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DHB-Team kämpft gegen DesasterWas macht der Bundestrainer nur mit Juri Knorr?

19.01.2026, 12:38 Uhr
imageVon Till Erdenberger
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Juri Knorr nach seinem Doch-nicht-Tor gegen Serbien. (Foto: picture alliance/dpa)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft steht am Abend gegen Spanien vor einem Schicksalsspiel, es droht nicht weniger als ein EM-Desaster. Spielmacher Juri Knorr bekommt dabei eine besondere Rolle. Vielleicht.

Juri Knorr spürte als Erster, in welchen absurden Moment er da hineingeraten war: Der Spielmacher der deutschen Handball-Nationalmannschaft, mit geschlossenen Augen auf dem Rücken, niedergestreckt von der Wucht der Hölle um ihn herum. Im Tor der Serben das leuchtende rote Licht, das alles zerstörte. Darüber der donnernde Nachhall eines Signals. Das Spiel? Im letzten Moment unterbrochen. Knorrs Wurf zum 26:26, auf der Linie niedergestreckt von Alfred Gislasons Hand auf dem Buzzer. Auszeit, nicht Ausgleich. Der deutsche Superstar, gnadenlos und folgenschwer ausgebremst vom Bundestrainer.

Das Duell gegen die Serben ging verloren (27:30), Deutschland steht völlig überraschend vor einem kompletten Desaster - mindestens aber vor einem Nervenspiel am Abend (20.30 Uhr/ARD und im Liveticker auf ntv.de) gegen Spanien. Nur ein deutlicher Sieg gegen den Mitfavoriten führt sicher in die Hauptrunde. Der Blackout des Bundestrainers provozierte bei Knorr eine völlig ungewohnte Reaktion. Ärger - und diesmal nicht mit sich selbst als Zielscheibe.

"Wir haben die Serben in der ersten Halbzeit nieder gerannt - und dann ändern wir alles. Das verstehe ich nicht. Ich stand nicht so viel auf der Platte in der zweiten Halbzeit. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll", schimpfte der niedergeschlagene Knorr, der vier Treffer und zahlreiche spektakuläre Anspiele zur deutschen 17:13-Halbzeitführung beigesteuert hatte. In der zweiten Hälfte, als Struktur und Effizienz das deutsche Angriffsspiel längst fluchtartig verlassen hatten, saß der deutsche Spielmacher zumeist draußen. Als er gegen Serbien auf die Platte durfte, wurde er von Gislason hart ausgebremst. Die Szene, die außer dem Bundestrainer hinterher niemand zur entscheidenden überhöhen wollte, hatte Symbolcharakter.

"Es brodelt in einem"

Gislason hat sich auf Abwehrchef Julian Köster als erste Option in Sachen Spielsteuerung festgelegt und diese Variante auch in den begeisternden finalen Testspielen gegen Kroatien und beim deutschen EM-Auftaktsieg gegen Österreich (30:27) durchexerziert. Mit Erfolg, schließlich verkörpert der Gummersbacher an beiden Enden des Feldes internationale Klasse. Und es ist ein starkes Pfund, einen zentralen Abwehrspieler als Topentscheider auch im Angriff dabei zu haben. Eine Variante, die im Hochgeschwindigkeitssport Handball die Entscheidungswege massiv verkürzt. Doch den Luxus, dafür über weite Strecken auf einen Ausnahmekönner wie Knorr zu verzichten, muss man sich leisten können. Gegen Serbien ging das dramatisch schief, als Knorr nach dem Seitenwechsel von außen zusehen musste, wie sich der deutsche Angriff vor aller Augen in Luft auflöste. Die zweite Hälfte verlor das deutsche Team gegen keinesfalls übermächtige Serben 10:17.

"Natürlich brodelt es in einem auf der Bank, wenn man da draußen sitzt und nicht helfen kann", grummelte Knorr noch, der bei früheren Turnieren allzu oft Wohl und Wehe des deutschen Offensivspiels auf die eigenen Schultern lud und daran immer wieder zerbrach. Um sich dann hinterher in seiner Analyse verbal derart selbst zu verletzen, dass es selbst den kritischsten Betrachter nur schmerzte. Nun richtet Knorr, dieser kluge, reflektierte, stets selbstkritische Edel-Handballer den Blick nach außen. Und das lässt aufhorchen. Auch wenn der Bundestrainer "keine Ahnung" habe, was sein Spielmacher gesagt hat.

