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Handball-Weltmeister Lindberg "Und dann fürchtest du um dein Leben"

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(Foto: imago images / masterpress)

Kaum einer kennt die Handball-Bundesliga so gut wie Hans Lindberg: Seit 2007 fliegt der Rechtsaußen durch Deutschlands Hallen, von den aktiven Spielern warf nur Flensburgs Holger Glandorf mehr Tore als der Kapitän der Füchse Berlin.

Im Interview mit n-tv.de schwärmt der Weltmeister von 2019 und zweifache Europameister von "seiner" Liga, erzählt von seinen dramatischsten Momenten aus zwölf Jahren Bundesliga und vom richtigen Umgang mit dem Druck eines Leistungssportlers. Am Samstag startet Lindberg mit den Berlinern beim SC DHfK Leipzig in seine 13. Bundesligasaison.

n-tv.de: Hans Lindberg, sagt Ihnen die Zahl 791 etwas?

Hans Lindberg: Nein, was hat es damit auf sich?

791 ist die Anzahl der Tore, die Ihnen zum Allzeitrekord von Kyung-Shin Yoon fehlt. Yoon erzielte 2908 Bundesligatore, Sie stehen bei 2117.

Das sind eine Menge Tore, die da noch fehlen. Allerdings wurden mir nach der Insolvenz des HSV auch 150 abgezogen. Mit denen wären es aber immer noch zu viele. Natürlich macht es mich stolz, so oft getroffen zu haben, aber den Rekord werde ich nicht mehr erreichen.

Sie sind 38 Jahre alt, Ihr Vertrag in Berlin läuft noch zwei Jahre. Was kommt danach?

Absolut keine Ahnung. Das hängt von so vielen Dingen ab: Macht der Körper mit, hat der Kopf noch Lust, hat der Verein noch Interesse? Zwei Jahre sind eine lange Zeit.

Sie sind erst mit 25 Jahren in die Bundesliga gewechselt. Warum so spät?

Ich war vorher noch nicht bereit. Mein Ziel war nie einfach nur die Bundesliga. Ich wollte zu einer Top-Mannschaft. Ich hätte zwei Jahre vorher die Chance gehabt. Aber ich wollte in Viborg bleiben und von Nicolaj Jacobsen lernen, der einer der besten Linksaußen der Welt war und als Co-Trainer zu uns kam. In dieser Zeit habe ich einen riesigen Schritt gemacht.

Nun sind Sie selbst einer der weltbesten Rechtsaußen. Wie schafft man es, so viele Jahre auf höchstem Niveau zu spielen?

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2013 gewann der HSV die Champions League. Hans Lindberg traf im Finale gegen den FC Barcelona sechsmal.

(Foto: imago sportfotodienst)

Vor allem musst du verletzungsfrei bleiben. Und es hat viel mit Ehrgeiz zu tun. Ich will stets gewinnen. Es macht mir Spaß, Handball zu spielen, Teil eines Teams zu sein und gemeinsam Siege und Titel zu holen. Dafür lohnt es sich, über die eigenen Grenzen zu gehen.

Sie kamen 2007 in die Bundesliga, mit dem HSV wurden Sie deutscher Meister und gewannen die Champions League. Seit 2016 spielen Sie für die Füchse Berlin. Wie hat sich denn die Liga seit Ihrer Ankunft verändert?

Gar nicht so sehr. Und eine wichtige Sache ist geblieben: Es gibt keine schwachen Gegner, die du mit halber Kraft schlägst. Verändert hat sich die Szene insgesamt. Inzwischen gibt es Vereine aus Osteuropa oder Paris mit Riesenetats. Das zeigt sich in der Champions League. Früher gab es die Klubs aus der Bundesliga, den FC Barcelona und Ciudad Real. Nun ist die Spitze viel breiter. Die Bundesliga bleibt die härteste Liga der Welt. Hier gibt es nicht nur die meisten, sondern auch die meisten schweren Spiele. Es gibt hier nur schwere Spiele.

Hat es Sie da überrascht, dass mit Uwe Gensheimer in dieser und dem Norweger Sander Sagosen zur nächsten Saison zwei Weltstars in die Liga wechseln?

Die Bundesliga ist mit ihren vollen Hallen hochattraktiv, auch Topstars macht es vor 12.000 Zuschauern mehr Spaß als vor 1.000. Sagosen ist dann 24 Jahre alt, auf dem Höhepunkt. Klar, dass er in eine große Liga geht. Uwe ging vor drei Jahren nach Paris, um die Champions League zu gewinnen. Das hat nicht geklappt, aber es war richtig. Mit einer deutschen Mannschaft wäre es noch schwerer gewesen. Dass er zurückkommt, war nur eine Frage der Zeit.

