Sport

Carlsen attackiert jetzt Niemann Schach-Skandal: Expertin liefert "schockierende Ergebnisse"

b5038004d0956a48f0d4a12833541c06.jpg

Die Protagonisten der bizarren Schach-Fehde: Magnus Carlsen (l.) und Hans Niemann.

(Foto: dpa)

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

Magnus Carlsen wittert Betrug - ohne seine Vorwürfe konkret zu äußern. Sein Konkurrent Hans Niemann steht im Verdacht, in einer Partie gegen den Weltmeister illegale Hilfe in Anspruch genommen zu haben. Etwa von einem Computer. Eine Expertin liefert nun offenbar erdrückende Beweise.

Seit Wochen sorgen Betrugsvorwürfe gegen den jungen Amerikaner Hans Niemann für reichlich Unruhe in der Schachwelt. Und nun droht dieser seltsame Skandal eine neue Wendung zu nehmen. Der lange auf nur subtile Weise angezählte Großmeister gerät immer mehr unter Druck. Nachdem sein Kontrahent, die Schach-Legende Magnus Carlsen, noch für diese Woche ein Statement zu seinen Betrugsvorwürfen gegen den US-Amerikaner ankündigte, sind am Sonntag neue Beweise aufgetaucht, die den schweren Verdacht gegen Niemann erhärten.

Kurzer Rückblick zur Einordnung: Am vergangenen Montag hatte der Skandal, der als der größte seit Jahren gilt, seinen bisherigen Höhepunkt erreicht. Carlsen war im Rahmen eines hochkarätig besetzten Onlineturniers auf den 19-jährigen Niemann getroffen - und beendete die Partie nach einem Zug kommentarlos. Schon Anfang September hatte Carlsen sich nach einer überraschenden Niederlage gegen den Amerikaner aus einem Präsenz-Turnier zurückgezogen. Das war der Auslöser für dieses donnernde Schachbeben.

Am Montagabend hat Carlsen nun erstmals konkrete Betrugsvorwürfe geäußert. "Ich glaube, dass Niemann mehr - auch in letzter Zeit - betrogen hat, als er öffentlich zugegeben hat", schrieb der Norweger in einem Offenen Brief auf Twitter. Seine Fortschritte seien "ungewöhnlich", schrieb Carlsen weiter. Bei einem der letzten Duelle habe er den Eindruck gehabt, Niemann sei "nicht angespannt und noch nicht einmal voll konzentriert auf das Spiel in kritischen Positionen" gewesen, "während er mich mit Schwarz auf eine Weise ausspielte, wie es meiner Meinung nach nur eine Handvoll Spieler können".

"Menschen spielen solche Partien nicht"

FIDE-Meisterin Yosha Iglésias veröffentlichte auf ihrem Youtube-Kanal die Analyse einiger Partien von Niemann, die sie mit der Hilfe von Datenbanken und Schach-Programmen untersuchte. Sie analysierte sowohl bestimmte Züge als auch ganze Partien und verglich dessen Präzision mit der Genauigkeit, mit der etwa ein Magnus Carlsen oder auch ein Garry Kasparov und Bobby Fischer spielen beziehungsweise gespielt haben. "Das Ergebnis hat mich schockiert", sagte die FIDE-Meisterin gegenüber "NRK". Niemann spielt demnach in mehreren Partien mit einer Genauigkeit von 100 Prozent - also genau so, wie es der Computer getan hätte. So zum Beispiel 2020 in einer Partie gegen Matthieu Cornette und auch drei Monate später gegen Christopher Woojin Yoo.

Zum Vergleich: Das gleiche Analyse-Modell spuckt im Fall von Weltmeister Carlsen und Kasparov - zwei der besten Spieler aller Zeiten - Standard-Werte von rund 70 Prozent aus. Der einzige Spieler, der jemals einen ähnlichen hohen Wert wie Niemann erreichte, war 2011 der Franzose Sébastien Feller (98 Prozent). Und diesem wurde später in besagter Partie Betrug nachgewiesen. "Menschen spielen solche Partien nicht. Und sie hat gezeigt, dass Niemann viele dieser Partien gespielt hat", zeigte sich auch der norwegische Schach-Experte Atle Grønn von den neuen Ergebnissen Iglésias' überzeugt.

"Für mich gibt es aber keine Zweifel mehr"

Dass diese Werte Niemanns bisher niemandem aufgefallen sind, habe sie schockiert, urteilte Iglésias: "Ich bin keine Mathematikerin oder eine Betrugs-Expertin. Ich wollte einfach nur, dass diese Daten für Experten öffentlich zugänglich sind, damit sie diskutiert werden können. Für mich gibt es aber keine Zweifel mehr. Selbst wenn meine Analysen nicht ganz fehlerfrei sind, ändert das nichts am Gesamtergebnis." Frei zugänglich sind unter anderem die durchschnittlichen Turnier-Werte von Niemann von 2019 bis 2022 (hier geht es zum Dokument).

Niemann, der während der Pandemiezeit in der Weltrangliste in kurzer Zeit um 150 Plätze aufstieg, hatte zuletzt zugegeben, als Teenager zweimal im Alter von 12 und 16 Jahren bei Online-Partien betrogen zu haben, nie jedoch in Präsenz am Schachbrett. Für Carlsen gibt es da keinen Unterschied. Mit Betrug dürfe nicht leichtfertig umgegangen werden, "weder online noch am Brett", sagte der Weltmeister. Er könne verstehen, dass es gerade bei Internet-Turnieren "verführerisch" sei, "aber ich würde es nicht empfehlen". Ob die Veranstalter und der Schach-Weltverband seiner Meinung nach genug gegen Manipulation tun würden, konnte oder wollte Carlsen nicht beantworten: "Das ist schwer zu sagen."

"Er muss sagen: Hier ist mein Beweis"

Mehr zum Thema

Fakt ist: Der Fall und die Andeutungen werden das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Carlsen und dem Weltverband sowie weiten Teilen der Schachwelt nicht verbessern. Das Schach-Genie, das schon im Alter von 13 Jahren den Titel eines Großmeisters errang, beanspruchte bereits in der Vergangenheit Sonderwege für sich und stieß damit viele vor den Kopf. Manche meinen gar: Der Schach-König halte sich für unantastbar. Seine aktuelle Fehde mit Niemann stößt in der Szene auf große Kritik, zumal Beweise für einen Betrug seines Widersachers nicht vorliegen. Carlsen könne nicht einfach "eine Hexenjagd provozieren", sagte die britische Großmeisterin Jovanka Houska, sie forderte: "Er muss sagen: Hier ist mein Beweis."

Nun könnte tatsächlich die finale Wende anstehen. Denn die Zahlen von Iglésias sorgen auch bei anderen Experten für reichlich Kopfzerbrechen. 2021 legte der Amerikaner bereits eine Serie von vier Turnieren in Folge hin, in denen er mit einer Präzision von 70.29, 78.65, 79.14 und 78.56 Prozent spielte. "Wenn diese Zahlen korrekt sind, dann sind es Zahlen, die ich auf diesem Level noch nie gesehen habe", sagte Schach-Profi Kristoffer Gressli dem "Dagbladet". Auch sein Landsmann Grønn urteilt: "Ich habe Menschen noch nie so spielen sehen." Womöglich ist auch Carlsen zu diesem Schluss gekommen. Der Weltmeister kündigte am Sonntag erneut an, sich in dieser Woche äußern und Beweise vorlegen zu wollen. Ein Moment, auf den die Schachwelt nun schon seit drei Wochen gespannt wartet.

Quelle: ntv.de, tno/dpa/sport.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen