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Sprintstar Gina Lückenkemper "Ich falle jedes Jahr in ein mentales Loch"

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Belegten bei den Deutschen Meisterschaften 2018 die Plätze 1 und 3 über 100 Meter: Gina Lückenkemper (rechts) und Rebekka Haase (2.v.r.).

(Foto: imago/Beautiful Sports)

Gina Lückenkemper, die schnellste Frau Deutschlands, und Rebekka Haase, Deutsche Hallenmeisterin über 200 Meter, sind gleichzeitig beste Freundinnen und Konkurrentinnen. Permanenter Leistungsdruck gehört zu ihren Leben dazu. Während Lückenkemper bei den Finals in Berlin um die Deutsche Meisterschaft über 100 Meter kämpft, muss Haase kurzfristig aufgrund einer leichten Sprunggelenksverletzung passen. Die Sprint-Stars erzählen im Doppel-Interview mit n-tv.de von Hindernissen für Frauen in der Leichtathletik, von sexistischen Social-Media-Kommentaren, warum mit dem Tabu von der psychischen Leere im Kopf gebrochen werden muss - und wieso bei Pizza die Freundschaft aufhört.

n-tv.de: Frau Haase, Frau Lückenkemper, Sie sind gute Freundinnen und treten bei Wettkämpfen trotzdem immer wieder gegeneinander an. Ist das positiv pushend oder macht Sie das eher nervöser, gemeinsam an der Startlinie zu stehen?

Gina Lückenkemper: Es ist viel schlimmer, wenn wir nicht zusammen starten, sondern uns von außen anfeuern. Bei meinen eigenen Rennen bin ich nie nervös, aber bei Rebekkas Läufen bin ich unheimlich aufgeregt. Während ihres Vorlaufs bei der Europameisterschaft 2018 in Berlin bin ich zum Beispiel total ausgerastet. (lacht)

Rebekka Haase: Das ist für mich jetzt anstrengender, als wenn ich bei den Finals mitlaufen würde. Bei Ginas Finallauf bei der EM 2018 bin ich gestorben auf der Tribüne.

Lückenkemper: Generell pusht es aber positiv, gemeinsam an der Startlinie zu stehen. Rebekka kriegt damit auch ein bisschen mehr Lockerheit rein. Wir ergänzen uns gut. Wer wir beide zusammen rennen, stellen wir uns vor, dass im Ziel nur genau ein Stück Pizza liegt – und das wollen wir natürlich beide haben.

Haase: Und das wird nicht geteilt. Beim Essen hört die Freundschaft auf. (lacht)

Sie sind viel als Duo auf internationalen Wettkämpfen unterwegs, teilen sich ein Zimmer. Versuchen Sie, bei der anderen etwas zu finden, das Sie an sich selbst vermissen?

Lückenkemper: Ich kann mir schon gut selber in den Arsch treten, wenn's ums Training geht - aber Rebekka kann das noch besser. Da kann ich mir noch eine Scheibe von abschneiden.

Haase: Und umgedreht ist das bei Gina die Lockerheit. Aber generell harmonieren wir einfach gut: Wir machen die gleichen Erfahrungen und nehmen Sachen ähnlich wahr.

Lückenkemper: Als ich 2015 zusätzlich zum normalen Pensum noch die WM in Peking mitgemacht habe, hat mich das mental total zerstört. Ebenso die Olympischen Spiele in Rio, da hat man ja zwei Wochen die totale Reizüberflutung. Gegenseitig können wir unsere Wettkämpfe aufarbeiten. Das geht so richtig nur, wenn jemand das Gleiche durchmacht.

Haase: Erklär' mal einem Außenstehenden, was es mit dir macht, wenn du bei einem olympischen Staffelrennen auf der Bahn stehst. Das geht nicht.

Ist der Leistungsdruck so enorm, dass Sie das nur gemeinsam durchstehen?

