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Lückenkemper: Jung, cool, rasant Vom "Obst der Woche" zur Sprintqueen

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Pure Freude in Schwarz-Rot-Gold: "Geschenk" Gina Lückenkemper.

(Foto: picture alliance/dpa)

Gina Lückenkemper verwirklicht bei der Leichtathletik-EM in Berlin den ersten Teil ihrer Medaillenträume - die 21 Jahre alte Deutsche gewinnt die Silbermedaille über 100 Meter. Für ihren Sport ist die junge Athletin ein "Geschenk".

Eine eisgekühlte Cola. Das ist Gina Lückenkempers Belohnung für die Silbermedaille über 100 Meter. Mehr gönnt sich die junge Frau nicht. Weil die Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin noch längst nicht beendet sind. Schließlich steht erst am Sonntag die Staffel auf dem Programm, bei der es die nächste Medaille geben soll. Dann gemeinsam mit den Kolleginnen, mit denen sie sich nach ihrem Erfolg "heulend in den Armen" liegt.

Von ihrem Sprint zu Silber, bei dem sie sich vor 34.000 Zuschauern im Olympiastadion mit 10,98 Sekunden nur der Topfavoritin aus Großbritannien, Dina Asher-Smith (10,85), geschlagen geben muss, weiß die für TSV Bayer Leverkusen startende Athletin an diesem Dienstagabend "gar nichts mehr". "Das einzige ist, bevor es losging, als ich schon im Block war, hat irgendwer 'Lückenkemper' gebrüllt und ich habe gedacht: 'Yeah!' Das nächste, was ich weiß, ist, dass ich über die Ziellinie gelaufen bin und gehofft habe, bitte mach', dass es noch gereicht hat, denn ich glaube ich war weit vorne. Dann habe ich auf die Anzeigetafel geguckt und dann kam neben der Zwei die Deutschlandfahne und dann war alles vorbei."

Wenn es darauf ankommt, ist die quirlige Sprinterin topfit, rast im Halbfinale und Finale zur identischen Zeit - es ist die zweitschnellste ihrer Karriere. Dabei ist es nicht einmal das perfekte Rennen der 21-Jährigen. Wieder einmal hapert es am Start. Sie ist mit Abstand die langsamste im Feld, das beweist die Auswertung des Computers. Sie kennt das Problem: "Wenn ich eine Reaktionszeit habe, die eine Zehntel langsamer ist als die von jemand anderem, sieht das beschissen aus. Dann laufe ich erst langsamer los, das sieht man einfach", hatte Lückenkemper vor der EM im Trainingslager in Kienbaum gesagt.

"Geschenk des Himmels"

Der Grund ist simpel: Sie denkt zu viel nach. "Über die unsinnigsten Sachen überhaupt: Gleich kommt der Schuss, gleich rennst du 100 Meter, gleich musst du aus dem Block raus", sagt die gebürtige Soesterin. Die Korrektur hat sie selbst parat: "Die Verankerung sollte eigentlich sein: Schuss - Bewegung. Und nicht: Schuss - aha - und los." Deswegen schließt Lückenkemper seit einiger Zeit kurz vorm Start ihre Augen. Die Sprinterin, die sonst lacht, tanzt, Faxen mit dem Publikum und ihren Gegnerinnen macht, besinnt sich einen Moment ganz auf sich selbst. "Dann visualisiere ich eine ganz bestimmte Bewegung." Sie dreht sich gedanklich einmal rechtsherum um die eigene Achse. "Damit aktiviere ich meinen Frontallappen." Also einen Bereich des Gehirns, der motorische Funktionen erfüllt. Die Sprinterin hat gemeinsam mit dem Neuroathletik-Trainer Lars Lienhard herausgefunden, dass sie damit ihr unnötiges Denken abschalten kann. "Dadurch kann ich reagieren."

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Lückenkemper und ihr "Ruhepol" Picasso.

So ganz klappt es im EM-Finale noch nicht. Das ist allerdings nichts, was der fröhlichen Athletin Kopfzerbrechen bereitet. Im Gegenteil: Sie betont immer wieder, dass sie noch am Anfang ihrer Karriere steht. Und: "Man hat noch etwas, das man noch verbessern kann." An dem Gefühl, das sie auf der blauen Bahn nach dem Ziel verspürt, kann sie dagegen wohl nur noch wenig verbessern: "Einfach geil." Das sieht man ihr im Ziel an: Die Tränen fließen, sie sinkt auf die blaue Tartanbahn, dann ist auch schon das Maskottchen der EM da zum Kuscheln. "Berlino hat sich mich gegriffen. Da war ich dankbar für, das habe ich in dem Moment gebraucht. Jeder braucht mal einen großen Teddy", sagt Lückenkemper und grinst.

Dabei mangelt es ihr ganz gewiss nicht an Coolness und Selbstbewusstsein. Sie weiß genau, was sie kann - und was sie will. Sie ist redegewandt, bannt ihr Publikum mit klugen Sätzen und wunderbaren Lachern. Etwa, wenn sie erzählt, dass sie sich im Training wieder einmal zum "Obst der Woche" gemacht habe, weil Trainer Lienhard so absurde Dinge mit ihr ausprobiert. Die sie dann - sie käme wohl nicht einmal auf den Gedanken, dass sie sich dafür zu schade sein könnte - gerne vormacht.

Längst legendär ist ihr Auftritt im ZDF-Sportstudio vom vergangenen Jahr, als sie erzählte, dass sie für die bessere Konzentration vor dem Start an einer Batterie lecke. Der ehemalige DLV-Präsident Clemens Prokop bezeichnet die junge Frau als "Geschenk des Himmels", sein Nachfolger Jürgen Kessing attestiert ihr "unglaubliche Strahlkraft". Die Studentin der Wirtschaftspsychologie ist eine, die ihren Sport aufs Beste repräsentiert. Und so fehlte sie vor der EM auf keiner Pressekonferenz, hat ein Mammutprogramm hinter sich. Es hat ihrer Leistung nicht geschadet.

Wenn ihr aber alles einmal zu viel wird, widmet sie sich Picasso. Ihrem Pferd, nicht dem Maler. Er ist ihr Ruhepol, manchmal fährt sie auch nur in den Stall, um ihn zu putzen und zu striegeln. Häufig aber geht es auf Picasso raus in die Natur - und das möglichst rasant. Lückenkemper liebt alles, was mit Geschwindigkeit zu tun hat. Beste Voraussetzung für eine, die im Eiltempo zu Deutschlands neuer Sprintkönigin geworden ist.

Quelle: n-tv.de

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