die Schlagzahl derart, dass nur noch van der Poel zu folgen vermochte. Doch dann passierte es.

38 Kilometer vor dem Ziel tadelte die Königin den ungeheuerlichen Pogacar. Auf Sektor neun fuhr der Mann im Regenbogentrikot zu schnell in eine Rechtskurve und kam zu Fall. Nicht schlimm, aber rennentscheidend. Van der Poel nutzte die Gunst der Stunde und setzte sich 20 Sekunden ab. Danach baute der Belgier sein Polster auf den aus dem Tritt gekommenen Pogacar aus. Van der Poel erreichte das Velodrom 1:18 Minuten eher. Der geschlagene König wurde nur Zweiter.

Am Sonntag fordert Pogacar Revanche. Und die einzige Frage, die sich vor der 123. Auflage der "Reine des Classiques", stellt, lautet: Ist Tadej Pogacar in seiner derzeitigen Form überhaupt zu schlagen (immer unter der Prämisse, dass das stets lauernde Höllenschicksal nicht allzu stark zuschlägt)? Zwei der vier Frühjahrs-Monumente hat Pogacar dieses Jahr schon gewonnen. Am 21. März siegte er zum ersten Mal bei Mailand - Sanremo, der 300 Kilometer langen Fahrt von der Lombardei nach Ligurien, und schloss die erste Lücke in seiner monumentalen Bilanz. Vor zwei Wochen jubelte Pogacar zum dritten Mal bei der Flandern-Rundfahrt. In einem atemberaubenden Katz-und-Maus-Spiel schüttelte der Slowene die zwei Männer ab, die ihm für gewöhnlich am ehesten gefährlich werden: van der Poel und Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel.

Wer nach der Machtdemonstration in Flandern eine Kampfansage des Weltmeisters erwartet hatte, den enttäuschte Pogacar. "Die Motivation ist hoch, der Druck niedrig - so niedrig wie der Reifendruck sein wird", wiegelte er mit Blick auf Paris - Roubaix ab. Ein Understatement ganz nach "Pogi"-Art. Man werde sehen, was in "L’Enfer du Nord" passiere. "Es stehen jetzt zwei von fünf", machte er zugleich keinen Hehl daraus, in diesem Jahr alle Monumente kassieren zu wollen (nach Paris - Roubaix folgt Lüttich - Bastogne - Lüttich). Die Lombardei-Rundfahrt vom vergangenen Herbst mitgezählt, hat Pogacar vier Klassiker in Serie gewonnen. Insgesamt triumphierte er schon zwölfmal bei den wichtigsten Eintagesrennen des Radsports, nur Merckx hat mit 19 mehr auf dem Konto. Und die Über-Ikone ist Pogacars Maßstab, die letzte Dimension, in die es vorzustoßen gilt.

Bremst das Wetter den König?

2026 soll das Jahr des Tadej Pogacar werden, die ultimative Krönung. Gewinnt er Paris - Roubaix und im Sommer ein fünftes Mal die Tour, säße er im Pantheon der größten Radfahrer endgültig in Reihe eins der Loge neben dem "Kannibalen". Alles spricht dafür, dass Pogacar am Sonntag die ersten Tritte zur Unsterblichkeit macht. Das Niveau des Dominators, "nimmt jede Hoffnung – so groß ist der Unterschied", seufzte Pogacars Mitbewerber Oliver Naesen. Es ist wie zu Zeiten Merckx'. Pogacar mag äußerlich nicht als Kraftpaket wie einst der Belgier daherradeln. Doch ist der 1,76 Meter große und 65 Kilogramm leichte Mann mit den schmalen Schultern nicht weniger Kannibale. Pogacar kann – für eine kurze, aber entscheidende Zeit – Wattzahlen treten wie niemand sonst. Ob im Gebirge oder auf tückischen Klassikerpassagen. Wenn "Pogi" antritt, hält die Konkurrenz allenfalls kurz mit. Legt Pogacar den nächsten Gang ein, frisst er einen nach dem anderen auf, bis keiner mehr am Hinterrad hängt. Tadej Pogacar – das ist eine monströse Einsamkeit des Seins auf zwei Rädern.

Am ehesten trauen die Experten noch van der Poel zu, Pogacar das letzte Teil im Monumenten-Puzzle weiter vorzuenthalten. "In manchen Szenarien hat van der Poel noch einen kleinen Vorteil – besonders wenn das Wetter nass wird", hält Rennleiter Therry Gouvenou die Hoffnung auf einen spannenden Sonntag hoch. Historisch betrachtet ist es durchaus wahrscheinlich, dass der Himmel über der Hölle seine Schleusen öffnet. Legenden, Husarenritter und Hasardeure sind dann schon oft gefallen. Und doch ist es eine Sache der Wahrscheinlichkeitsrechnung, dass sich der König am Sonntag mit der Königin vermählt – und Tadej Pogacar den letzten Mythos auf seiner Speisekarte verputzt.  

Quelle: ntv.de

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