Sie sagen es: Die Bundesligaklubs spielen in der Champions League keine Rolle mehr, letztmals konnte sich 2016 ein deutsches Team für das Final-Four-Turnier qualifizieren.

Was heißt keine Rolle? Es gibt viele Topmannschaften in Europa, nach Köln schaffen es eben nur vier. Vielleicht ist nächstes Jahr wieder ein deutsches Team dabei, vielleicht dauert es länger. Es fehlte zuletzt einfach der letzte Schritt.

Sie machen sich keine Sorgen um die Qualität der Bundesliga?

Die Qualität ist überragend! Es ist spannend, an der Spitze und im Keller.

Haben Sie in den zwölf Jahren in Deutschland mal daran gedacht, ins Ausland zu wechseln?

Ja, es gab natürlich Überlegungen. Aber es wurde nie so richtig konkret. Ich hatte aber auch das Glück, in Hamburg und jetzt in Berlin bei großen Vereinen mit großen Arenen und vielen Zuschauern zu spielen. Es machte einfach so viel Spaß, dass ein Wechsel nie konkret wurde.

Müssen Sie schmunzeln, wenn deutlich jüngere Spieler nach Ungarn oder Spanien wechseln, weil sie dort in weniger intensiven Ligen ihre Karrieren verlängern können?

Ich verstehe diesen Schritt total. Wir Außen haben weniger Körperkontakt als die Kollegen am Kreis oder im Mittelblock, das macht schon was aus. Die Liga ist ja auch nur ein Teil der Belastung, hart wird es durch die Champions League. Da stehen bis Ende Dezember zusätzlich zehn Spiele an. Zehn! Wie soll das gehen? Ich verstehe jeden, der dem Körper in Ungarn, Frankreich oder Spanien mehr Regeneration verschafft - für das gleiche oder auch mehr Geld.

Im Frühjahr haben Sie über die hohe Belastung geschimpft, niemand höre auf die Spieler. Haben Sie das Gefühl, dass sich etwas ändert?

Es ist ein Gesamtpaket. Spieler, die nur in der Liga spielen, haben manchmal zwei Wochen Zeit zur Regeneration. Die klagen auch nicht. Für die Spitzensportler, die Champions League spielen, ist es hart. Da hilft auch kein breiterer Kader. Es gibt keine leichten Spiele, am Ende müssen doch wieder die Leistungsträger ran. Das ist eine gewaltige Herausforderung.

Sehen Sie Verbesserungen?

Es gibt eine kleine Verbesserung: Die Bundesliga endet nächstes Jahr am 15. Mai, die Final-Four-Turniere findet erst nach dem Saisonende statt. Das ist eine sehr gute Änderung, wenn auch nur wegen der Olympische Spiele im Sommer. Aber vielleicht behält man es bei.

Sie haben Ihre Bundesligakarriere komplett in großen Klubs verbracht, in denen permanent Druck herrscht. Wie hält man das so viele Jahre aus?

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Einer dieser Momente, die er liebt: Hans Lindberg beim Siebenmeter.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Jeder Leistungssportler muss Druck aushalten können, sonst muss er sich einen anderen Job suchen. Ich habe Druck immer als positiv empfunden, ich liebe es, unter Druck zu spielen.

Eine Drucksituation war die letzte Aktion in der regulären Spielzeit des DHB-Pokal-Viertelfinals gegen die Löwen. Beim Stand von 29:30 mussten Sie einen Siebenmeter werfen. Die Spielzeit war abgelaufen. Wie fühlt man sich da?

Es hat Spaß gemacht. Und dann war der Ball drin. Wir lagen das komplette Spiel über hinten, erst in der letzten Sekunde haben wir doch noch ausgeglichen, nachdem wir kurz vorher noch mit vier Toren zurück gelegen hatten. Was aber viel wichtiger war: Wir haben das Spiel in der Verlängerung gewonnen. Sonst hätte alles nichts genutzt.

Das macht Spaß?

Ich liebe es, ein Spiel entscheiden zu können. Ich weiß, dass ich der Trottel bin, wenn ich verwerfe. Aber einer muss in diesen Momenten die Verantwortung übernehmen.

Wer war in zwölf Jahren Bundesliga Ihr stärkster Gegenspieler?

