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Box-WM-Anwärter Feigenbutz "Ich bin aus Stahl, mein Gegner aus Blech"

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Im August 2019 holte sich Feigenbutz gegen den Spanier Cesar Nunez den IBO-Titel im Supermittelgewicht.

(Foto: imago images / Carmele/tmc-fotografie.de)

Wird Vincent Feigenbutz der nächste Superstar? Der 24 Jahre alte Boxer aus Karlsruhe kämpft in der Nacht von Samstag auf Sonntag in Nashville in den USA gegen den Amerikaner Caleb Plant (ab drei Uhr unserer Zeit bei Sport1) um den IBF-Weltmeistertitel. Der Supermittelgewichtler spricht mit ntv.de über seine große Chance, über mangelnde Wertschätzung, die gesundheitlichen Risiken und die schlechte Bezahlung.

ntv.de: Herr Feigenbutz, wie fühlt es sich an, nun die Chance zu haben, als erster Deutscher seit Max Schmeling in den USA Box-Weltmeister zu werden?

Das fühlt sich großartig an, weil wir schon so lange auf diese Chance hinarbeiten. Für den gesamten deutschen Boxsport wäre es gut, wenn ich Weltmeister werden würde. Dadurch würde der Sport wieder mehr in den Fokus rücken. Auch für meinen Boxstall Sauerland …

… der früher große Boxer wie Henry Maske oder Axel Schulz hervorgebracht hat…

… wäre es wichtig, wieder einen großen Namen zu haben. Das ist für mich Motivation und Druck zugleich.

Was können Sie uns über Ihren Gegner Caleb Plant verraten?

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Feigenbutz rechnet sich Chancen aus.

(Foto: imago images/Carmele/tmc-fotografie.de)

Er ist Weltmeister und zählt zur absoluten Oberklasse. Er ist technisch gut ausgebildet, sehr schnell, dominant und tritt in der Öffentlichkeit extrem selbstbewusst auf. Er ist sicherlich schwer zu besiegen.

Trotzdem werden Sie einen Plan haben, wie Sie ihn bezwingen können.

Diesen Plan werde ich jetzt natürlich nicht verraten. Nur so viel: Er bewegt sich sehr viel, deutlich mehr als ich. Dafür habe ich den härteren Schlag. Er ist praktisch aus Blech gemacht, ich aus Stahl.

Das heißt?

Wenn meine Fäuste einschlagen, geht das Blech kaputt.

Nun ist Caleb Plant der Lokalmatador und der Weltmeister. Was bedeutet das?

Dass ich wohl nur durch K.-o. gewinnen kann. Liefern wir uns über zwölf Runden einen Kampf auf Augenhöhe, werden die Punktrichter ihn bevorteilen. Im Boxsport gibt es viel Politik.

Das heißt, dass die Punktrichter oftmals nicht neutral sind?

Sagen wir mal so: Für mich als deutschen Boxer wird es sehr schwer sein, die Punktrichter bei einem Kampf gegen einen amerikanischen Gegner auf amerikanischem Boden zu überzeugen. Das ist in diesem Sport leider so. Aber ich bin eh ein Boxer, der seine Kämpfe meist durch Knockout gewinnt. Wir möchten ein klares Zeichen setzen. Dann ist es völlig egal, wie die Punktrichter den Kampf sehen.

In der Bridgestone Arena, in der der WM-Kampf am 15. Februar ausgetragen wird, finden 20.000 Zuschauer Platz. Was für eine Atmosphäre erwarten Sie?

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Ihn fordert Feigenbutz heraus: Den IBF-Champion Caleb Plant.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Ich freue mich darauf und habe noch nie vor einer vergleichbaren Kulisse geboxt. Ich möchte meinem Promoter Team Sauerland, meinem Manager Rainer Gottwald und meinen Partnern, Freunden und der Familie danken, dass alle diesen Kampf möglich gemacht haben. In Deutschland ist es kaum möglich, so viele Zuschauer zu erreichen.

Warum ist das so?

In den USA sind die Menschen einfach viel sportbegeisterter und unterstützen gerne ihre Sportler. Mir wurde gesagt, wenn dort selbst ein Mittelklasse-Boxer durch die Straßen läuft, wird er bejubelt. In Deutschland erleben wir das komplette Gegenteil. Hier werden die Sportler kaum unterstützt. Das liegt sicherlich auch an der Neidgesellschaft. Niemand gönnt dem anderen etwas. Auch die Medien unterstützen die Sportler wenig und schreiben oft Mist. Außerhalb des Fußballs ist es kaum möglich, in Deutschland ein Sport-Star zu werden.

