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Schachstar mit wortlosem Protest Weltmeister Carlsen sorgt für riesigen Eklat

Verzichtet auf die Verteidigung seines WM-Titels: Magnus Carlsen.

Magnus Carlsen fühlt sich von einem Herausforderer betrogen.

(Foto: Jon Gambrell/AP/dpa)

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Die Schach-Welt kommt nicht zur Ruhe: Nach den auf Twitter angedeuteten Anschuldigungen gegen Hans Niemann liefert Superstar Magnus Carlsen erneut ein wortloses Statement ab. Der 31-Jährige gibt eine Partie gegen den jungen Amerikaner kommentarlos auf.

Die Schachwelt ist seit Wochen in Aufruhr. Und das liegt vor allem an Magnus Carlsen und Hans Niemann. Es ist ein Eklat, der die Szene in zwei Lager spaltet. Nun trafen die unversöhnlichen Kontrahenten beim Julius-Bär-Generationen-Cup aufeinander - doch Carlsen sorgt dabei für den nächsten Aufreger. Der Norweger gab die Partie, ohne einen Kommentar abgegeben zu haben, nach nur einem Zug auf. Damit rückt Niemann eine Runde weiter. Experten sind fassungslos. Großmeister David Howell sagt: "Es sind einfach bizarre, bizarre Zeiten."

Carlsens Rückzug ist eine weitere klare Andeutung, mit der er seinem Kontrahenten Betrug vorwirft. Auf Twitter hatte er dies, ohne Beweise vorgelegt zu haben, jüngst bereits beim Sinquefield Cup in St. Louis getan, nachdem er die Partie gegen den Weltranglisten-49. verloren hatte. Seither sind die unausgesprochenen Anschuldigungen das Thema Nummer eins unter den Schach-Experten auf der ganzen Welt. Carlsen war damals nach nur drei von neun Runden aus dem Turnier ausgestiegen und zitierte anschließend die legendären Worte von Fußball-Trainer José Mourinho: "Ich bevorzuge es, nicht zu reden. Wenn ich etwas sage, bin ich in großen Schwierigkeiten."

Schach-Stars staunen und zweifeln

Großmeister Hikaru Nakamura gehörte zu denen, die sich auf Carlsens Seite geschlagen hatten und den Verdacht gegen Niemann stützten. In seinem Twitch-Stream analysierte Nakamura einige Züge von Niemann sowie dessen Aussagen nach dem Spiel. Sein Ergebnis: Etwas passt nicht zusammen. Was Nakamura besonders seltsam fand: Niemann bereitete sich laut eigener Aussage auf bestimmte Züge Carlsens aus der Vergangenheit vor, die Schach-Datenbanken bewiesen aber, dass Carlsen besagte Züge noch nie gespielt hat. Das erhärtete nicht zwingend den Betrugsverdacht, warf aber einige Fragen auf.

Der ukrainische FIDE-Meister Andrii Punin gehörte ebenfalls zu denen, die alte Partien von Niemann unter die Lupe genommen haben. Seine Resultate präsentierte er in den letzten Tagen in zwei ausführlichen Youtube-Videos. Sein erstaunliches Ergebnis: In "normalen" Partien spielte der US-Amerikaner meist seinem Ranking entsprechend, in besonders wichtigen Partien spielte Niemann nahezu unglaublich präzise und über seinen Verhältnissen. Der norwegische Profi Atle Grønn (International Master) wird in seiner Beurteilung der Punin-Ergebnisse deutlicher. Dass Niemann in manchen analysierten Partien reihenweise "Computer-Züge" am Stück spielte und sich keinen Fehler erlaubte, kann er schlicht und ergreifend nicht glauben - vor allem, da es sich um wichtige Spiele handelte, in denen der Druck auf den Youngster besonders groß war.

"Aus Schach-Perspektive ist es nicht möglich, so zu spielen"

Niemann habe in den fraglichen Partien Zug nach Zug nach Zug genau so gespielt, wie es der zu diesem Zeitpunkt stärkste Schach-Computer auch getan hätte. "Die Wahrscheinlichkeit dafür ist Null", sagte Grønn gegenüber der Zeitung "Dagbladet". Ob dies ein Beweis für Betrug sei, wisse er allerdings nicht, aber: "Aus Schach-Perspektive ist es nicht möglich, so zu spielen."