Lückenkemper: Der Leistungsdruck ist permanent da. Du stehst unter Dauerstress. Es hängt alles davon ab, dass du auf der Bahn stehst und rennst. Davon hängt der Kaderstatus ab, wovon wiederum die Fördergelder abhängen. Deine ganze Existenz hängt davon ab. Wenn dann mal eine Trainingseinheit nicht so gut geklappt hat, nehme ich das mit nach Hause und es begleitet mich den ganzen Tag. Der Sport lässt dich nie komplett los. In Deutschland ist es auch sehr kompliziert, Außenstehenden zu erklären, dass Sport dein Beruf fast ohne freie Tage und nicht einfach ein Hobby ist.

Haase: Es ist ein Fulltime-Job, der weit über das Laufen auf der Bahn hinausgeht - und zwar an sechs bis sieben Tagen pro Woche. Wir sind unsere eigenen Unternehmen, mit Interviewterminen, Steuererklärung, Social-Media- und Büroarbeit. Besonders im Sprint machen wir uns täglich körperlich und kognitiv völlig platt. Nach einer Trainingseinheit bist du auch nicht einfach direkt arbeitsfähig.

Wie gehen Sie mental mit diesem Druck um?

Lückenkemper: Ich falle jedes Jahr in ein mentales Loch. 2017 waren das sogar zwei Wochen, an denen mir nur nach Heulen zumute war und ich nicht mehr trainieren konnte. Da ging nichts mehr im Oberstübchen. 2018 hatte ich erneut ein Loch und hatte aber aus dem Jahr zuvor gelernt. Nach dem Wettkampf in Lausanne, in dem ich Saisonbestzeit lief, kam ich nach Hause und hab einfach nur geweint. Ich wusste nicht warum, aber ich konnte es zulassen und mir einfach eingestehen, dass es mir schlecht ging. Und dass das auch mal grundlos passieren kann, weil wir eben Menschen und keine Maschinen sind.

Dieses "Schwäche zeigen" ist in Deutschland immer noch ein Tabu.

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Die eine immer hoch konzentriert, die andere locker und entspannt: Rebekka Haase (links) und Gina Lückenkemper sind Freundinnen und Konkurrentinnen.

(Foto: imago images / Beautiful Sports)

Lückenkemper: Ja, das wird nicht wirklich akzeptiert. Es gibt zwar einige Leute, die es gut finden, dass man offen darüber spricht. Es gibt aber genauso viele, die das anders sehen. Ich versuche, auf meinen sozialen Kanälen immer offen meine Wettkämpfe zu reflektieren. Wenn ich schreibe, warum es aus meiner Sicht mal nicht so gut gelaufen ist, kriege ich oft vorgeworfen, dass ich nach billigen Ausreden suchen würde. Ich werde immer an meinen 10,95 Sekunden gemessen und alle Rennen, die ich nicht unter 11 Sekunden laufe, sind schlecht.

Haase: Noch schlimmer finde ich es, dass auch das nähere Umfeld beim Training das manchmal nicht versteht. Da wird jede Zeit auf jedem Zehn-Meter-Abschnitt gemessen und danach wird zum Beispiel eine Staffel aufgestellt. Es ist sehr schwer, einem Trainer zu erklären, dass ich vielleicht einfach mal einen schlechten Tag hatte.

Lückenkemper: Das Problem bei uns im Sport ist: Wir sind in allem extrem messbar. Immer. Die Zeit gibt es schwarz auf weiß nach jedem Training oder Lauf. Wenn ich mal einen schlechten Tag habe, den ja jeder mal hat, dann sehen das alle und zerreißen sich den Mund darüber, was wir da machen könnten. Jeder erwartet permanent von mir, dass ich immer im Bereich meiner Bestleistung unterwegs bin.

Müssen Sie sich morgens in eine Rüstung zwängen, um nicht zu zerbrechen?

Haase: Beim Staffeltraining hast du die komplette nationale Konkurrenz neben dir. Wenn es dir da schlecht geht, dann willst du das nicht zeigen. Da hast du tatsächlich eine Rüstung an, die du in dem Moment nicht ablegen kannst. Das Problem von vielen Profiathleten, besonders den jungen, ist, dass sie die Rüstung nie ablegen. Sie denken, sie dürften keine Schwäche zeigen. Du frisst den Ballast so in dich rein, dass es dir am Ende mehr Kraft raubt. Ich habe das dieses Jahr selbst erlebt. Du stehst auf der Bahn, kannst nicht mehr rennen und weißt nicht warum - bis du akzeptierst, dass es dir einfach schlecht geht, du dich zurückziehst und Kraft sammelst, um dann wiederzukommen. Diesen Schritt alleine zu gehen, ist enorm schwer.

