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150.000 beim Kentucky Derby Wenn Steffi Graf zum Pferderennen pilgert

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Das Kentucky Derby zieht seit 1875 Stars und Sternchen sowie die Massen an.

(Foto: imago/Icon SMI)

Der erste Samstag im Mai - das ist in den USA seit 1875 der Tag des Kentucky Derbys. Zum wichtigsten Pferderennen des Landes kommen bis zu 150.000 Menschen. Nun geht es jedoch nicht nur ums Sehen und gesehen werden, sondern mehr denn je um die Gesundheit der Tiere.

Kentucky ist einer dieser US-Bundesstaaten, die beim Aufzählen schon mal vergessen werden. Kentucky ist eher klein, liegt irgendwo im Nirgendwo der Fly-Over-States, die viele nur von der Luft aus kennen, wenn sie in den USA von Küste zu Küste fliegen. Heute jedoch steht Kentucky bei vielen Amerikanern im Mittelpunkt des Interesses. Auf der Rennbahn von Churchill Downs in Louisville findet das Kentucky Derby statt. Zum 145. Mal. Somit ist das Rennen für dreijährige Vollblüter die älteste Sportveranstaltung der USA.

Und "the race for the roses" wird wieder - trotz schlechter Wettervorhersage - nicht nur zu einer Art Wallfahrtsort für Pferdeliebhaber, sondern auch zur Pilgerstätte von Promis, Partygängern und Persönlichkeiten. Hollywood jettet ein, Politiker, Wirtschaftsbosse und Sportprofis ebenso. Denn das Kentucky Derby ist nicht nur ein Rennen von 20 Pferden auf einer 2000 Meter-Bahn, sondern vor allem ein Stelldichein von Millionären und Milliardären.

Auch Steffi Graf war schon Derby-Gast

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Tauschte Tennisschläger gegen Hut: Steffi Graf schaute 2012 beim Kentucky Derby vorbei.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Sie alle treffen sich - der Name verpflichtet - in der "Millionaire's Row" auf dem Grandstand. Das ist die Haupttribüne mit ihren beiden schon von weitem her sichtbaren Spitzentürmen. Von hier aus verfolgten bereits die britische Königin Elizabeth II. (2007), der ehemalige US-Präsident George W. Bush, Basketball-Legende Michael Jordan, Quarterback-Superstar Tom Brady oder auch Steffi Graf und Ehemann Andre Agassi die Rennen.

Das mittlerweile große Traditions-Event hatte einst kleine, bescheidene Anfänge. Zur Premiere, 1875, verfolgten 10000 Zuschauer das Rennen von 15 Vierbeinern. In den vergangenen 144 Jahren hat es an der 700 Central Ave in Louisville viele grandiose Geschichten, historische Triumphe, aber auch Dramen gegeben. Da war 1882 der überraschende Erfolg von "Apollo", der gewann, obwohl er als Zweijähriger noch kein einziges Rennen bestritten hatte. Welche Seltenheit dies bleiben sollte, wurde in den folgenden Jahren klar. Denn es dauerte bis 2018, ehe der "Fluch des Apollo" durch den Sieg von "Justify" gebrochen werden konnte. Justify war ebenfalls als Zweijähriger nie bei Rennen gestartet.

46 Jahre alter Bahnrekord

1913 sorgte "Donerail" für den bis heute größten Außenseiter-Sieg. 91:1 lautete die Quote für einen Triumph des Hengstes - der letztlich mit einer halben Länge Vorsprung gewann. 1973 wurde "Secretariat" in Churchill Downs zur Legende. Er triumphierte in 1:59,40 Minute - bis heute Bahnrekord. Das Herausragende: "Secretariat" wurde bis zum Ende hin immer schneller, absolvierte die jeweils folgenden 400 Meter schneller als die vorangegangenen. Und er machte mit seinem Sieg auch "Sham" berühmt, der Zweiter wurde. Seine Zeit von 1:59,80 Minute hätte bis heute in jedem Jahr zum Sieg gereicht.