Besonders pikant: Es ist nicht das erste Mal, dass Betrugsvorwürfe gegen Hans Niemann laut werden. In der Vergangenheit wurde der US-Amerikaner Gerüchten zufolge schon zweimal von der Plattform "chess.com" verbannt, weil er während seiner Spiele die Hilfe eines Schach-Computers in Anspruch genommen haben soll - ein absolutes No-Go und strengstens untersagt. In Kreisen der Top-Spieler habe sich dies bereits herumgesprochen, hieß es auf einem bekannten Twitter-Account, der Schach-Content postet.

"Ich bin der Einzige, der die Wahrheit kennt"

Der 19 Jahre alte Niemann selbst hatte am vergangenen Mittwoch Stellung bezogen, nachdem er sich vor allem in den sozialen Medien zahlreichen Beschuldigungen ausgesetzt gesehen hatte. "Viele Menschen, vor denen ich mal Respekt hatte und die meine Vorbilder waren, haben sich dazu entschieden, den Vorwürfen (Anmerk. d. Red.: von Carlsen) zuzustimmen. Es gab viele Spekulationen und viele Dinge wurden gesagt. Ich denke aber, ich bin der Einzige, der die Wahrheit kennt", sagte er in einem vom Veranstalter veröffentlichten Video. Die Vorwürfe bezeichnete er als haltlos. Der US-Amerikaner hatte während des Sinquefield Cups in einem Interview zugegeben, zweimal als Teenager im Alter von zwölf und 16 Jahren bei Online-Partien betrogen zu haben, nie jedoch in Präsenz am Schachbrett.

Carlsen steht nach seinem Statement nun unter großem Zugzwang: Nicht wenige fordern, dass der ohne Zweifel größte Name im Schach-Sport nun endlich Belege für seine implizierten Vorwürfe liefern muss. Einige Großmeister hatten Hans Niemann zuvor öffentlich schon zur Seite gestanden und Zweifel an den Anschuldigungen geäußert. "Vielleicht weiß er etwas, was wir nicht wissen. Aber dann muss er es jetzt sagen", kommentierte Schachspieler Alejandro Ramirez, der für die Partie zugeschaltet wurde: "Das ist ein noch stärkeres Statement als der Rückzug vom Sinquefield Cup."

"Das ist schockierend und beunruhigend"

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Auch die Reaktionen anderer Experten waren sehr deutlich. Der ungarische Großmeister Peter Leko zeigte sich "sprachlos", Maurice Ashley, US-Großmeister, twitterte: "Das ist schockierend und beunruhigend. Niemand kann glücklich damit sein, dass das in der Schachwelt passiert. Unglaublich!" Aus Sicht der Meisterin Jovanka Houska, Kommentatorin bei dem Turnier, habe Carlsen "mehr Öl ins Feuer gegossen. Er kann nicht einfach sagen: 'Ich glaube, du hast betrogen' und damit eine Hexenjagd provozieren. Er muss sagen: 'Hier ist mein Beweis'."

Für großen Wirbel sorgte Carlsens Verhalten derweil auch in seiner Heimat Norwegen, in der er zu den größten Sport-Persönlichkeiten des Landes gehört. Jon-Ludvig Hammer sagte am Rande der TV-Übertragung bei "TV2": "Es ist völlig unakzeptabel, absichtlich zu verlieren. Es ist das unsportlichste Verhalten überhaupt." Im Vorfeld auf die Partie beim Generation Cup hatten die Veranstalter Maßnahmen ergriffen, um etwaigen Betrugsversuchen vorbeugen zu können. Das Turnier wird online ausgetragen, die Spieler befinden sich daher in den eigenen vier Wänden. Carlsen kappte gegen Niemann seine Videoverbindung, später setzte er das Schnellschach-Turnier gegen seine anderen Kontrahenten fort.

(Dieser Artikel wurde am Dienstag, 20. September 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, tno mit sport.de

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