Lückenkemper: Gerade im Sport ist das ein Tabu. Wir müssen über das Thema mentale Leere viel mehr reden. Wir beide versuchen, gegenüber unseren Nachwuchsathleten damit immer offen umzugehen und bieten ihnen an, dass sie jederzeit auf uns zukommen können.

Stichwort Nachwuchs: Frau Lückenkemper, Sie haben sich Anfang des Jahres mit Nachwuchstalenten getroffen, um mit ihnen die Herausforderungen, denen Mädchen und Frauen im Sport gegenüberstehen zu thematisieren. Warum ist das ein wichtiges Thema?

Lückenkemper: Für die Schwierigkeiten, denen Frauen im Sport begegnen, gibt es noch keine richtige Bühne. Sie werden nicht genug thematisiert und deshalb habe ich das mit meinem Ausrüster Adidas angegangen. Barrieren, die wir zu überwinden haben, werden oft gar nicht als richtiges Problem angesehen. Und solange keiner was sagt, passiert nichts.

Welche Hürden haben Sie in Ihren Karrieren überwinden müssen, weil Sie Frauen sind?

Lückenkemper: Frauen bekommen weniger mediale Aufmerksamkeit, wenn sie nicht gerade in ganz knappen Outfits durch die Gegend hüpfen. Auch die Art und Weise der Aufmerksamkeit ist also anders. Im Gegensatz zu männlichen Kollegen bekommen wir auch reihenweise sexistische Nachrichten oder beleidigende Kommentare über die sozialen Kanäle. Da ist wirklich alles dabei.

Haase: Wir bekommen unfreiwillig auch Bilder zugeschickt, die wir nicht sehen wollen. In Rio saßen wir mit der Staffel zusammen und diskutierten, wer wie viele Heiratsanträge nur an diesem Tag online bekommen hatte. Es geht so anonym und leicht über Social Media, das kannst du leider nicht vermeiden.

Wie gehen Sie mit sexistischen Nachrichten um?

Lückenkemper: Wir haben noch nie ein Social-Media-Coaching oder einen Lehrgang, wie wir mit Sexismus umgehen sollen, vom Deutschen Leichtathletik Verband erhalten. Da wünsche ich mir mehr Unterstützung. Über die sozialen Medien vermarkten wir Athleten uns, wodurch die Sportart des Verbands im Endeffekt mehr in der Öffentlichkeit steht.

Die Abbruchquote in der Leichtathletik ist bei Mädchen viel höher als bei Jungs. Woran kann das liegen?

Lückenkemper: Der weibliche Körper verändert sich in der Pubertät extrem. Und dann noch einmal in einer zweiten Stufe, meist am Beginn deiner eigentlichen Karriere. Mit diesen Problemen stehst du alleine da, nichts wird angesprochen.

Haase: Keiner hat uns je gesagt, wie wir damit umgehen sollen. Es wird auch keine Rücksicht genommen. Wenn ein Wettkampf ansteht und du aber eigentlich unter Bauchkrämpfen leidest, dann ist da trotzdem der Wettkampf.

Lückenkemper: Die Atmosphäre dafür ist nicht gegeben. Mit dem Trainer zu reden, ist ein Schritt, den sich viele Mädchen nicht trauen. Früher waren solche Themen sogar noch tabuisierter. Kommunikation ist absolut notwendig, aber gerade in diesem Bereich gibt es noch einige Hürden, die wir Frauen überwinden müssen. Rebekka und ich sagen unseren jungen Athletinnen jetzt immer, dass es da keine dummen Fragen gibt und dass sie die Themen bitte ansprechen sollen.

Mit Gina Lückenkemper und Rebekka Haase sprach David Bedürftig

Quelle: ntv.de

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