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Eine der verrücktesten Stories der jüngeren Vergangenheit lieferte "Mine That Bird" 2009. Als 50:1-Außenseiter gestartet, hatte Jockey Calvin Borel mit seinem Vierbeiner bereits acht Längen Rückstand zur Spitze - und das auf einer durch Dauerregen verschlammten und somit sehr tiefen und schweren Bahn. Eingangs der letzten Kurve waren sie immer noch am Ende des Feldes, ehe Borel dann innen an allen vorbeizog und mit großem Vorsprung gewann.

58-Jähriger könnte Geschichte schreiben

Diesmal könnte Jon Court sich einen Namen machen und mit 58 Jahren der älteste Gewinner der Kentucky Derby-Geschichte werden. "Ich mag zwar 58 sein, aber ich bin nicht der typische 58-Jährige", sagt Court. Er hat in seinen 39 Jahren als Jockey bereits 4148 Rennen gewonnen - ein Triumph beim Kentucky Derby fehlt ihm jedoch noch. Doch diesmal wird es nicht nur um Sieger gehen und um Platzierte. Nein, dieses 145. Kentucky Derby wird anders sein. Natürlich wird es überall im Land wieder Derby-Parties geben. Selbstverständlich werden sich Frauen extravagante Hüte aufsetzen - je größer und knalliger, desto besser - und Männer in bunte Anzüge schlüpfen und knallige Fliegen tragen. Doch Amerika wird in diesem Jahr noch etwas genauer hinschauen, als sonst. Denn die Rennpferde-Branche hat gerade einen schlechten Ruf. Einige sagen gar, sie kämpfe ums Überleben.

Pferdefriedhof Santa Anita Park

Auf der Rennbahn im Santa Anita Park, etwas außerhalb von Los Angeles, waren zwischen Ende Dezember und Ende März 23 Pferde so schwer gestürzt, dass sie eingeschläfert werden mussten. Tierschützer und Tierrechtler protestierten, der Gouverneur von Kalifornien wurde eingeschaltet, die Staatsanwaltschaft nahm Untersuchungen auf und selbst in Washington wurde der Pferdefriedhof Santa Anita Park auf der politischen Bühne zum Thema. Amerika ist seitdem sensibilisiert. Und, Amerika war, wie es scheint, bislang ganz schön naiv oder einfach schlecht informiert.

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Extravagante Hüte, feiner Zwirn: Die Zuschauer jubeln beim Kentucky Derby gerne mit Stil.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Denn die "New York Times" berichtete in dieser Woche unter der Überschrift "Gebete beim Kentucky Derby für ein sicheres Rennen", dass laut Daten der "Jockey Club's Equipe Injurie Database" im vergangenen Jahr pro Woche etwa zehn Pferde auf US-Rennbahnen ums Leben kamen. Diese Todes-Rate, so die Tageszeitung, sei "zweieinhalb bis fünfmal höher als bei Pferderennen in jedem anderen Land." Man müsse, sagt Craig Fravel, der Tatsache ins Auge sehen, dass sich das Umfeld verändert habe und die Vorstellung vermindern, dass Pferde jenseits ihres Leistungsvermögens eingesetzt würden.

Fravel ist der Präsident der Breeders Cup World Championship - Amerikas höchstdotierter Rennserie. Er ist um Schadensbegrenzung bemüht. Der Job der Rennveranstalter sei es, morgens aufzustehen, in den Spiegel zu schauen und sich zu fragen: Habe ich wirklich das Maximale dafür getan, das Unfallrisiko zu minimieren? Churchill Downs war schon einmal der Ort eines tragischen Moments. 2008 hatte "Eight Belles" das Kentucky Derby als Zweite beendet. Nur wenige Meter nach dem Zieldurchlauf stürzte die Stute jedoch und brach sich beide Vorderbeine - und zwar vor den laufenden Kameras des übertragenden, landesweiten TV-Senders. Ein Millionen-Publikum wurde Zeuge, wie "Eight Belles" noch auf der Rennbahn eingeschläfert werden musste. Ein weiteres derartiges Erlebnis, ausgerechnet beim wichtigsten Rennen des Jahres, würde die Branche bei aller Tradition und Historie des Kentucky Derby wohl nur schwer überstehen.

Quelle: n-tv.de