Dem 25-Jährigen, 2024 bei den Olympischen Spielen und der EM jeweils im All-Star-Team, gefiel offenbar ganz und gar nicht, derart ausgebremst zu werden. Während der in der Abwehr im Mittelblock ununterbrochen schwersten Strapazen ausgesetzte Köster gegen Serbien knapp 49 Minuten auf dem Feld stand und später auch zumeist Teil des sich auflösenden deutschen Angriffs war, durfte Knorr nicht mal 29 Minuten ran. Schon nach dem Auftaktsieg gegen Österreich, bei dem er nur von der Bank gekommen war, hatte Knorr, der seit dem Sommer im dänischen Aalborg spielt, seine neue Rolle wenig euphorisch kommentiert: "Natürlich bin ich glücklich, wenn ich mehr auf der Platte stehe. Aber ich nehme meine Rolle so an, wie sie ist, und gebe mein Bestes."

Gut möglich, dass sich das Bild wandelt im Spiel gegen die zumeist nicht in der konservativen 6:0-Formation nah am eigenen Kreis deckenden Spanier. "Wir brauchen gegen die offensive Abwehr der Spanier die Geschwindigkeit von Knorr", forderte beispielsweise Italiens Nationaltrainer Bob Hanning, ehemals DHB-Vizepräsident und noch Geschäftsführer beim Meister Füchse Berlin. Mit "wir" meinte er also den deutschen Handball.

"Mit dem Rücken zur Wand"

Vor dem Turnier hatte Gislason gesagt, er habe derzeit die "beste deutsche Nationalmannschaft, die ich je trainiert habe" zur Verfügung. Das gilt weiterhin, obwohl man sich völlig unnötig an den Rand des Abgrunds manövriert hat. Und Gislason ist ein exzellenter Trainer, der sich dieses Team so zusammengebaut hat, dass er nun offensiv wie defensiv aus dem Vollen schöpfen kann. Die Kadertiefe war im deutschen Tross unisono und mit allem Recht als mächtige Waffe auf dem Weg zu großen Zielen beschworen worden.

"Wir stehen mit dem Rücken zur Wand und müssen einfach Energie schöpfen aus der Frustration, die jetzt da ist", gab sich Knorr kämpferisch. Man werde es aber "nicht schaffen, wenn Leute 60 Minuten durchspielen. Wir werden es nur schaffen, wenn jeder da ist und jeder das Vertrauen hat, wenn jeder bereit ist und wenn das von uns aus der Mannschaft kommt", sagte Knorr.

Oft schon kollabierte die deutsche Mannschaft im Verlaufe eines Turniers, wenn Spielmacher Knorr nicht funktionierte. Und oft genug schenkte Gislason seinen Leistungsträgern wie Knorr das Vertrauen bis an den Rande des Zusammenbruchs. Besonders augenfällig war dies im Viertelfinale der letztjährigen Weltmeisterschaft, als der nach einer höchstintensiven Saison völlig ausgelaugte Olympiaheld Renars Uscins beim dramatischen Aus gegen Portugal (24:25 nach Verlängerung) Fehlentscheidung an Fehlentscheidung heftete und vom Bundestrainer dennoch nicht erlöst wurde.

Nun stehen Gislason auf jeder Position hochkarätige Alternativen zur Verfügung. Der Isländer muss sein Team gegen starke Spanier perfekt austarieren. Die Iberer haben sich bisher noch keine Blöße gegeben, schlugen Serbien (29:27) und Österreich (30:25) jeweils souverän. Die gute Nachricht ist: Um Belastungssteuerung mit Blick auf den weiteren Turnierverlauf muss sich das deutsche Trainerteam am Abend keinerlei Gedanken machen. Das erleichtert die Arbeit für die 60 Minuten gegen Spanien deutlich. Die schlechte Nachricht ist: Geht es schief, fahren 18 gut ausgeruhte deutsche Handball-Profis zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte nach einer EM-Vorrunde wieder nach Hause. Vielleicht spielte sich dieser Alptraum vor den geschlossenen Augen Knorrs ab, als er da lag und die Hölle um ihn losbrach.

Quelle: ntv.de

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