Der beste Linksaußen war über viele Jahre Gudjon Valur Sigurdsson. Er ist so verdammt schnell, läuft immer noch - inzwischen in Paris so wahnsinnig schnelle Gegenstöße und rennt genauso schnell wieder zurück. Lars Christiansen, der noch von der Torauslinie Tore erzielen konnte. Uwe Gensheimer, der mit seinem Handgelenk jedem Gegner schaden kann.

Sie haben sich im April 2015 sehr schwer verletzt, als Sie im Duell mit den Füchsen Berlin mit Silvio Heinevetter zusammen prallten. Sie haben sich einen Nierenriss zugezogen. Was hat diese Verletzung mit Ihnen gemacht?

Das war ein harter Schlag. In der einen Sekunde bist du ein kerngesunder Leistungssportler, im nächsten Moment liegst du schwerverletzt auf der Intensivstation und fürchtest um dein Leben. Meine Frau war schwanger und machte sich Sorgen, ob der Papa je sein Kind sehen würde. Sie können sich vorstellen, was das für Momente waren. Es hat so viel verändert.

Ist die Verletzung noch im Hinterkopf?

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Der Augenblick vor der Verletzung, die so viel verändert hat.

(Foto: imago/Oliver Ruhnke)

Ja natürlich, das wird auch niemals wieder weggehen. Ich überlege jetzt zweimal, ob ich so in eine Situation hineinspringen muss, wie ich es früher getan habe, ohne Angst. Als Leistungssportler denkt man bisweilen, man sei unsterblich, unverwundbar - bis man erkennt, wie schnell und drastisch sich alles ändern kann.

Kurz nachdem Sie wieder gesund waren, meldete der HSV Hamburg Insolvenz an. Der Verein, bei dem Sie neun Jahre gespielt haben. Wie haben Sie diese Tage erlebt?

Das war ein riesiger Schlag ins Gesicht. Ich hatte gehofft, meine ganze Karriere in Hamburg spielen zu können und danach dort zu leben. Ich war bei der Europameisterschaft in Polen, als der Anruf kam: "Der HSV ist insolvent, du musst dir einen neuen Verein suchen." Ich stand da, mit meiner Frau und einem kleinen Kind, und musste mir einen neuen Klub suchen. Nach der EM kam der Wechsel nach Berlin zustande, wir haben drei Monate im Hotel gelebt und versucht, unser Leben auf sichere Beine zu stellen. Es war eine sehr schwere Situation.

Welche sportliche Erinnerung ist dagegen die schönste?

Vielleicht der Gewinn unserer ersten EM 2008, unser erster großer Titel. Es war eine große Sache und hat Dänemark zur Handballnation gemacht. 2008 war der Grundstein und hat allen gezeigt, dass alles möglich ist. Und 2019 sind wir dann tatsächlich Weltmeister geworden.

Warum sind Sie eigentlich nach dem WM-Titel nicht aus der Nationalmannschaft zurück getreten? Weltmeister mit 37 Jahren, was soll jetzt noch kommen?

Das ist Hans Lindberg

Hans Lindberg hat nahezu alles gewonnen: Europameister 2008 und 2012, Deutscher Meister 2011 und Champions-League-Sieger 2013 mit dem HSV. Der Däne, geboren am 1. August 1981, wechselte 2007 aus Viborg nach Hamburg, 2016 durchkreuzte die Insolvenz des Klubs dann alle sportlichen und privaten Pläne - und der Rechtsaußen zog weiter zu den Füchsen Berlin. Mit seinem neuen Verein gewann Lindberg 2016 die Klubweltmeisterschaft, 2018 folgte der Gewinn des EHF-Cups.

Ich habe nie die Leute verstanden, die aus dem Nationalteam zurücktreten, ob mit Titel oder ohne. Ich habe immer Lust auf Handball, es ist eine Ehre, für mein Land zu spielen. Wenn ich an einen Punkt komme, an dem ich sage: "Kein Bock mehr!", ist es Zeit, ganz aufzuhören.

Zum Abschluss zurück in die Bundesliga: Wer wird Deutscher Meister?

Es ist nicht so überraschend, aber ich rechne wieder mit einem Dreikampf zwischen dem THW Kiel, Flensburg und den Rhein-Neckar Löwen. Kiel und die Löwen haben neue Trainer auf der Bank, da wird man sehen müssen, welchen Einfluss das auf die Meisterschaft hat.

Mit Hans Lindberg sprach Till Erdenberger

Quelle: n-tv.de