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Handballer mit "verrücktem" Lauf Schweden tanzen am Abgrund durch die EM

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Er hat ihn: Andreas Palicka hält Schwedens Finaleinzug fest.

(Foto: picture alliance / DPPI media)

Dass Schweden im Endspiel der Handball-Europameisterschaft steht, ist mit Blick auf die Geschichte des Rekordeuropameisters keine Überraschung. Angesichts des Turnierverlaufs ist es ein sportliches Wunder. Mehr ist möglich.

Ein paar Zentimeter mehr Platz, ein paar Sekunden mehr Zeit, jedenfalls nur eine Winzigkeit fehlte und die Europameisterschaft wäre für Schwedens Handballer schon längst vorbei gewesen, zu Ende gegangen mit einer der größeren Sensationen der jüngeren Geschichte des Sports. 27:27 stand es im letzten Vorrundenspiel des Vize-Weltmeisters gegen die Tschechen, noch neun Sekunden waren auf der Uhr, als der krasse Außenseiter nach einem Stürmerfoul noch einmal in Ballbesitz kam. Dominik Solak schickte Tomas Cip mit einem Verzweiflungspass quer übers Feld auf die Reise und wenn der Außen den Ball zu fassen bekommen hätte und ihn an Schwedes Torhüter Andreas Palicka vorbeigebracht hätte, wäre Schweden in der Vorrunde ausgeschieden. Aber wenn und hätte schießen keine Tore. Cip fing den Ball nicht und die Schweden durften aufatmen. Und Schwung aufnehmen für ihren Tanz am sportlichen Abgrund. Und der wirbelte sie inzwischen bis ins Endspiel am Sonntag gegen Spanien (18 Uhr/ Eurosport und im Liveticker auf ntv.de).

Dass die Schweden die Chance auf ihren fünften EM-Titel haben, ist ein sportliches Wunder. Denn mehr als einmal war man im Laufe des Turniers sportlich klinisch tot. Trotz des erzitterten Punktes gegen die ausgeschiedenen Tschechen zog man ohne Zähler hinter Spanien in die Hauptrunde ein. Nach drei klaren Siegen gegen Russland, Deutschland und Polen lagen die Schweden im Hauptrundenfinale gegen Norwegen zwischenzeitlich mit sechs Toren zurück, in die letzten fünf Minuten startete Norwegen mit einem Vier-Tore-Vorsprung.

Wenige Zentimeter, wenige Sekunden

Weil dann aber Dinge passierten, die selbst im schnelllebigen Handball selten passieren, warf der Berliner Bundesligaspieler Valter Chrintz die Schweden elf Sekunden vor Schluss zur ersten Führung seit Ewigkeiten. Superstar Sander Sagosen verzog den letzten Angriff des Spiels und die Schweden waren ihrem sportlichen Schicksal schon wieder von der Schippe gesprungen. Norwegen draußen, Schweden weiter. Wenige Zentimeter, wenige Sekunden, eine Winzigkeit.

Es war verrückt, aber es hat gereicht. Und vielleicht hat es auch Lust gemacht auf die Crunchtime, die Momente, in denen Spiele entschieden werden. In der der Glaube an sich selbst stark sein muss und die Überzeugung groß. Oder in denen große Spieler Großes liefern. Eben die Minuten, in denen die Verrücktheiten des Sports bisweilen in einem Moment kulminieren. Im Halbfinale gegen Olympiasieger Frankreich schrieb Torwart Andreas Palicka die Geschichte des Spiels.

Mit dem letzten Angriff hatten die routinierten Franzosen nach einem wilden Spiel beim Stand von 33:34 doch noch einmal die Chance auf den Ausgleich und damit auf die Verlängerung bekommen. Die Franzosen brachten den Ball irgendwie an den Kreis zu Ludovic Fabregas und ... "Da habe ich mich nur noch entgegengeworfen", berichtete Palicka. Er hielt den Ball und den Sieg fest, zu dem er neben zahlreichen Glanzparaden selbst noch Historisches beigesteuert hatte: Dreimal traf der 35-Jährige ins verwaiste Tor der Franzosen. Das gelang noch nie einem Torwart zu vor in einem EM-Spiel.