An Ihnen haftet seit Jahren der Ruf des "Bad Boys" und des "Großmauls". Stört Sie dieses Image, zumal Sie mit Ihrem Engagement für den Umweltschutz und für eine Kinderklinik nun auch eine völlig andere Seite haben?

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Feigenbutz 2015 bei seinem Sieg gegen den Ungarn Balazs Kelemen.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Ja, das passt zu dem, was ich gerade gesagt habe. Ich weiß nicht, warum manche Journalisten so etwas schreiben. Ein Großmaul ist jemand, der viel redet und dann keine Leistung bringt. Ich bin allerdings jemand, der das einhält, was er sagt. Und überhaupt: Im Kampfsport muss man von sich überzeugt sein. Wenn sie mich fragen, ob ich den Kampf gewinne, antworte ich natürlich: Ja, ich werde den Kampf gewinnen. Aber das macht mich doch nicht zu einem Großmaul. Würde ich nicht an mich glauben, könnte ich keinen guten Kampf abliefern.

Nun nehmen wir einmal an, Sie werden Weltmeister. Würden Sie dann Ihre neue Popularität in den USA nutzen, um dort weitere Kämpfe zu bestreiten? Oder würden Sie nach Deutschland zurückkehren und hierzulande Ihren Titel verteidigen?

Mein Plan wäre es, dann weitere große Kämpfe in den USA zu machen. Das ist doch der Traum eines jeden Boxers! Wie gesagt: In den USA gibt es viel mehr Boxfans und größere Hallen. Zudem hat Boxen dort eine größere Geschichte. Viele große Stars wie Mike Tyson hatten in den USA ihre großen Kämpfe.

Lassen Sie uns ein wenig über Ihren Werdegang sprechen. Wie entstand überhaupt Ihre Begeisterung für das Boxen?

Ich habe als Jugendlicher in einem Fitness-Studio trainiert, in dem man auch Kampfsport betreiben konnte. Dadurch habe ich ein bisschen in den Boxsport hineingeschnuppert. Der Boxtrainer Jürgen Lutz, der früher auch Regina Halmich trainierte, hat ein gewisses Talent in mir gesehen und dann sehr intensiv mit mir gearbeitet.

Im Alter von nur 16 Jahren sind Sie bereits Profi geworden. Sie mussten allerdings früh Ihren ersten Rückschlag verkraften und verloren Ihren zweiten Kampf. War das damals ein bitterer Rückschlag?

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Boxtrainer Jürgen Lutz, der früher auch Regina Halmich trainierte. Halmich war vor 1995 bis 2007 ungeschlagene Weltmeisterin der IBF.

(Foto: imago images / Marianne Müller)

Nein, überhaupt nicht. Damals war ich mit meinen 16 Jahren fast noch ein Amateur und habe noch nicht wie ein Profi gelebt. Mich stört ohnehin, dass Niederlagen im Boxen immer als ein großes Problem dargestellt werden. Dabei gehört so etwas im Sport dazu. Fußballspieler verlieren auch Spiele. Der Unterschied ist aber: Im Fußball gelten Niederlagen nicht als Makel. Das gehört dort einfach dazu. Im Boxen ist das leider anders. Selbst wenn zwei Weltmeister gegeneinander antreten und beide einen großen Kampf abliefern, wird die Leistung des Verlierers nicht gewürdigt. Im Gegenteil: Die meisten Menschen schauen einen mit dem Arsch nicht mehr an. Das habe ich selber erlebt.

Nun ist Boxen kein ungefährlicher Sport. Wie gehen Sie mit dem Risiko von Kopfverletzungen um? Erst im November gab es den tragischen Fall von Hugo Alfredo Santillan, der an den Folgen eines Boxkampfes verstarb.

Der Fall ist in der Tat sehr tragisch, aber darüber denke ich überhaupt nicht nach. In jedem Sport gibt es Risiken. Im Boxen ist der Kopf eben die Gefahrenzone. Aber würde ich Mountainbike fahren, könnte ich auch stürzen und mir vielleicht sogar das Genick brechen. In jedem Sport gibt es gewisse Risiken. Aber eines möchte ich dazu noch sagen …

Bitte …

Wenn man über die Risiken im Boxsport wirklich einmal nachdenkt, müsste die Bezahlung besser sein. Man richtet sein ganzes Leben nach dem Sport aus, hat keinen anderen Beruf, verschleißt den Körper und hat nach der Karriere vermutlich kaputte Gelenke. Das sollte sich auch in der Bezahlung wiederspiegeln. Wenn ich sehe, wie viel Geld ein Fußballspieler verdient, der letztendlich nur auf der Bank sitzt, ist das eine Frechheit. Aber das passt eben dazu, wie unterschiedlich die Sportler in Deutschland behandelt werden.

Mit Vincent Feigenbutz sprach Oliver Jensen.

Quelle: ntv.de