Sport

"Kaum noch zu ertragen" Pechstein sagt WM-Starts wegen Gerichtsstress ab

imago38696995h.jpg

Claudia Pechstein konzentriert sich auf zwei Rennen - und verzichtet auf zwei.

(Foto: imago/Sven Simon)

Unmittelbar vor dem Start der Eisschnelllauf-WM erleidet Claudia Pechstein einen juristischen Tiefschlag. Der geht der 46-Jährigen so sehr an die Substanz, dass sie auf mehrere Strecken bei den Titelkämpfen verzichtet. Damit wird es kein deutsches Team geben.

Claudia Pechstein hat am Eröffnungstag der Heim-Weltmeisterschaften der Eisschnellläufer in Inzell ihre WM-Starts über 3000 Meter am heutigen Donnerstag und in der Team-Verfolgung am Freitag abgesagt. Sie wird somit nur die 5000 Meter am Samstag und den Massenstartlauf am Sonntag bestreiten. "Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) so kurz vor dem WM-Start geht an die Substanz. Es ist kaum noch zu ertragen, was mir als Folge der skandalösen Unrechtssperre von 2009 alles zugemutet wird. In meiner ersten Reaktion habe ich direkt an Abreise gedacht", sagte sie.

Andererseits habe sie sich sehr auf die WM gefreut und sich auch sportlich unter widrigsten Umständen für den Saisonhöhepunkt qualifiziert. "Deshalb habe ich mich nach Abstimmung mit meinem Mentaltrainer Matthias Große, meinem Manager Ralf Grengel und DESG-Teamleiter Helge Jasch dazu entschieden, an den Start zu gehen. Allerdings nur in den beiden Rennen, auf die im Laufe der Saison auch mein Training aufgebaut war", setzte sie hinzu.

"Was bleibt ist unser Unverständnis"

*Datenschutz

"Das ist sehr schade. Aber ich habe von vorherein gesagt, wir haben nur diese drei Frauen. Und wenn da eine ausfällt, kann das Team nicht starten", sagte der verantwortliche Trainer Daan Rottier. Er räumte aber auch ein, dass das Trio wahrscheinlich keine Medaillenchance gehabt hätte. "Die sportliche Situation wird überschattet von der persönlichen Situation. Claudia muss sich nun fokussieren auf das wichtigste Rennen", erklärte Sportdirektor Matthias Kulik. "Was bleibt, ist unser Unverständnis, eine solche Gerichts-Entscheidung unmittelbar vor einer WM mitzuteilen."

Auch Pechsteins Teamgefährtinnen Roxanne Dufter und Michelle Uhrig zeigten sich traurig, dass nun kein deutsches Trio in der Teamverfolgung am Start steht. "Ich bedauere das sehr. Bei einem Weltcuprennen hätte man das leicht verkraftet. Aber eine WM, das ist schon etwas anderes", unterstrich Dufter. Pechstein versuchte, ihre Entscheidung zu erläutern. "Ich hatte mir im WM-Vorfeld die Ziele gesetzt, über 5000 unter die besten Acht und im Massenstart in die Top Ten zu laufen. Ich habe wirklich keine Ahnung, ob mir das unter diesen Umständen gelingen kann", erklärte sie. Sie habe bei der WM nur dann eine Chance, "wenn ich mich voll und ganz darauf konzentriere und versuche, bis Samstag alles andere auszublenden". Sie hoffe auf das Verständnis des Verbandes und der Zuschauer, die sie auch auf den anderen Strecken sehen wollten.

Die fünfmalige Olympiasiegerin hatte am Dienstag ein früheres Urteil des EGMR in Straßburg zu ihrer einstigen Sperre akzeptieren müssen. Das Gericht wies ihre Berufung gegen das Urteil vom 2. Oktober ab. Pechstein hatte reklamiert, vor dem Sportgerichtshof Cas wegen fehlender Öffentlichkeit kein faires Verfahren gehabt zu haben. Das hatte ihr der EGMR im ersten Urteil eingeräumt, die Unabhängigkeit des Cas aber nicht infrage gestellt.

Pechstein geht seit Jahren juristisch gegen die zweijährige Sperre vor, die die Internationale Eislauf-Union ISU 2009 aus ihrer Sicht zu Unrecht anhand von Indizien und ohne Dopingnachweis wegen eines zu hohen Blutparameters (Retikulozyten) verhängt hatte. Die Berlinerin führte die Blutwerte stets auf eine von ihrem Vater vererbte Anomalie zurück und wurde in dieser Einschätzung von führenden Hämatologen bestätigt.

Quelle: n-tv.de, ara/dpa/sid

Mehr zum Thema