Der Torhüter, der in der Bundesliga lange Jahre für den THW Kiel und bis zum Winter für die Rhein-Neckar Löwen gespielt hatte, hätte das große Spiel dabei um ein Haar verpasst. Am Montag hatte sich der 35-Jährige vor dem Hauptrundenfinale nach einem positiven Test in Isolation begeben müssen. "Dieses Spiel gegen Norwegen allein im Hotelzimmer im Fernsehen zu sehen - so schlecht ging es mir noch nie. Es sind Dinge geflogen, und ich bin wie ein Zehnjähriger auf dem Bett herumgesprungen", berichtete Palicka nach dem Finaleinzug. Verrückt.

"Können nur verrückte Spiele"

Ja, "es war wieder ein verrücktes Spiel! Es scheint fast so, als ob wir nur verrückte Spiele spielen können", schmunzelte Lukas Pellas. Der Rechtsaußen der Schweden war selbst erst für das Spiel nachnominiert worden. "Das war mein erstes Spiel im Turnier, ich bin erst heute eingeflogen, aber ich habe es geschafft, mich an die neue Arena zu gewöhnen. Es war eine Achterbahnfahrt, wir haben nicht gut angefangen, aber wir haben uns nicht stressen lassen." Im Angriff ist Jim Gottfridsson die Lebensversicherung der Schweden. Mit neun Toren führte der Regisseur sein Team gegen die Franzosen zum Sieg, die irre Aufholjagd gegen Norwegen hatte der Profi der SG Flensburg-Handewitt torgefährlich und strategisch orchestriert. "Jeder hat gesehen, dass Jim Gottfridsson unser wahrer Anführer ist, er ist ein Superhirn", lobte Linksaußen Hampus Wanne.

Und dann ist da noch dieser unerschütterliche Glaube an sich selbst. "Ich habe immer an meine Mannschaft geglaubt, es gab keine Zeit, in der ich nicht daran geglaubt habe, dass wir nicht gewinnen können. Mit einer so guten Abwehr hat man immer die Möglichkeit, Spiele zu gewinnen", so sagte Nationaltrainer Glenn Solberg zu den Momenten, als seine Mannschaft mit einem 4-Tore-Rucksack ins Finale gegen Norwegen ging. Nun lobte der ehemalige Bundesligaprofi sein Team: "Es war ein starkes Spiel und ich bin sehr glücklich und sehr stolz. Wir haben immer an uns geglaubt, 60 Minuten lang gekämpft und im Angriff vielleicht unser bestes Spiel gezeigt. In der ersten Halbzeit waren wir auch in der Verteidigung stark."

Wird es verrückt, wird es schwer

Das Spiel gegen die Spanier ist die Neuauflage des WM-Endspiels von 2021. "Wir wollen uns revanchieren. Ich hoffe, dass unsere Zeit kommen wird. Es wird ein gigantisches Spiel, und es fühlt sich großartig an, ein Teil davon zu sein", jubelte Rückraumspieler Jonathan Caarlsbogard vom Bundesligisten TBV Lemgo vor dem Gold-Duell mit dem Titelverteidiger. Da hatten die Schweden gerade den bislang letzten Tanz auf der Rasierklinge überstanden. Nun geht es noch ein letztes mal zurück aufs Parkett.

Einen Favoriten gibt es nicht. Schon in der Vorrunde des laufenden Turniers standen sich beide Teams bereits gegenüber. Die Spanier gewannen 32:28, die Schweden waren chancenlos. Aber die Dinge haben sich im Laufe des Turniers geändert. Spanien verlor in der Hauptrunde gegen Norwegen, im Halbfinale schlug man die starken Dänen am Ende trotz eines zwischenzeitlichen 4-Tore-Rückstandes souverän. "In der zweiten Halbzeit haben wir einen sehr guten Job gemacht, wir hatten einen fantastischen Torwart und eine hervorragende Abwehr und wurden im Angriff stärker", jubelte Nationaltrainer Jordi Ribera nach dem 29:25 (16:17). "Wir sind glücklich und zufrieden, und ich freue mich wirklich für diese Mannschaft und dafür, wie wir den Handball in Spanien voranbringen. Jetzt steht ein weiteres schwieriges Spiel an." Schwierige Spiele können die Spanier, die nach ihren EM-Siegen 2018 und 2020 den Titel-Hattrick schaffen können. Wird es wieder verrückt, wird es schwer für sie.

Quelle: ntv.de

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