Magie verpufft?Rekordflut lässt deutschen Top-Läufer ziemlich kalt

Der Rekordknall von Sabastian Sawe löst weltweit Staunen aus. Den deutschen Marathonläufer Hendrik Pfeiffer lässt die Rekordflut überraschend kalt. Ist die Magie verpufft?
Sabastian Sawe hat am Sonntag in London eine magische Schallmauer der Leichtathletik eingerissen. Der Kenianer lief in sensationellen 1:59:30 Stunden zu einem Marathon-Weltrekord und blieb als erster Mensch in einem regulären Wettkampf unter der Marke von zwei Stunden. Eine Zeit, die weltweit Staunen hervorrief und als "Mondlandung" gefeiert wurde.
Auch der deutsche Top-Läufer Hendrik Pfeiffer ist von der Leistung beeindruckt, auf emotionaler Ebene lässt ihn die Rekordflut aber ziemlich kalt. "Emotional habe ich es so erlebt wie letztes Mal, als der Frauen-Weltrekord in so eine unglaubliche Dimension geschossen wurde, wo jetzt mittlerweile auch die ganze Magie so ein bisschen verpufft ist", sagt er zu ntv.de. Ruth Chepngetich hatte 2024 den Frauen-Weltrekord auf 2:09:56 gedrückt und mit 2:10 Stunden ebenfalls eine historische Marke geknackt. Es war ein dickes Ausrufezeichen. Wenige Monate später wurde sie allerdings wegen Dopingvergehens gesperrt.
Noch mehr diskutiert als diese Zeit wird der Auftritt von Sabastian Sawe in London. Pfeiffer war am Sonntag selbst erfolgreich in Düsseldorf beim Halbmarathon im Einsatz, verfolgte anschließend die Details zum Rekordtag von Sawe und Co. Auch dessen Verfolger Yomif Kejelcha blieb beim Debüt überraschend unter der Zwei-Stunden-Marke. Der Drittplatzierte Jacob Kiplimo unterlief ebenfalls den alten Weltrekord. Ein verrückter Lauftag.
"Ein bisschen inflationär"
"Ich habe das wahrgenommen und ich habe erstaunlich wenig dabei empfunden, dafür, dass es die Sportart ist, die ich selber betreibe“, erklärt Pfeiffer. "Ich habe das einfach gesehen, zur Kenntnis genommen, vielleicht auch dadurch, dass jetzt tatsächlich drei Leute unter dem alten Weltrekord waren und zwei unter dieser Zwei‑Stunden‑Marke. Es fühlt sich dann ein bisschen inflationär an."
Bei ihm herrsche angesichts dieser Leistung eine Mischung aus Faszination, aber auch "sehr viel Gleichgültigkeit", beschreibt er. Der Grund: "Auch wenn das von der reinen Minutenzahl vielleicht gar nicht so weit weg aussieht von dem, was ich zum Beispiel mache, sind das derartige Unterschiede, die man zwar mit Staunen betrachtet, die gleichzeitig aber sehr abstrakt sind."
Pfeiffer ist mit einer Zeit von 2:06:34 Stunden aktuell der viertschnellste deutsche Marathonläufer. Erst vor wenigen Tagen stellte er diese Zeit beim prestigeträchtigen Boston-Marathon auf. Der deutsche Rekord von Amanal Petros liegt bei 2:04:03 Stunden.
Sawe ist also nochmal einige Minuten schneller. Aufgrund der aktuellen Lage im kenianischen Laufsport und Fällen wie Ruth Chepngetich schwingen bei vielen sofort Zweifel mit. Auch wenn Sawe proaktiv mit dem Thema Doping umgeht und sich mit der Hilfe seines Sponsors vielen freiwilligen Tests unterzieht. Allerdings gilt auch: Kenia hat weiter ein massives Dopingproblem in der Leichtathletik. Seit 2017 wurden bereits mehr als 140 kenianische Athleten und damit mehr als aus jedem anderen Land von der Athletics Integrity Unit (AIU) suspendiert.
Skepsis ist ein Vermächtnis der Betrüger
Das stimmt auch Pfeiffer nachdenklich. "Aber man muss dann schon sagen, dass in den letzten Jahren diese Fabelleistungen zu häufig durch positive Tests entzaubert wurden, als dass man sich da immer uneingeschränkt freut, wenn so etwas passiert", sagt er über den jüngsten Rekord. "Der erste Gedanke ist leider immer mit Zweifeln gespickt, obwohl man damit den Einzelpersonen, die so eine Wahnsinns-Leistung erbracht haben, vielleicht völlig unrecht tut. Das ist leider das Vermächtnis vieler hundert Läuferinnen und Läufer, die in jüngster Vergangenheit betrogen haben." Auch bei vielen Leuten aus der Szene, mit denen er sich unterhalte, werde das oft so wahrgenommen, dass immer eine sehr große Portion Zweifel mitschwingt, berichtet Pfeiffer. Ausbaden muss dieses unschöne Vermächtnis aktuell Sawe. Konkrete Vorwürfe gegen den Kenianer gibt es aber nicht.
Das bestätigte auch der Doping-Experte Fritz Sörgel. "Wenn ich diese Zeit sehe, stehe ich sprachlos davor. Aber ich sage auch ganz klar: Im jetzigen Stadium sind keine Zweifel angebracht, weil ich mir diese Leistung erklären kann", sagte Sörgel dem Sport-Informations-Dienst (SID).
Für die vielen schnellen Zeiten gibt es mehrere Faktoren, erklärt Pfeiffer. Zum einen spiele die fortgeschrittene Schuhtechnologie mit Carbonplatten eine Rolle und werde immer besser. "Aber am Ende ist es vor allem das immer professionellere Setup, in dem sich die Leute bewegen“, erklärt Pfeiffer. "Ich sehe es auch bei mir selbst: Ich bin jetzt den Boston‑Marathon zum Beispiel sechs Minuten schneller gerannt, als ich es noch vor zwei Jahren, wenn auch bei anderen Wetterbedingungen, getan habe."
Auch die Ernährung und Verpflegung ist wichtiger geworden. "Es gibt bessere Strategien, bessere Produkte auf dem Markt. Aber am Ende sind es, glaube ich, vor allem die Leute, die noch besser, noch härter und noch strukturierter trainieren, würde ich ganz klar sagen."
Pfeiffer nennt ein Beispiel aus seinem Trainingsalltag. "Auch bei mir spielt Technologie eine große Rolle, vor allem in Form meines Laufbandes, mit dem ich sehr viel trainiere und worauf ich auch einen großen Anteil zurückführe, dass ich gerade viel effizienter geworden bin." All das führe dazu, dass die Läufer weltweit schnellere Zeiten abliefern.